Wie die Weltbank Wald-Zertifikate vorantreiben will


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Brandrodung in Indonesien
Waldzerstörung in Indonesien. Das Land ist an der Weltbank-Roadmap beteiligt. © epa Rian Anggor/dpa

Die „Roadmap“ der Weltbank für den Handel mit Kohlenstoff-Zertifikaten aus Waldschutz soll Missbrauch und falsche Bilanzierung vermeiden. NGOs auf der COP28 sind skeptisch.

Die Weltbank hat auf der COP28 in Dubai Pläne vorgestellt, die das Wachstum von „hoch integren“ globalen Kohlenstoffmärkten erleichtern sollen. Der verstärkte Handel nach Weltbankstandards soll bereits im kommenden Jahr beginnen. An der „World Bank Engagement Roadmap for High-Integrity Carbon Markets“ beteiligen sich 15 Länder: Chile, Costa Rica, Elfenbeinküste, die Demokratische Republik Kongo, die Dominikanische Republik, Fidschi, Ghana, Guatemala, Indonesien, Laos, Madagaskar, Mosambik, Nepal, die Republik Kongo und Vietnam. Ihre Kohlenstoff-Zertifikate sollen durch Waldschutz generiert werden.  

Durch den Handel mit den Zertifikaten könnten „mit natürlichen Ressourcen, zum Beispiel Wäldern, gesegnete Länder und Gemeinden“ sich künftig „Millionen oder gar Milliarden Dollar an neuem Einkommen erschließen“, schreibt die Bank. 
Demnach könnten durch die Initiative im kommenden Jahr bereits mehr als 24 Millionen Zertifikate ausgegeben werden. Bis 2028 könnte die Zahl auf 126 Millionen steigen. Günstige Marktbedingungen vorausgesetzt, könnte mit den Zertifikaten bis zu 2,5 Milliarden US-Dollar an Einkommen erzielt werden, schätzt die Bank. „Ein großer Teil davon könnte an die Gemeinden und Länder zurückfließen“. 

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Diese Analyse liegt IPPEN.MEDIA im Zuge einer Kooperation mit dem Climate.Table Professional Briefing vor – zuerst veröffentlicht hatte sie Climate.Table am 02. Dezember 2023.

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Kritik am Zertifikatehandel 

Der Handel mit solchen Waldschutzzertifikaten war in den vergangenen Monaten stark in die Kritik geraten, denn ihre Klimaschutzwirkung ist umstritten. In mehreren Fällen haben Recherchen und Studien gezeigt, dass durch Waldschutz viel weniger CO₂ eingespart worden war, als die Papiere verbrieft hatten.  

Der Effekt kann etwa durch unklare Buchhaltungsregeln entstehen. Zudem ist es nicht einfach festzustellen, wie viel Entwaldung ohne ein zertifiziertes Schutzprojekt geschehen wäre. Die Bilanzierung der Kohlenstoffspeicherung im Wald ist komplex. Manchmal führen Waldprojekte auch dazu, dass Abholzung woanders stattfindet. Ihre Schutzwirkung kann zeitlich begrenzt sein – Waldbrände können den Wald beispielsweise schnell vernichten. Oft wird auch kritisiert, dass die Projekte negative Auswirkungen auf indigene und lokale Gemeinden haben.

Weltbank betont Integrität der Zertifikate

Die Weltbank will das vermeiden. Sie sagt, ihre Zertifikate seien aus zwei Gründen besonders integer:  

  • bezogen auf die Umweltwirkung: Die Weltbank will sicherstellen, dass die Zertifikate nur einmal ausgegeben und gezählt werden, und dass sie auf einer realen Grundlage basieren sowie zusätzlichen, permanenten und messbaren Klimaschutz bedeuten.
  • bezogen auf ihre sozialen Auswirkungen: Indigene und lokale Gemeinschaften sollen besonders von den Zertifikaten profitieren.

Jedes Zertifikat soll von einer dritten Partei geprüft und verifiziert werden. Dass Waldschutz in einer Region zu mehr Entwaldung anderswo führt, soll ebenfalls vermieden werden. Die Länder sollen selbst entscheiden können, wie sie ihre Zertifikate verwenden, zum Beispiel für zusätzliche Einkommen oder indem sie die Zertifikate in ihren nationalen Klimazielen (NDCs) verbuchen. Das ist ein klarer Verweis auf das Pariser Klimaabkommen.

Vorsichtige und zweifelnde NGOs

Gilles Dufrasne von der Nichtregierungsorganisation Carbon Market Watch bezweifelt jedoch, dass die Weltbank-Zertifikate besser wirken als andere: „Ich sehe nicht, warum diese Initiative vertrauenswürdiger sein sollte als andere“, sagt er. Dufrasne sieht trotz der Beteuerung die Gefahr, dass eine große Menge an „Junk Credits“ ausgegeben werde.
In der Realität sei es kaum möglich, alle Probleme rund um Waldzertifikate zu kontrollieren. Da es so viele Unsicherheiten gebe, seien „Waldzertifikate grundsätzlich ungeeignet für Kompensation oder quantifizierbare Einsparungen von CO₂“.

Trotzdem könne er verstehen, dass Entwicklungsländer versuchen, Waldzertifikate zu verkaufen: „Die Länder suchen händeringend nach Finanzierungsmöglichkeiten für Waldschutz“, sagt er. Er sei systemisches Versagen, dass das Geld nicht auf anderem Weg bereitgestellt werde.

Levi Sucre Romero, ein Angehöriger der Bribri aus Costa Rica und Koordinator der Mesoamerikanischen Allianz von Völkern und Wäldern, äußerte sich ebenfalls vorsichtig. „Ob wir als indigene Völker diesen Plan begrüßen, wird davon abhängen, welche Bedingungen er für die nationale REDD+-Strategie formuliert“, sagte er. Im Fall Costa Ricas gebe es einen solchen klaren Rahmen, der zwischen den indigenen Völkern und der Regierung vereinbart sei, doch sein Land stelle eine Ausnahme dar. In anderen Ländern, die an der Roadmap beteiligt seien, sei das noch nicht der Fall. „Dort wird jedes Volk selbst entscheiden müssen.“ Die Rechte der Indigenen müssten aber in jedem Fall gewahrt bleiben.

Märkte werden wohl wachsen

Artikel 6 des Pariser Klimaabkommens sieht vor, dass Emissionsminderungen (Internationally Transferred Mitigation Outcomes, ITMOs) zwischen Staaten handelbar sind. Das bezieht sich insbesondere auf Waldschutz, oftmals werden darunter Ergebnisse von REDD+-Programmen verstanden. Auf der COP26 in Glasgow wurden dazu einige Details vereinbart. Aber wie genau die Kohlenstoffmärkte nach Artikel 6 insgesamt geregelt werden sollen, ist noch nicht geregelt.  

Davon abzugrenzen sind freiwillige Kohlenstoffmärkte (Voluntary Carbon Markets), auf denen Unternehmen Zertifikate handeln, um ihre selbst gesetzten Klimaziele zu erfüllen. Die Weltbank geht davon aus, dass der Markt für Kohlenstoff-Zertifikate wachsen wird. Sie erwartet, dass gerade die freiwillig gehandelten Zertifikate dabei zunächst eine größere Rolle spielen müssen, unter anderem, weil die Infrastruktur und Institutionen in vielen Ländern noch nicht auf den Handel nach Artikel 6 ausgelegt sei.  

Doch dafür müssten die freiwilligen Märkte strengen Regeln genügen, gut kontrolliert werden und transparent sein, so die Weltbank. Ihre Roadmap soll dazu beitragen, „das Potenzial zu erschließen“. 

Die Roadmap basiert auf der Forest Carbon Partnership Facility (FCPF), in der die Weltbank seit 2008 gemeinsam mit Regierungen und lokalen Gemeinden Kohlenstoffmärkte vorantreibt. Doch auch die FCPF wird immer wieder dafür kritisiert, dass sie wenig konkrete Ergebnisse im Waldschutz vorweisen kann. 



Quellenlink https://www.fr.de/politik/cop28-weltbank-wald-zertifikatehandel-missbrauch-klima-tbl-zr-92717652.html