Wer in Spanien Erneuerbare ausbauen will, braucht einen großen Plan für die Region


Madrid Spaniens Kohlekraftwerke liegen überwiegend in strukturschwachen Regionen. Schließt ein Kraftwerk, trifft das die umliegenden Kommunen hart, schließlich ist die Energieerzeugung oftmals der wichtigste Wirtschaftsfaktor.

Die spanische Regierung vergibt das Recht zur Erzeugung von Strom, der statt des Kohlestroms ins Netz gelangt, deshalb nach einem neuen Prinzip: Dasjenige Unternehmen, das rund um die Stromproduktion aus erneuerbaren Quellen den besten Plan hat, um die ehemaligen Kohleregionen neu zu beleben, bekommt den Zuschlag. Bislang wurde der Netzzugang erteilt, wenn ein Unternehmen die nötigen technologischen Kriterien erfüllt und die Umweltprüfung bestanden hatte.

„Die Kapazität eines Kohlekraftwerks zur Stromerzeugung einfach durch Erneuerbare zu ersetzen ist nicht unbedingt gut für die Beschäftigung in der Region, weil dabei Jobs verloren gehen“, erklärt Laura Martin Murillo. Sie leitet das „Institut für eine gerechte Transformation“, das dem Ministerium für den ökologischen Wandel unterstellt ist. Es wurde 2020 gegründet und soll dabei helfen, die Transformation der spanischen Wirtschaft möglichst verträglich für alle Betroffenen zu machen.

Spanien ist beim Kohleausstieg deutlich weiter als Deutschland: Die einstmals 15 spanischen Kohlekraftwerke sind alle geschlossen oder auf dem Weg dahin. Um zu verhindern, dass ganze Regionen veröden, soll Murillo dafür sorgen, dass in den einstigen Kraftwerksregionen neue Wirtschaftszweige und Jobs entstehen.

Die erste Ausschreibung nach den neuen Kriterien fand Ende 2021 in der nordwestlichen Provinz Teruel statt. Zwölf Unternehmen haben sich dort für den Netzzugang beworben und einen Plan für den regionalen Wandel vorgelegt. Nach spanischen Angaben war es europaweit die erste Ausschreibung, bei der der regionale Nutzen den Ausschlag gegeben hat.

Energiekonzerne sind auf Anwohner als Mitarbeiter angewiesen

Die neuen Ausschreibungen funktionieren nach einem Punktesystem, das je nach lokalen Gegebenheiten variiert. In Teruel gab es 25 und damit die meisten der 100 zu vergebenden Punkte für die Schaffung von Jobs, 14 für die Entwicklung der lokalen Wirtschaft, acht für Weiterbildung der bisherigen Kraftwerksbeschäftigten und weitere acht für Pläne zum Eigenverbrauch von Strom aus Erneuerbaren. Insgesamt also 55 Punkte für wirtschaftlich-soziale Kriterien. Der Rest entfiel auf die spezifische Technologie der Erneuerbaren, die Projektreife sowie den Grad der Umweltbelastung.

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Den Zuschlag hat der Energiekonzern Endesa erhalten, der zuvor auch das Kohlekraftwerk betrieben hatte. Ganz neu war die Art der Vergabe für den Konzern jedoch nicht. „Wir entwickeln überall, wo wir Kohlekraftwerke schließen, einen Plan, um Jobs zu sichern und neue Perspektiven für die Region zu schaffen“, versichert Rafael Gonzalez Sanchez, der das Erzeugungsgeschäft von Endesa auf der Iberischen Halbinsel leitet.

„In Teruel sind wir schon seit 40 Jahren und wollen mit den Erneuerbaren weitere 40 oder 50 Jahre bleiben – da ist es absolut sinnvoll, zu helfen, dass die Region davon profitiert, und die Anwohner auf die neuen Jobs zu schulen, die dort entstehen.“

In den abgelegenen Kohleregionen sind Konzerne wie Endesa auf die wenigen Anwohner als Mitarbeiter angewiesen. So schult Endesa nach eigenen Angaben vor Ort rund 5000 Anwohner, damit sie beim Aufbau der Anlagen für Erneuerbare mitarbeiten können.

In Teruel entstehen nach dem Aus des Kohlekraftwerks mehr Jobs als vorher

Langfristig sollen in der Region 500 neue Jobs entstehen – und damit deutlich mehr als die 300 direkten und indirekten Stellen, die vorher im Kraftwerk existierten. Davon entfallen 300 Jobs auf die Anlagen für Erneuerbare: Geplant sind sieben Solar- und ebenso viele Windanlagen mit einer Kapazität von 1,8 Gigawatt.

Zur Speicherung der überschüssigen Energie produziert das Unternehmen zudem grünen Wasserstoff und betreibt zwei Speicheranlagen mit Batterien, zudem eine Fabrik zur Produktion von Elektrolyseuren, die für die Produktion von Wasserstoff benötigt werden.

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Auch die Pläne abseits des reinen Energiegeschäfts sind groß: Weitere rund 130 Jobs sollen in Initiativen entstehen, die mit dem Geschäft von Endesa gar nichts zu tun haben, die der Konzern im Rahmen seines Regionen-Plans aber koordiniert. Dafür habe man sich zunächst die Vorschläge von Anwohnern, Bürgermeistern und lokalen Organisationen angehört. Herausgekommen ist unter anderem ein Projekt, bei dem über 50.000 verwaiste Olivenbäume in der Region wieder gepflegt und die Oliven geerntet werden. „Die Olivenernte hat eine jahrhundertealte Tradition in der Region, ist zuletzt aber eingeschlafen, weil viele Anwohner in die Stadt gezogen sind“, erklärt Gonzalez Sanchez. Insgesamt habe Endesa Kooperationen mit über 30 kleinen und mittelständischen Unternehmen vereinbart, heißt es.

Windräder an der spanischen Küste

Die Unternehmen müssen ein Plan entwickeln, um die regionale Wirtschaft einzubeziehen.



(Foto: Reuters)

Dazu gehöre auch, dass die geplanten Solarparks gleichzeitig landwirtschaftlich genutzt werden: Zwischen den Solarpanelen sollen Kräuter und Getreide angebaut werden, Schafzüchter könnten ihr Vieh dort weiden lassen.

Im Fachjargon heißt diese Doppelnutzung „Agrophotovoltaik“. Sie erlaubt nicht nur eine intensivere Nutzung der Fläche, sondern fördert in der Regel auch die Akzeptanz der Anwohner für die Anlagen.

Greenpeace: Von dem Konzept profitieren die Unternehmen, die für die Schäden in der Region verantwortlich sind

Um sicherzustellen, dass der regionale Wandel in Spanien mehr als nur schöne Versprechen beinhaltet, muss Endesa mehrere Hundert Millionen Euro beim Staat hinterlegen. Das Geld erhält der Konzern nach sechs Jahren nur zurück, wenn er die gesteckten Ziele für die Region erreicht hat. „Sonst behalten wir das Geld und entziehen dem Konzern zudem den Netzzugang“, sagt Murillo.

Umweltschützer können dem Vorgehen der Regierung einiges abgewinnen, sie üben aber auch Kritik. Greenpeace begrüßt grundsätzlich das Konzept der gerechten Transformation. José Luis García, verantwortlich für Klima, Energie und Mobilität bei der Umweltschutzorganisation, kritisiert jedoch, dass die Regierung es mit den bisherigen Betreibern der Kohlekraftwerke ausgehandelt hat.

Das führe dazu, dass Ausschreibungen just diese Betreiber bevorzugten, weil sie die Region viel besser kennen als neue Wettbewerber. „Dadurch profitieren von der Transformation die Unternehmen, die für die Schäden in der Region verantwortlich sind, während der neue Markt der Erneuerbaren für junge Unternehmen verschlossen bleibt.“

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