Wie die große Berliner Regenwasseroffensive die Stadt retten soll


Noch wühlen sie hier im Matsch. Kräne drehen sich, Laster fahren über Bauwege, Häuser wachsen in die Höhe. Auf den Buckower Feldern muss man aufpassen, nicht unter die Räder zu kommen. Matschmonat Dezember: Schwer vorstellbar, wie es sich anfühlen wird, hier zu wohnen – wenn im Sommer wieder Hitze das Leben in der steinernen Stadt Berlin prägen wird. Mit Wochen zwischen 30 und 40 Grad im Schatten, kaum Regen, wenig Luftaustausch und Starkregen an anderen Tagen, krass und unkontrolliert.

Aber Moment mal. Regnet es überhaupt noch? Selbst der November war trocken. Wie alle Monate dieses Jahres. Trockenheit wird in der Region zum größten Problem der näheren Zukunft werden. „Im Jahr 2020 war Berlin mit einer Jahresdurchschnittstemperatur von 11,4 Grad das mit Abstand wärmste Bundesland“, informiert die Senatsverwaltung für Umwelt, Mobilität, Verbraucher- und Klimaschutz zu den Auswirkungen des Klimawandels. Im Berliner Raum ist die Temperatur im Jahresmittel seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1881 um circa 1,3 Grad angestiegen.

Und so wird es weitergehen: Für die nahe Zukunft prognostizieren Klimaforscher für die deutsche Hauptstadt 1,2 bis 1,9 Grad mehr, bis zum Ende des 21. Jahrhunderts können es fast vier Grad werden. Das bedeutet mehr Wärme, weniger Kälte, lange Trockenphasen im Sommer. Dafür hatten Klimaforscher von mehr Regen in den kühleren Jahreszeiten gesprochen. Bisher ist davon allerdings nichts zu spüren. Schon jetzt sind zwei Drittel der Tage im Jahr niederschlagsfrei. Im Jahr 2020 war Berlin mit rund 492 Litern pro Quadratmeter die trockenste Region Deutschlands. Das aktuelle Jahr könnte diesen Wert noch unterschreiten.

Die Klimaerwärmung findet statt, egal was Klimakonferenzen wie die COP27 mit ihren mageren Ergebnissen gerade in diesem November noch an Verträgen zur Begrenzung des menschengemachten Anteils an der Erwärmung zu Wege bringen. Es wird Zeit, sich anzupassen – die Bewohner der Stadt, die Strukturen, die Art, wie wir leben. Aber wie machen wir das in einer Stadt wie Berlin, einer Metropole, in der die gewachsene Baustruktur nicht auf diese Extreme ausgelegt ist?

Ein Trinkbrunnen in Berlin.

Ein Trinkbrunnen in Berlin.Sabine Gudath

Über 200 Trinkbrunnen

Es ist jedenfalls nicht damit getan, Trinkbrunnen gegen den großen Durst in der Stadt aufzustellen. Davon gibt es mittlerweile einige, über 200, drei Viertel sind neu und jedes Jahr sollen 15 dazukommen. Aber Durst, wenn es heiß wird, ist ein vergleichsweise leicht zu lösendes Problem. Die Stadt braucht mehr: einen grundsätzlichen Umbau.

Die gute Nachricht ist: Es gibt schon eine Menge Projekte und Pläne, um die Situation zu verbessern. Manches davon wirkt wie aus einer Öko-Bibel entnommen. Sogar die Regenwasserzisterne erfährt eine Renaissance. Aber es gibt auch schlechte Nachrichten: Es bleibt wahnsinnig viel zu tun und alles ist noch sehr zaghaft und am Anfang. Eine Konzeptstudie zur Klimafolgenanpassung ließ der Senat im Jahr 2016 erarbeiten. Die Umsetzungsstrategie nahm die Jahre bis 2021 in den Blick, bis 2030 ist vage von einem Entwicklungshorizont die Rede. Seitdem nichts Neues.

Buckower Felder: Gründächer, Rigolen und Mulden

Auf den Buckower Feldern ist zu sehen, wie eine Anpassung an die Veränderungen im großen Stil funktionieren kann. Die kleine Stadt mit 900 Wohnungen, die hier für mehrere Tausend Bewohner entsteht, reagiert auf beides: mehr Wärme und Phänomene wie Starkregen. Es geht dabei nicht nur um energieeffiziente Gebäude mit umweltfreundlicher Energieversorgung, die wird es hier auch geben. Besonders macht dieses Neubauprojekt ein anderer Umgang mit Regenwasser. Wenn Regen schon fällt, soll er nicht mehr abgeleitet werden in Kanäle, sondern aufgesogen und wieder abgegeben werden, wenn Wasser benötigt wird – mit vielen Vorteilen für das Wohnen im Quartier.

In Buckow wird nach dem viel diskutierten Schwammstadt-Prinzip gebaut. Stephan Natz, Sprecher der Berliner Wasserbetriebe, gerät regelrecht ins Schwärmen am Telefon, wenn er erklärt, wie die Stadt Regenwasser aufsaugen soll wie ein Schwamm und wieder abgeben, wenn es gebraucht wird. „Ein tolles Prinzip. Wir haben etwa ein Dutzend Quartiere, die gerade in Berlin nach diesem Modell gebaut werden“, sagt er. Die Wasserbetriebe wollen dafür sorgen, dass ganz Berlin zur Schwammstadt wird.

Blick auf die Berliner Gropiusstadt.

Blick auf die Berliner Gropiusstadt.imago/ochen Eckel

Im Neubau funktioniert das schon mal ganz gut. Auf der Internetseite der Wohnungsbaugesellschaft Stadt und Land, die das Stadtviertel auf den ehemaligen Buckower Feldern baut, ist ein Video verlinkt. Es zeigt, wie die Theorie umgesetzt wird. Der Zuschauer begleitet Nicolaus Neidhardt von der Ingenieurgesellschaft Prof. Dr. Sieker mbH bei einem Baustellenspaziergang. Die Firma hat die Regenwasserplanung auf dem 16 Hektar großen Baufeld konzipiert und kümmert sich um die Umsetzung.

Wenn das Wohngebiet einmal fertig ist, wird Regenwasser nicht mehr in Gullys verschwinden wie sonst in der Stadt. 80 Prozent aller Dächer sind Gründächer, die Wasser aufsaugen und günstig auf das Aufenthaltsklima wirken. Von versiegelten Flächen, den Straßen, fließt das Wasser in Mulden. „Üblicherweise bekommen Straßenbäume von abgeleitetem Regenwasser nichts ab“, sagt Neidhardt. In Buckow werden die Bäume in eigene kleine Speicher (Rigolen) innerhalb dieser Mulden gepflanzt, sodass das abgeleitete Straßenwasser den Bäumen zur Verfügung steht.

Darüber hinaus ist das ganze Quartier auch schon gar nicht mehr an den öffentlichen Berliner Regenwasserkanal angeschlossen. Stattdessen fließt Regenwasser in große Vertiefungen in einem kleinen Landschaftspark – ausgelegt für besonders krassen Starkregen, der nur einmal in hundert Jahren zu erwarten ist. Bepflanzt wird der Park mit Schilf und Bodendeckern, sodass die Feuchtigkeit wieder verdunsten kann. Für die Bewohner ergibt das ein angenehmes und im Sommer kühlendes Mikroklima.

So müsste es in der ganzen Stadt sein, soll das Leben in den immer längeren heißen Sommerphasen angenehm bleiben.

Probleme in der Innenstadt

Das Schwammstadt-Prinzip ist in der Innenstadt, etwa an der Kantstraße in Charlottenburg, im Scheunenviertel in Mitte oder im Samariterviertel in Friedrichshain, nur schwer vorstellbar. „Unser Problem ist nicht der Neubau, sondern der Bestand“, sagt entsprechend auch Stephan Natz von den Wasserbetrieben. Er nennt Berlin „die Sahelzone Deutschlands“. Jeder Tropfen Regenwasser müsse an Ort und Stelle versickert und nicht mehr auf Nimmerwiedersehen über Spree und Havel in die Elbe geschickt werden.

Perspektivisch wollen die Wasserbetriebe Grundstück für Grundstück inspizieren und den Grad versiegelter Flächen überprüfen und verringern – auch bei Einfamilienhäusern, Carport für Carport. Im mehrstöckigen Bau gibt es Projekte für mehr Fassadenbegrünung und Gründächer, aber das alles dauert zu lange. „Mit dem jetzigen Tempo des Klimawandels haben wir vor zehn Jahren noch nicht gerechnet“, sagt Natz. Gehwege und Straßen müssen anders gestaltet werden, um das Wasser in Mulden und zu den Straßenbäumen zu leiten. Plätze sollen verändert werden, sodass Wasser wieder versickern kann. Firmen müssten Synergien für eine gemeinsame Wassernutzung schaffen. Eigentürmer und Bauherren brauchen Beratung. Die Aufgabe ist gewaltig.

Die Regenwasseragentur

Berlin hat für diese Herkulesaufgabe vor einigen Jahren eine Regenwasseragentur gegründet. Ziel ist es, jedes Jahr weniger Regenwasser in die Kanäle und Flüsse einzuleiten. Während das für den Neubau zu regeln ist, sieht es beim Bestand eher nach eine Generationenaufgabe aus. Das haben Politik und Stadtverwaltung längst gemerkt.

Hatte sich die vergangene Koalition noch vorgenommen, jedes Jahr ein Prozent der öffentlichen Flächen von der Kanalisation abzukoppeln, ist das Vorhaben jetzt weicher formuliert und erst mal nur auf den Landwehrkanal bezogen. Jede Gelegenheit soll genutzt werden, jede Baustelle also, um die Wasserdurchlässigkeit zu erhöhen. Vorgeschrieben ist das allerdings nicht. Die Anpassung erfolgt eher zufällig – wenn irgendwo gebaut wird und je nach Aufgeschlossenheit der Sachbearbeiter in den Grünflächenämtern. Es fehlen Normen, die den Prozess regeln.

Gendarmenmarkt, Platz der Luftbrücke, Friedhöfe Landsberger Allee

Und doch gibt es überall kleine Anfänge eines Stadtumbaus. „Erst mal haben die Projekte Pilotcharakter“, sagt Grit Diesing von der Regenwasseragentur. Heraus kommt auch oft nur ein Kompromiss, weil Denkmalschutz oder praktische Erwägungen, wie etwa die Reinigung der Plätze und Straßen, einer perfekten Durchlässigkeit entgegenstehen. Und trotzdem ist der Aufwand auch unter diesen Einschränkungen schon groß. Am Gendarmenmarkt in Mitte wird nun zum Beispiel erst mal zwei Jahre lang gebaut werden. Regen soll in einer Rinne eingesammelt und von Verunreinigungen befreit werden, bevor er in unterirdische Rigolen, also kieshaltige Schächte wie in Buckow, fließt und dort langsam versickert. Die Technik wird man nicht sehen, sie arbeitet unter dem Pflaster.

Das Luftbrückendenkmal auf dem Platz der Luftbrücke.

Das Luftbrückendenkmal auf dem Platz der Luftbrücke.imago/Günter Schneider

Ein ähnliches Konzept gibt es für den Platz der Luftbrücke, aber anders als beim Gendarmenmarkt, wo bereits mit dem Umbau begonnen wurde, ist er in Tempelhof bisher nur ein Plan. In Spandau entschied man sich für etwas anderes. Auf dem Marktplatz in der Altstadt fließt das Wasser zuerst in eine Zisterne zur weiteren Nutzung.

Verschiedene Ideen an verschiedenen Orten. Das sei durchaus gewollt, sagt Grit Diesing. „Es sind auch nicht überall Gründächer eine Lösung“, sagt sie. Die Regenwasseragentur gibt Bauherren Expertise. Denn es gibt viele Möglichkeiten, etwas zu verbessern, etwa mit Tiefbeeten, der Auswahl von Pflanzen für Grünflächen und Dächer, aber auch der Konstruktion und Gestaltung für Speicherräume für Wasser.

Das verändert das Denken. So sieht Grit Diesing Gebäude nicht als steinerne Klötze, die Hitze speichern und dem Regen, wenn er denn mal fällt, im Wege stehen. Umgebende Gebäude bezeichnet sie als Wassergeber. Die Feuchtigkeit, die auf Dachflächen gesammelt wird, kann einem neuen Zweck zugeführt werden. Man muss es nur tun.

Das passiert in Friedrichshain. Auf den Friedhöfen an der Landsberger Allee kommt Wasser für Pflanzen aus einer Zisterne, in die das Regenwasser von den Dächern eines riesigen, benachbarten Bürogebäudekomplexes geleitet wird. Regen gilt bei der Agentur nicht als Wettererscheinung, sondern als Ressource. „Unser Ziel ist ein möglichst natürlicher Wasserhaushalt mit möglichst viel Verdunstung“, sagt Grit Diesing.

Neue Wasserwerke und Kläranlagen

Allerdings muss der Regen erst mal fallen, und das geschieht zunehmend seltener. Die Zeiten, in denen Deutschland als wasserreich galt, sind vorbei. Über die Flüsse kommt weniger Wasser nach Berlin als früher. Das ist ein Problem für die Trinkwassergewinnung. Dem will das Land Berlin jetzt mit einem Masterplan Wasser begegnen. Bei den Wasserbetrieben klingt es weniger großspurig: Ein Resilienz-Konzept soll helfen. Und dann soll auch noch versucht werden, die Versorgung mit Brandenburg gemeinsam zu regeln. Allen Plänen gemeinsam ist der Wunsch, Wasser künftig besser in der Region zu halten und es nicht mehr über die Flüsse abzuleiten.

Das betrifft auch das Abwasser. Künftig soll Schmutzwasser so gereinigt werden, dass wir es wiederbenutzen können. Echte Kreisläufe könnten entstehen. Alle Klärwerke sollen um weitere Reinigungsstufen aufgerüstet werden, sodass auch Spurenstoffe aus Arzneimitteln und Reinigern herausgefiltert werden können. Wo die Technik veraltet ist, sind neue Klärwerke geplant, zum Beispiel in Stahnsdorf. Das interessiert Brandenburger Gemeinden. Das gereinigte Berliner Abwasser wird dort als Retter für austrocknende Seen und Feuchtgebiete gewürdigt. Es gab schon Anfragen bei den Wasserbetrieben.

Aber auch die Trinkwassergewinnung aus dem Boden entlang der Flüsse muss aufgerüstet werden. Von den sieben nach der Wende stillgelegten Werken werden drei wieder aktiviert. In Jungfernheide, Johannisthal und Buch wird neu gebaut.

Und trotzdem wird es Restriktionen bei der Gartenbewässerung und Poolnutzung geben müssen. Im Sommer verbraucht Berlin fast doppelt so viel Wasser wie jetzt im Herbst. Vom Gartenwasser komme allerdings im Grundwasser nichts an. „Das verdunstet alles“, sagt Stephan Natz von den Wasserbetrieben. Gartenbesitzer werden nicht begeistert sein. Auch sie werden sich umstellen müssen.



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