Wie Sachsen um seine Fachkräfte ringt | Freie Presse


In vielen Branchen können sich Leute heute ihren Job aussuchen. Wie reagiert die Wirtschaft, welche Instrumente gibt es? Die “Freie Presse” widmet sich in einem Spezial diesem Schwerpunkt.

Chemnitz.

Nach Jahrzehnten mit hoher Arbeitslosigkeit hat sich die Lage auf dem sächsischen Arbeitsmarkt komplett verändert. Arbeitnehmer können sich oft unter etlichen freien Stellen ihren Job auswählen, Arbeitgeber müssen hingegen um Mitarbeiter werben; immer mehr Stellen bleiben lange unbesetzt. Nach einer Analyse der Bundesagentur für Arbeit im Auftrag der “Freien Presse” standen im Jahr 2004 einer offenen Stelle im Freistaat 49 Arbeitslose gegenüber, aktuell liegt das Verhältnis bei 1:3. Aus Massenarbeitslosigkeit ist in vielen Bereichen Fachkräftemangel geworden.

So gibt es inzwischen eine ganze Liste von Berufsgruppen mit mehr offenen Stellen als Arbeitskräften. Solche Fachkräftelücken bestehen vor allem in der Pflege, aber auch in Bereichen wie Energietechnik, Sanitär und Heizung, Mechatronik und Automatisierungstechnik. Von einem allgemeinen Fachkräftemangel sei Sachsen zwar noch weit entfernt, sagt Frank Vollgold von der Chemnitzer Arbeitsagentur. In einigen Berufen sei der Arbeitsmarkt aber nahezu leer gefegt. Das Problem: Es gibt zwar immer noch über 100.000 Arbeitslose, sie passen aber immer schlechter zu den offenen Stellen. So will etwa jeder zweite Arbeitslose als Helfer arbeiten, nur jede fünfte Stelle ist dafür aber geeignet.

Eine Möglichkeit zur Fachkräftesicherung ist die Zuwanderung aus dem Ausland. Sachsen hat hier noch großen Nachholbedarf. Der Anteil internationaler Arbeitskräfte lag Mitte 2021 bei 6,5 Prozent, im Bundesschnitt waren es 13,4 Prozent. Die Vereinigung der Sächsischen Wirtschaft (VSW) beklagt eine schleppende Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse. Bei Entscheidungen mit Auflagen vergingen im Schnitt 441 Tage bis zur Gleichwertigkeit, hieß es.

Die Arbeitsagentur sieht bei der Fachkräftegewinnung noch andere Säulen: So sind aktuell 131.800 Beschäftigte in Sachsen ohne Berufsabschluss. Ein Teil von ihnen könnte – mit Förderung – zu Fachkräften qualifiziert werden. Für Beschäftigte, die sich auch nach längerem Berufsleben noch beruflich neu orientieren wollen, gibt es neuerdings Berufsberater für Erwachsene. Schließlich, so Agentursprecher Vollgold, spiele auch die Arbeitszeit eine Rolle. So arbeitet mehr als eine halbe Million Beschäftigte in Sachsen nur in Teilzeit. Auch der Verband VSW sieht großes Potenzial in der Senkung der Teilzeitquote, insbesondere in Kitas und Schulen. Der öffentliche Dienst, so die Kritik, absorbiere vor allem in Sachsen immer mehr Arbeitskräfte, die der Wirtschaft fehlten.



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