Warum nur wird der Bezirk so unterschätzt?


Berlin ist ein Dorf. Sagt man so, und stimmt auch, wenn man genauer hinguckt. Aber wer tut das schon? Wer fährt einfach mal in einen anderen Kiez, um zu gucken, was da so los ist? Das wollen wir ändern. In der Bezirke-Serie stellen wir alle zwölf Berliner Bezirke vor, lassen Einheimische zu Wort kommen, verraten Geheimtipps, tauchen ein in die Vielfalt der Möglichkeiten. Heute: Spandau.

Spandau bei Berlin. Ja, sehr witzig. So kann eigentlich nur jemand reden, der den Berliner Westen nicht kennt oder nur vorbeiziehend aus dem Bahnfenster gesehen hat. Dabei ist Spandau es wert, dass man mal aussteigt und sich in Ruhe umguckt. Spandau ist definitiv ein Geheimtipp unter den Berliner Bezirken.

Spandau hat zwar die geringste Bevölkerungsdichte, aber dafür die beste Band der Welt hervorgebracht, oder zumindest ein Drittel davon: Bela B., (nicht nur) Schlagzeuger bei Die Ärzte, kommt aus Spandau. Auch Loveparade-Gründe Dr. Motte kam hier im tiefen Westen zur Welt, ebenso die ehemaligen GZSZ-Schauspielerinnen Jessica Ginkel und Sila Sahin. Sie alle eint ein gewisses In-sich-Ruhen, eine unaufgeregte Authentizität – und das ist typisch Spandau. Der gemeine Spandauer braucht das wilde Innenstadt-Berlin gar nicht, weil ja zum Glücklichsein alles vor der Tür ist.

Spandau besteht aus neun Ortsteilen und ist neben Neukölln der einzige Bezirk, der durch die Verwaltungsreform 2001 nicht vergrößert wurde, beziehungsweise mit anderen Bezirken fusionieren musste. Spandau ist und bleibt eben einfach Spandau: viel Grün, besonders viel Havel, Inseln, pittoreske Altstadt, aber auch Eigenheime und Plattenbauten, Waldgebiete und Autoschneisen. Willkommen im unterschätztesten Bezirk der Hauptstadt!

Haben Sie Lust, auch die anderen Bezirke kennenzulernen? Dann folgen Sie uns doch nach Pankow, Neukölln, Mitte, Charlottenburg-Wilmersdorf, Reinickendorf, Friedrichshain-Kreuzberg, Treptow-Köpenick, Marzahn-Hellersdorf, Tempelhof-Schöneberg, Lichtenberg und Steglitz-Zehlendorf.

Was macht Spandau so besonders?

Patrick Sellerie, Leiter der Wirtschaftsförderung: „Es sind eben nicht immer nur die Innenbezirke, die die Besucher anziehen. Insbesondere die Zweit- und Drittbesucher aus dem In- und Ausland unserer Hauptstadt entdecken zunehmend auch Spandau für sich. Spandau ist sehr weitläufig und verfügt über zahlreiche Parks und Wasserstraßen. Nur hier erlebt man, wie die Spree in die Havel mündet. Neue Besucher und Gäste sind immer wieder erstaunt über die Vielseitigkeit Spandaus und erzählen es gern weiter.“

Jana Friedrich, Tourismusbeauftragte des Bezirks: „Die beeindruckenden Landschaftsräume entlang der Havel und die bedeutenden Orte der märkischen und Berliner Geschichte sind für viele Touristen bereits Anlass genug, um sich vor Ort ein Bild davon machen zu wollen. Die Schifffahrt auf der Havel und den Havelseen einschließlich des Schleusenwerks am Zusammenfluss von Spree und Havel ist eine Attraktion. Die Marina Lanke und ihr Umfeld bilden den größten Berliner Anlegeplatz des privaten Wassertourismus, mit einem Rundum-Angebot zum Thema Boot.“

Aushängeschild des Bezirks: Zitadelle – und Fledermäuse

Wir alle wissen, wie groß eine Giraffe ist, wie sich das Brüllen eines Löwen anhört, woraus Vögel sich ein Nest bauen – aber wie leben eigentlich unsere heimischen Fledermäuse?

In der Zitadelle Spandau gibt es einen Fledermauskeller, in dem man in künstlicher Nacht den Tieren im Schummerlicht zugucken kann. Wie sie an Ästen hängen, fressen, trinken, umherfliegen. Letzteres jedoch so schnell, dass unsere Augen es kaum erfassen können. Besonders spannend: der Geruch. Wissen Sie, wie Fledermäuse riechen? Das ist tatsächlich schwer zu beschreiben. Nach wildem Tier. Irgendwie.

Die Zitadelle ist eine sehr große mittelalterliche Burganlage mit dicken Mauern, einem echten Wasser-Burggraben und imposanten Sälen. Neben den Fledermäusen und einigen Handwerksbetrieben beherbergt die Zitadelle auch kleine Museen. Tipp: In der Denkmal-Ausstellung ist der 3,5 Tonnen schwere Lenin-Kopf zu sehen, der bis Anfang der 1990er-Jahre Teil der Statue am Leninplatz war und dann verbuddelt wurde. Der Abriss war auch im Film „Good Bye, Lenin!“ zu sehen.

Die Altstadt Spandau ist ein bezauberndes Dorf

Unweit von der Zitadelle finden Sie die Spandauer Altstadt, eine echte Fußgängerzone, wie es sie nicht oft in Berlin gibt. Entweder Sie laufen ein paar Minuten oder nehmen die U7 für eine Station (Zitadelle – Altstadt). Gründerzeitvillen, Fachwerkhäuser, enge Gässchen – an kaum einem anderen Ort in Berlin kann man sich derart wie auf Zeitreise fühlen. Spandau ist offiziell fünf Jahre älter als Berlin (erste urkundliche Erwähnung: 1232; Kölln 1237, Alt-Berlin 1244) und wurde 1920 eingemeindet.

Der Werbeslogan lautet „entSpandau – echtes Berlin“, und der Bezirk hat offenbar sehr viel Liebe, Mühe, Zeit und Geld investiert, um eine derart gelungene Website für die Spandauer Altstadt zu entwerfen. Mit wenigen Klicks erfährt man, wo man gut shoppen kann, welche Möglichkeiten es gibt zu essen, zu übernachten, was es zu entdecken gibt. Beispielsweise den historischen Knochenkeller (Reformationsplatz 3), wo Sie archäologische Knochenfunde ansehen können.

Weithin sichtbar ist die im 14. Jahrhundert erbaute Nikolaikirche (Havelstraße 16), sie ist täglich zwischen 12 und 14 Uhr geöffnet und kann besichtigt werden. Im Gotischen Haus befindet sich nicht nur die Tourist-Info, sondern auch ein stadtgeschichtliches Museum. Falls Sie sich für die Historie des alten Spandaus interessieren, können Sie sich auch einen kostenlosen Audioguide herunterladen (via Lauschtour oder QR-Code an den Sehenswürdigkeiten).

Mit dem Fahrrad durch Spandau

Spandau lässt sich ganz wunderbar per Rad erkunden, die Anreise mit den Öffentlichen ist kein Problem, sogar der ICE hält am Bahnhof Spandau. Wirklich reizvoll ist jedoch die Fahrradtour entlang der Havel. Der Havelradweg ist insgesamt mehr als 350 Kilometer lang, 20 davon führen durch Spandau, einmal von Süd nach Nord.

Starten können Sie ab dem S-Bahnhof Wannsee, wo Sie mit der Fähre F10 nach Spandau übersetzen und binnen 20 Minuten am Hafen in Alt-Kladow ankommen. „Hier wartet der tolle Seeräuberspielplatz auf Ihre Kinder. Diejenigen, die schon ein leichtes Hungergefühl verspüren, können sich in einem der Restaurants entlang der Uferpromenade verköstigen“, teilt die Wirtschaftsförderung des Bezirks mit. Oder Sie radeln direkt los.

Unterwegs kommen Sie an vielen Badestellen vorbei; falls das Wetter es also zulässt, sollten Sie Badesachen einpacken. Während Sie der Havel folgen, kommen Sie nicht nur an der Zitadelle vorbei, sondern auch an der Marina Lanke (Scharfe Lanke 109-131), einem der größten Jachthäfen Berlins (eine Segelschule gibt es auch), und am Jagdhaus Spandau (Niederneuendorfer Allee 80), wo Sie deftige Wildgerichte essen können.

Von der Havel abgehend durch die Grünanlage am Ziegelhof am Spandauer Burgwall über den Elsflether Weg bis nach Staaken führt der etwa sechs Kilometer lange Bullengraben, der „ein bereits im 7. Jahrhundert kultivierter Wassergraben im Berliner Urstromtal“ ist, wie Wikipedia weiß. Der nebenan verlaufende Radweg eignet sich auch hervorragend für Skater, weil er asphaltiert und auch zu Fuß gut zu bewältigen ist.

Der Weg führt vorbei an Spielflächen und renaturierten Gebieten. „In Staaken erreicht man die Dorfkirche, die seit dem Mauerfall wieder (…) zugänglich ist“, berichtet die Wirtschaftsförderung. „Von dort ist es nicht weit zum Hahneberg, einem der Spandauer Naherholungsgebiete. Und besucht man dieses Gebiet in der Saison von April bis Oktober an den Wochenenden und Feiertagen, sollte man unbedingt an einer Führung im Fort Hahneberg teilnehmen (…). Man erfährt viel über die Geschichte Spandaus als Rüstungszentrum und über das Fort als Kulisse für Filme.“ Hier wurde übrigens auch „Inglourious Basterds“ gedreht.

Das letzte preußische Artilleriefort stammt aus dem späten 19. Jahrhundert und ist teilweise im Berg versenkt, sodass es von Weitem kaum zu sehen ist. Das Gelände kann in Teilen auch ohne Führung besichtigt werden. Es wird im Übrigen auch eine Kinderschatzsuche angeboten (Termine auf Anfrage). Zudem gibt es 90-minütige Fledermausführungen, denn die kleinen Säuger leben auf Fort Hahneberg rund ums Jahr. Überall auf dem Gelände gilt: Festes Schuhwerk wird benötigt.

„Am Fuße des Hahnebergs befindet sich die Naturschutzstation, ein zentraler Ort der Umweltbildung für Klein und Groß. Tiere und Aktionspfade sind hier zu finden und es werden regelmäßige Veranstaltungen zu unterschiedlichen Themen angeboten“, so die Spandauer Wirtschaftsförderung weiter. „Und natürlich kann man den Hahneberg auch erklimmen. Er ist ein künstlich angelegter Schuttberg und vom höchsten Aussichtspunkt hat man eine herrliche Aussicht bis zum Fernsehturm und Teufelsberg.“

Ein Geheimtipp: Besuchen Sie Klein-Venedig – mit dem Paddelboot

Manche denken an Köpenick, wenn sie Klein-Venedig hören, dabei heißt das schöne Viertel im Süden Neu-Venedig. Nicht weniger schön, aber dem gemeinen Berliner noch unbekannter ist der westliche Kanalkiez. „Spandaus Klein-Venedig liegt fast versteckt auf der Halbinsel Tiefwerder, eingerahmt von den Hauptverkehrsachsen Ruhlebener Straße und Heerstraße, auf denen sich täglich rund 80.000 Fahrzeuge bewegen. Das Umfeld ist tatsächlich alles andere als idyllisch“, weiß Ralf Salecker, der die private Website spandau-tourist-info.de betreibt.

„Entsprechend überrascht sind Besucher, wenn sie auf Tiefwerder plötzlich ein Idyll kleiner Kanäle entdecken, Reste alter Havelarme und eines Mündungsdeltas der Spree in die Havel. All das kann während einer Paddeltour mit der Familie entdeckt werden, die bei Bedarf Natur, Geschichte, Geschichten, Krimi und Erholung miteinander verknüpft. Boote können vor Ort gemietet werden. Wer sich in das Abenteuer stürzen möchte, sollte einen guten Tag Zeit mitbringen, denn es bietet sich an, gleich Tiefwerder und Pichelswerder zu umpaddeln und nicht nur in Klein-Venedig zu bleiben“, so Salecker. „Wer zügig paddelt, schafft die Tour um beide Halbinseln locker in zwei Stunden.“

Der Spandau-Experte ist Fotograf und Journalist, und mit seiner Website bietet er Infos ohne Ende, gibt Tipps, listet wichtige Termine und Veranstaltungen im Bezirk auf, verfasst informative Artikel, zeigt alle Facetten des Berliner Westens und hat ein Spezialwissen, das beeindruckt: „Schon ab dem 6. Jahrhundert siedelten Menschen um Klein-Venedig. Auf einem Schild mitten im See steht hier merkwürdigerweise ‚Betreten verboten‘: Mehr als eine Million Euro wurden hier ‚versenkt‘, in dem Versuch, eine künstliche Insel zu schaffen. Die anschließend zu unterquerende Stößenseebrücke ist mit ihren 110 Jahren immer noch ein beeindruckendes stählernes Bauwerk.“

Und weiter: „Im Jahr 1966 stürzte ein russisches Militärflugzeug in den Stößensee, was für Spannungen zwischen Russen und Engländern sorgte. Im Boden darunter entstand später, als Relikt des Kalten Krieges, ein heute leider ungenutzter Gasspeicher, der den Westteil der Stadt in Notzeiten ungefähr ein Jahr mit Gas versorgen sollte“, so der Fachmann.

Auch die bewaldete Halbinsel Pichelswerder empfiehlt Ralf Salecker und zitiert aus einem Stadtführer von 1806: „Diese Gegend wird stark zum Vergnügen besucht und für die schönste von Berlin gehalten.“ Der Spandauer selbst findet: „Wer Natur erleben möchte, ist hier genau richtig. Um Pichelswerder herum, mit einem Picknick an der Badestelle, die einen traumhaften Blick auf die seeartig erweiterte Havel bietet, geht es dann über die Havel, Gmünd und Pichelssee zurück nach Klein-Venedig.“

Kleine Anekdote am Rande: „Während auf Tiefwerder der menschliche Versuch misslang, eine Insel für viel Geld in den See zu setzen, kam es vor mehr als 200 Jahren zu einem umgekehrten, dafür aber kostenlosen Ereignis. 1807 tobte ein besonders heftiges Gewitter über Spandau, welches quasi über Nacht Land entstehen ließ. Im Bereich des Pichelssees, früher einmal prosaisch Sack genannt, erhob sich eine etwa 50 Meter lange Landmasse aus den Fluten der Havel. Tausende Berliner strömten damals nach Spandau, um das sogenannte Pichelsdorfer Sackwunder zu bestaunen“, weiß Ralf Salecker.

„Direkt am Pichelssee liegt eine kleine gemütliche Kneipe, die, direkt vom Wasser erreichbar, zu einem Imbiss einlädt. Von dort lässt es sich dann entspannt weiter die Havel entlangpaddeln“, rät der Spandauer. „Man unterquert schließlich die Freybrücke und gelangt so wieder zum Ausgangspunkt in Klein-Venedig zurück.“

Überall kleine Highlights: Eiscreme, Hofläden, Promi-Grab

Hervorragendes Eis kriegen Sie in einer der Filialen der Spandauer Firma Florida Eis (Klosterstraße 15, nur im Sommer geöffnet), das es in die Kühltruhen selbst großer Märkte geschafft hat. Ein Spandauer Leser der Berliner Zeitung ergänzt jedoch: „Wer etwas Besonderes sucht, geht in Spandau zu Jan’s Gelateria in der Adamstraße in der Wilhelmstadt. Die Eissorten sind zum Teil sehr ausgefallen, die Portionen groß, es gibt vergünstigte Kinderkugeln und auch die Milchshakes sind zu empfehlen.“

Wissen Sie, was Ankerbausteine sind? Ein Klassiker der Kinderspielzeuggeschichte! Es sind, schreibt Wikipedia „Formteile mit sehr geringen Maßtoleranzen, die aus Sand, Schlämmkreide und Leinöl gepresst und gebacken werden“. Heutzutage sind die faszinierenden 3D-Bauklötze nicht mehr in Mode. Sie können Sie jedoch ausprobieren, und zwar in der Ankerbaustein-Ausstellung in Wilhelmstadt (Pichelsdorfer Str. 86). Der Eintritt ist frei.

Mitten in Gatow, wo es so viel Wald und Wiesen gibt, steht eine Feldsteinkirche aus dem 13. Jahrhundert und wird bis heute genutzt. Auf dem angegliederten Friedhof ist Heidi Hetzer – ihrem eigenen Wunsch gemäß – begraben worden. Für die berühmte Ur-Berliner Rallyefahrerin war Gatow „der schönste Ort Berlins“.

Und wenn Sie schon einmal in Gatow sind: Im Sommer können Sie im Beerengarten (Straße 265) selbst pflücken und naschen: Erdbeeren (Ende Mai bis Anfang August), Himbeeren (Ende Juni, Anfang Juli) und Blaubeeren (Juli und August). Wichtig: Informieren Sie sich vorab, ob geöffnet ist. Wenn es nämlich nichts zu ernten gibt, etwa weil alles abgesammelt wurde, bleibt der Beerengarten geschlossen.

Falls Sie nunmehr auf den Geschmack gekommen sind, was regionale und saisonale Lebensmittel angeht, ist ein Abstecher zum Gatower Vierfelderhof Pflicht (Groß-Glienicker Weg 30). Der Schau- und Kinderbauernhof zeigt, wie das Leben mit Tieren und den Jahreszeiten funktioniert. Es gibt ein kleines Hofcafé mit selbst gemachten Kuchen sowie einen Hofladen, wo man frisch Geerntetes, Selbstgemachtes und Eier von den Hof-Hühnern kaufen kann.



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