Warum die Teuerung Italien härter trifft als Deutschland


Einkäufer im italienischen Supermarkt

Neben den Energie- sind vor allem die Lebensmittelpreise stark angestiegen.


(Foto: IMAGO/Antonio Balasco)

Rom Das Bild, das eine neue Studie von Italien zeichnet, ist düster: 62 Prozent der Familien leben derzeit von weniger als 2000 Euro im Monat, heißt es im entsprechenden Outlook des Umfrageinstituts Nomisma. Ein Drittel der Familien musste sich danach in diesem Jahr beim Konsum einschränken. Und 46 Prozent könnten sich eine unvorhergesehene Ausgabe von 5000 Euro nicht leisten.

Die Schlangen an den Essensausgaben der Hilfsorganisationen werden überall länger: Bei der Caritas stieg die Zahl der Hilfsbedürftigen zwar auch wegen der Coronapandemie mit all ihren Lockdowns an. Aber auch verglichen mit dem Vor-Pandemiejahr 2019 ist die Not jetzt noch größer.

Ein Viertel der Familien, die beim Verband nach Hilfe fragen, hätte eine Arbeit, die nicht zum Überleben reiche. „Uns beunruhigt vor allem die vererbte Armut über mehrere Generationen“, sagt der Chef der italienischen Caritas, Marco Pagniello.

Seit dem Ukrainekrieg ziehen in Italien nicht nur die Energiepreise dramatisch an, auch Lebensmittel werden teurer. Butter: plus 38 Prozent. Pasta: plus 21. Milch: plus 19. Im Oktober stieg die Inflation insgesamt um 11,8 Prozent – das ist der höchste Wert seit 1984.

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Auch andere Länder Europas haben mit ähnlich hohen Preissteigerungen zu kämpfen. In Italien kommt aber ein Fakt hinzu, der das Land in die nächste Armutswelle treiben könnte: Die Löhne sind in den vergangenen 30 Jahren nicht gestiegen – sie sind sogar leicht gesunken.

Starke regionale Unterschiede beim Lohnniveau

Zwischen 1991 und 2020 stiegen die Reallöhne in Deutschland um durchschnittlich 33,4 Prozent. In Italien hingegen steht im Zeitraum von 1990 bis 2020 ein Minus von 2,7 Prozent.

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Am Dienstag verkündete die rechte Regierung um Giorgia Meloni dann auch noch das Ende des Bürgergelds. Die Sozialleistung wurde vor drei Jahren von der linkspopulistischen Fünf-Sterne-Bewegung eingeführt – und kommt bislang Menschen zugute, die keine Arbeit finden. „Es gibt Leute, die das Bürgergeld seit drei Jahren bekommen, offenbar hat es also nicht funktioniert“, begründete Meloni die Entscheidung.

Im kommenden Jahr darf es maximal für acht Monate bezogen werden, ab 2024 soll es ganz abgeschafft werden. Es soll zwar im Anschluss eine neue Sozialleistung geschaffen werden, die sich an Arme richten soll und Menschen mit Behinderung. Genaue Pläne gibt es dafür aber noch nicht.

Der neue Haushaltsplan der Regierung teile das Land, erklärte Enrico Letta, Ex-Premier und Chef der Sozialdemokraten. Immerhin sieht der Plan auch eine „Einkaufs-Sparkarte“ für Haushalte mit Einkommen unter 15.000 Euro vor. 500 Millionen Euro nimmt die Regierung dafür in die Hand, die Kommunen sollen die Rabattkarten direkt an bedürftige Familien verteilen.

Im Land gibt es starke regionale Unterschiede. Während das durchschnittliche Haushaltseinkommen im wirtschaftsstarken Norden bei mehr als 36.000 Euro im Jahr liegt, haben Haushalte im Süden und auf den Inseln Sardinien und Sizilien durchschnittlich nur 27.000 Euro zur Verfügung. Das Risiko, in die Armut abzurutschen, liegt laut Nationalem Statistikamt Istat in den nördlichen Regionen zwischen elf und 13 Prozent – im Süden sei jeder dritte Italiener betroffen.

300.000 weitere Familien von Armut bedroht

Der Thinktank „Welfare, Italia“ rechnete kürzlich vor, dass sich die Zahl der Familien in absoluter Armut durch die hohe Inflation um 300.000 auf dann 2,3 Millionen erhöhen könnte. Betroffen wären dann insgesamt 6,4 Millionen Menschen im Land.

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Die Lohnschere teilt das sozial ohnehin schon gespaltene Land noch stärker in Arm und Reich, in Süd und Nord. Einen Mindestlohn gibt es bislang nicht, dafür viele Tarifverträge, die aber vor allem in der Industrie und Branchen greifen, die größtenteils im prosperierenden Norden angesiedelt sind.

Allerorts hört man die gleichen Geschichten: von Kellnern, die in Urlaubsresorts für vier Euro die Stunde arbeiten. Von jungen Frauen und Männern, die in ihren Verträgen nur vier Stunden Arbeitszeit stehen haben, aber trotzdem Vollzeit malochen.

Von Menschen, die zwei oder drei Jobs haben, um sich das teure Leben in Städten wie Mailand oder Rom noch leisten zu können, wo die Mieten mittlerweile auf Münchner Niveau liegen.

Staatspräsident Sergio Mattarella sendete just an jenem Dienstag eine Videobotschaft zu einem Sozialgipfel, als die Regierung ihren Haushaltsplan inklusive Sozialkürzungen erklärte. „Eine tragende Säule“ nannte Mattarella das Sozialsystem – und zeigte sich besorgt: Wegen der derzeitigen Wirtschaftslage gebe es die konkrete Bedrohung, dass die Armut zunehme.

Mehr: Riss im Stiefel – Reise durch ein sozial und politisch gespaltenes Land



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