Warum die Historikerin Hedwig Richter dafür ist, die Farbe dranzulassen


Die Historikerin Hedwig Richter hat sich vergangenen Sonntag auf Twitter provokant zu dem von Vertretern der Letzten Generation besprühten Brandenburger Tor geäußert: „Ein würdiger Gebrauch unseres Nationaldenkmals. Mir fällt momentan kein besserer ein.“ Hier erklärt sie diese Äußerung.

Frau Richter, die Besprühung des Brandenburger Tors ist extrem unpopulär, vor allem in Berlin. Sie haben sich damit solidarisiert, sprachen von einem „würdigen Gebrauch unseres Nationaldenkmals“ und tragen damit dazu bei, die Debatte zu polarisieren. Was hat Sie dazu bewogen?

Wir vergessen zu schnell, was das Problem ist: Nicht die Wärmepumpe, sondern CO₂-intensives Heizen; nicht die Grünen oder Habeck oder Verbote, sondern eine Politik, die sich immer weiter vom Pariser Abkommen entfernt, das mehr oder weniger unsere letzte Hoffnung ist, den Klimawandel global bremsen zu können; nicht verzweifelte Jugendliche sind das Problem, sondern eine Gesellschaft, die so tut, als ob ihr Verhalten nichts mit dem Klimawandel zu tun hat.

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Glauben Sie nicht, dass Klimaaktivisten durch derartig unbeliebte Aktionen Sympathien verspielen?

Ich finde die Aktionen der Letzten Generation oft problematisch. Davon abgesehen, will sie keine Sympathien gewinnen. Und diese Aktion mit dem Brandenburger Tor hat mich beeindruckt. Das bemalte Tor wirkt wie eine Wunde, sie schmerzt. Und vielleicht fällt es dem einen oder anderen doch auf, dass der Hass gegen die Letzte Generation und die Wut auf solche Aktionen in keinem Verhältnis zu der Zerstörung stehen, die wir alle tagtäglich anrichten. Vielleicht dient die Wut auf die Letzte Generation als Ventil für den alltäglichen Wahnsinn.


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In Berlin geht es seit Tagen nur um die Frage, wie die Farbe vom Tor entfernt werden kann, nicht um Klimaziele. Lenkt so eine Aktion nicht einfach ab?

Die meisten Menschen lassen sich von allem ablenken. Was bewirkt denn eine so konstruktive Gruppierung wie Fridays for Future noch? So wichtig sie mal war: Momentan sieht es doch so aus, dass alle immer gleichgültiger werden, inklusive der Politik, je dramatischer die Umweltkatastrophen sind, je heißer es wird, desto schneller die Meere anfangen zu kippen. All die Vorwürfe, die der Letzten Generation gemacht werden, scheinen mir ein Symptom für die große Indolenz zu sein, die uns ergriffen hat; ein Symptom, nicht die Ursache.

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Zur Person

Hedwig Richter, geboren 1973 in Urach, ist seit 2020 Professorin für Neuere und Neueste Geschichte an der Bundeswehr-Universität München. Nach der Habilitation 2016 in Greifswald arbeitete sie zunächst am Hamburger Institut für Sozialforschung. Sie engagiert sich seit längerem für Klimapolitik. Immer wieder fordert sie auch die Politik dazu auf, der Bevölkerung angesichts der Klimakrise mehr Einschränkungen zuzumuten.

Als Sie sich vor ein paar Tagen auf Twitter zum Brandenburger Tor äußerten, schrieben Sie, dass die Zerstörung, die wir anrichten, der Demokratie den Boden entziehen könne, wenn wir nichts dagegen tun. Was meinen Sie damit?

Demokratie lebt von einem gewissen Wohlstand, davon, dass Menschen ein gutes Leben führen, dass es Sicherheit und Ordnung gibt, dass man dem Staat vertrauen kann, dass Politik Einfluss hat und bestimmen kann. Sie lebt vom Respekt voreinander, dass sich alle okay verhalten, also irgendwie anständig. Jedes Grad Erderwärmung macht das unwahrscheinlicher. Statt dem Parlament wird dann häufig das Technische Hilfswerk regieren – grob gesagt. Und die Menschen in unseren Gesellschaften leben alle momentan ein extrem unbürgerliches, undemokratisches Leben: Es ist zutiefst unanständig, Fleisch zu essen oder viel zu fliegen oder ein dickes Auto zu fahren, weil wir damit unsere Welt und unsere Demokratie, aber auch die Welt der Menschen in anderen Regionen zerstören. Warum nehmen wir das so gleichgültig hin? Wir randalieren doch auch nicht im Haus des Nachbarn oder schlagen auf Fremde ein oder verspeisen die Früchte aus dem Garten der Nachbarin und hinterlassen eine Wüste. Das ist unbürgerlich, undemokratisch, unanständig.

Viele sprechen in Zusammenhang mit der Aktion am Brandenburger Tor von einer Straftat, Sie nennen es zivilen Ungehorsam, wie er in eine Demokratie gehört. Wie definieren Sie zivilen Ungehorsam?

Ich schließe mich der Definition von Habermas an: „Ziviler Ungehorsam ist ein moralisch begründeter Protest, dem nicht nur private Glaubensüberzeugungen oder Eigeninteressen zugrunde liegen dürfen; er ist ein öffentlicher Akt, der in der Regel angekündigt ist und von der Polizei in seinem Ablauf kalkuliert werden kann; er schließt die vorsätzliche Verletzung einzelner Rechtsnormen ein, ohne den Gehorsam gegenüber der Rechtsordnung im Ganzen zu affizieren; er verlangt die Bereitschaft, für die rechtlichen Folgen der Normverletzung einzustehen; die Regelverletzung, in der sich ziviler Ungehorsam äußert, hat ausschließlich symbolischen Charakter – daraus ergibt sich schon die Begrenzung auf gewaltfreie Mittel des Protests.“ All das gilt für die Aktionen der Letzten Generation.

Der Schriftsteller Friedrich Dieckmann sprach in Zusammenhang mit der Aktion am Brandenburger von einer „intentionalen Staatsdekonstruktion, deren Nutznießer, wie wir aus der Geschichte wissen, immer die Kräfte nationalistischer Besinnungslosigkeit sind“. Was antworten Sie ihm?

Vermutlich meint er damit, dass aggressive Attacken auf den Staat oder „das System“ den Nationalismus stärken. Da ist was dran. Ich denke auch, dass das Konzept der Nation für die Demokratie viel wichtiger und produktiver ist, als wir oft wahrhaben wollen – weil Nation eben immer wieder für irrationale, menschenverachtende Ideologien genutzt wird, grade in Deutschland. Aber weil ich um den Wert von Nation weiß, halte ich diese Aktion für besonders sinnvoll. Das Brandenburger Tor mit der Quadriga hat für Deutschland eine wichtige Rolle gespielt und wurde immer wieder symbolisch aufgeladen. Nun ist das erneut der Fall. Das erscheint mir sehr angemessen. Ich würde es ja auch gut finden, wenn man die Farbe an dem Tor lässt.

Wie haben Ihre Kollegen reagiert, wie Ihre Studenten?

Momentan haben wir ja noch vorlesungsfreie Zeit. Aber einige haben mir geschrieben, dass sie das Statement gut fanden. Grade meine Studierenden kenne ich aber als sehr diskussionsfreudig und meinungsstark: Da gibt es bestimmt welche, die das ganz anders sehen. Sie sind aber auch ausgesprochen höfliche Menschen, und Meinungsverschiedenheiten werden in einem respektvollen, offenen Ton ausgetragen.

Sie haben viel Gegenwind bekommen auf Ihre Äußerungen hin. Fasst Sie das an?

Es gab natürlich kluge Gegenargumente, die ich nachvollziehen kann. Und es ist ja Sinn der Aktion, dass man darüber diskutiert. Etwas anderes sind Angriffe, die schnell ins Persönliche abgleiten. Nein, die haben mich tatsächlich nicht getroffen. Das liegt auch daran, dass jede Frau, die sich in der Öffentlichkeit äußert, tonnenweise von Beleidigungen abbekommt.





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