Wie Berlin zur Beute von Gier und Unfähigkeit wurde


3000 Polizisten rückten mit Räumpanzern, Wasserwerfern und Hubschraubern an. Die vermummten Hausbesetzer, die eine ganze Häuserzeile sieben Monate lang gehalten hatten, warfen Pflastersteine und Aschesäcke von den Dächern. Im November 1990, nur wenige Wochen nach dem Beitritt der DDR zur BRD, wurde die Mainzer Straße in Friedrichshain zum Schlachtfeld. Als „Bürgerkrieg von westdeutschen Polizisten mit westdeutschen Haubesetzern in Ostberlin“ erlebte Andrej Holm damals die Szenerie – es waren seine ersten Demokratie-Erfahrungen mit dem neuen Staat. Die Alternative Liste unter Renate Künast trat damals aus der Regierung mit der SPD aus. SPD-Senatoren wie Innensenator Pätzold und Bausenator Nagel hatten die gewaltsame Räumung verantwortet.

Die fünfteilige Arte-Doku „Capital B“ setzt in der Wendezeit ein – Capital steht sowohl für Hauptstadt als auch für das Kapital. Der Untertitel „Wem gehört Berlin?“ bezieht sich nicht nur auf Besitzer und Besetzer, sondern wird weiter gefasst. „Die Stadt gehört denjenigen, die sie gestalten – und nicht denjenigen, die sie besitzen, aufwerten und wieder verkaufen“, fasst die Rapperin Sookee am Ende zusammen. Eigentum heißt hier eher: Sich die Stadt zu eigen machen. Autor Florian Opitz setzt sich schon seit Jahren kritisch mit dem Kapitalismus auseinander. Seine Doku „Der große Ausverkauf“ über Privatisierungen weltweit bekam den Grimme-Preis.


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Nun sind Berlin-Chroniken ja ohnehin eine Spezialdisziplin des RBB. Doch in der Reihe „Schicksalsjahre“ war für den Straßenkampf in der Mainzer Straße nur zwei Minuten Platz. „Capital B“ aber bleibt nicht im Episodischen, sondern zeigt Entwicklungslinien über 30 Jahre auf – und zwar mit Interviewpartnern, die sich während der gesamten Zeit an den Fronten gegenüberstanden. Damalige Hausbesetzer wie der Mieteraktivist Sandy Kaltenborn und der Stadtsoziologe Andrej Holm sind heute gefragte Gentrifizierungsexperten. Kreative Berlin-Gestalter wie die Clubbet‚reiber Dimitri Hegemann ‘und Johnny Stieler vom Tresor oder Steffi Lotta und Christoph Klenzendorf von der Bar 25, dazu Musiker wie Sookee, Kool Savas und Pierre Baigorry alias Peter Fox geben Auskünfte, wie sie sich ihre Freiräume schufen.

Die Berlin-Hymne „Schwarz zu Blau“ eröffnet alle Folgen: „Guten Morgen Berlin, du kannst so hässlich sein, so dreckig und grau. Du kannst so schön schrecklich sein, deine Nächte fressen dich auf.“ So dicht, so bildreich und so kontrastreich wie dieser Song ist die gesamte Doku – insgesamt gut viereinhalb Stunden lang.

Die Seite der Politiker ist prominent vertreten mit den CDU-Buddys Eberhard Diepgen und Klaus-Rüdiger Landowsky, deren hochfliegende Metropolenträume in den 1990ern scheiterten. Renate Künast und Wolfgang Wieland von den Grünen nehmen den Größenwahn genüsslich auseinander. Klaus Wowereit, Thilo Sarrazin und Franziska Giffey erklären die SPD-geführte Stadtpolitik, die ein schweres Erbe übernahm und auf vielen Feldern ebenfalls scheiterte. Anschaulich führt „Capital B“ vor, wie ein Fiasko das nächste nach sich zog. Denn auf die milliardenschwere Pleite der Bankgesellschaft Berlin, aufbereitet in der dritten Folge „Absturz“, folgten die Sparexzesse unter dem SPD-Duo Wowereit/Sarrazin, bei dem kommunale Wohnungsgesellschaften wie die GSW an die Deutsche Wohnen verscherbelt wurden. Bezeichnend: Kein verantwortlicher Politiker gesteht im Rückblick gravierende Fehler ein. „Berlin ist toll – trotz der Politiker“, fasst Tresor-Macher Johnny Stieler zusammen.

Ein Pflichtprogramm für alle, die das Berlin von heute verstehen wollen, ist die abschließende Folge, die die Gentrifizierung ab 2009 analysiert. Den beredten Titel „Die Stadt als Beute“ hat Autor Opitz beim Kollegen Andreas Wilcke entlehnt, aus dessen Dokumentarfilm er auch zitiert. Als aktuellen Vertreter der Immobilienwirtschaft holt er Jürgen Leibfried vor die Kamera, erklärt aber leider nicht, welche Projekte dessen Firma Bauwert der Hauptstadt so beschert hat: Unter anderem die abgeschotteten „Kronprinzengärten“, deren Bauarbeiten die benachbarte Friedrichswerdersche Kirche stark beschädigt haben. Leibfried hält alle Forderungen nach Vergesellschaftung natürlich für „Schnapsideen“ und beweist immer wieder seine soziale Kälte, etwa, wenn er die bisherigen Mieten als „lächerlich niedrig“ bezeichnet.

Vor allem aber zeigt die finale Folge, wie sich Mieteraktivisten dagegen wehren, dass ihre Stadt komplett zur Beute des Kapitals wird. Der Westdeutsche Sandy Kaltenborn von der Initiative „Kotti & Co“, und der Ost-Berliner Andrej Holm waren 1990 in der Mainzer Straße vor Ort und sind bei den Demos zum Volksentscheid „Deutsche Wohnen & Co enteignen“ wieder auf der Straße. Ob Ost oder West – das spielt beim Kampf um die Häuser schon lange keine Rolle mehr.

Capital B. Doku in fünf Folgen, drei Folgen am 3.10., 20.15 Uhr; zwei Folgen am 4.10., 20.15 Uhr. Oder in den Mediatheken (jetzt schon auf arte.tv, ab 3.10. auch ardmediathek.de). Der Film „Die Stadt als Beute“ ist in der Mediathek der Bundeszentrale für politische Bildung kostenlos abrufbar.



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