Ukraine-Söldner: „Wenn man Putin machen lässt, wird er bis nach Berlin kommen“ | News


David Gillan (33) ist in Berlin, in Sicherheit. Er ist ein freundlicher, blonder, schmaler Mann, der, als er im Frühjahr die Horrormeldungen aus der Ukraine sah, seine Sachen in Kanada packte, seinen Sohn bei der Mutter zurückließ und sich auf den Weg machte, um zu helfen.

Im März trafen BILD-Reporter ihn in Lemberg (Ukraine), da war er gerade nach einer Odyssee nach Flügen und Bahnfahrten gelandet und schloss sich den ausländischen Kämpfern gegen die russische Besatzung an.

Damals waren seine Haare noch lang, jetzt, sechs Monate später, hat er einen kurzen, militärischen Schnitt.

Im März 2022 landete David Gillan in Lemberg

Im März 2022 landete David Gillan in Lemberg

Foto: Lars Berg

Der gelernte Automechaniker berichtet auf dem Dach des neuen Axel-Springer-Gebäudes, was er seitdem erlebte – einen Tag vor dem Rückflug nach Kanada. „An meinem ersten Tag im Basislager der Internationalen Legion bei Lemberg, in Jarowiw, schickten die Russen 30 Marschflugkörper, um uns zu töten“, sagt er.

Gillan hatte Glück, verbrachte die Nacht außerhalb der Baracken, da er schon zuvor Sirenen aus dem nahen Lemberg gehört hatte. „Als die Raketen explodierten, rettete ich mich in einen Busch, da fand ich einen anderen Kanadier, der in Socken in der nassen Kälte saß. Ich hatte seit sieben Jahren nicht mehr geraucht, aber in dem Moment habe ich wieder damit angefangen.“

Ein Schrapnell des ersten Angriffs auf Jarowiw

Ein Schrapnell des ersten Angriffs auf Jarowiw

Foto: Privat

„Es ist ein Artilleriekrieg“

Der Freiwillige wurde in der Folge an die Front im Osten versetzt, arbeitete im Kommandozentrum der Internationalen Legion in Charkiw. Und versorgte die Front mit Nachschub. „Es ist ein Artilleriekrieg“, sagt er. „Man sieht den Feind nicht wirklich, es sei denn, man befindet sich in einer städtischen Situation. Die meiste Zeit sitzt man buchstäblich in einem Loch und wartet darauf, dass Bomben fallen, es ist dann wie ein Würfelspiel.“

Dieser ständige Beschuss sei sehr zermürbend. „Im Zweiten Weltkrieg gab es eine Umfrage darüber, wovor die Menschen am meisten Angst haben. Und sie fragten, ob es Feuergefechte oder Artillerie sei. Und jeder Einzelne von ihnen sagte: Artillerie. Sosehr manche vorher ein Bild davon hatten, in der Ukraine mit einem Gewehr feindliche Stellungen zu stürmen zu ballern und zu kämpfen, in Wirklichkeit ist es so: Man versucht Positionen zu halten, zu überleben und lässt die großen Raketen die große Arbeit machen.“

Er berichtet von einer besonders gefährlichen Situation, als er Frontstellungen bei Charkiw mit Munition versorgen sollte und doch direkten Feindkontakt hatte. Gillan: „Als wir in einen Hinterhalt gerieten, brachten wir den ganzen Tag Munition an die Front. Langsam fuhren wir diesen Hügel hinauf und sahen einen Mann in Zivilkleidung, wir fuhren vielleicht zehn Kilometer pro Stunde, und ich schaute zum Fahrer hinüber und er schaute zur gleichen Zeit zu mir hinüber.“

In einem Lager nahe der Front

In einem Lager nahe der Front

Foto: Privat

Der Hinterhalt

Er raucht eine Zigarette, als er erzählt: „Dann hörten wir dieses klickende Geräusch und sahen, wie eine Panzerfaust direkt vor das Fahrzeug flog und explodierte und Schrapnelle und Beton hochflogen und es die Windschutzscheibe zerschlug. Und dann kam eine weitere Panzerfaust geflogen, und der Fahrer des Fahrzeugs wich ihr aus. Und dann sah ich zu ihm rüber und sagte: ,Los!‘ Und er drückte aufs Gas, und während er darauf trat, landeten hinter uns Mörsergranaten, wir waren also ins Visier genommen worden. Die Russen versuchten, uns an diesem Tag loszuwerden. Sie hatten erkannt, dass unser Fahrzeug die Front versorgte, und sie wussten, was wir taten, und wollten uns loswerden. Aber wir schafften es gerade noch so, da rauszukommen.“

Geld, so Gillan, sei keine Motivation der Legionäre. Anfangs sei er gar nicht davon ausgegangen, überhaupt etwas zu bekommen.

Gillan: „Als ich dort ankam, waren wir etwa 300, 400 Leute. Keiner erwartete, bezahlt zu werden. Wir waren alle Freiwillige, und dann kam Geld ins Spiel, und wir fragten: Was, ihr bezahlt uns? Niemand ist für Geld gekommen, jeder ist gekommen, um zu helfen, und das finde ich, ehrlich gesagt, ziemlich bemerkenswert. Das ist ein gutes Zeichen für die Menschlichkeit, die Leute wollten einfach nur helfen, für die Ukraine kämpfen.“

An der Front habe es dann 2000 bis 3000 US-Dollar im Monat gegeben. „Aber das nur, wenn man an der Front war. In der Grundausbildung bekommt man nicht so viel. An der Front bekamen wir den regulären Sold plus die Gefahrenzulage.“

Anfängliche Sorgen, dass Ausländer mit einer Unterschrift bei der Armee komplett ihre Rechte verlieren würden, hätten sich nicht bestätigt, so Gillan.

Auf dem Rückweg nach Kanada hat Gillan einen Zwischenstopp in Berlin gemacht

Auf dem Rückweg nach Kanada hat Gillan einen Zwischenstopp in Berlin gemacht

Foto: Til Biermann

Ausländer dürfen die Armee auf Wunsch verlassen

Er sagt: „Der ursprüngliche Vertrag, den wir unterschrieben, durfte tatsächlich nicht gebrochen werden, man musste mindestens ein Jahr oder bis zum Ende des Kriegsrechts bleiben. Aber die Ukrainer haben ihre Rechtsabteilung daran arbeiten lassen. Wir haben neue Verträge unterschrieben und im Grunde erlauben sie jetzt Ausländern, den Vertrag auf Antrag zu brechen.“

Die Ukrainer seien den Ausländern sehr dankbar, die für die Freiheit des Landes ihr Leben riskieren. Seine ausländischen Kameraden, mehrere Tausend, seien aus 56 verschiedenen Nationen gekommen.

Gillan: „Die Ukrainer verstehen, dass manche selbst mit militärischer Erfahrung nicht bereit für den Kampf sind, einmal bombardiert werden und dann nach Hause wollen. Und sie verstehen, dass es etwa familiäre Umstände gibt, unter denen man einfach nach Hause muss. Die ukrainische Militärführung ist da sehr nachsichtig und hat Verständnis dafür, wenn Leute den Vertrag brechen und nach Hause wollen.“

Er ist frohen Mutes, was die Zukunft der Ukraine betrifft. Er glaubt, die Russen haben keine Chance – solange der Westen weiter Hightech-Waffen schickt. „Was Russland für eine dreitägige Übernahme hielt, hat sich in sieben Monate verwandelt“, sagt er. „Die Ukraine holt sich hartnäckig Land zurück. Und wenn Russland daraus einen zehnjährigen Krieg machen will – das wird nicht klappen. Ich bin mir nicht sicher, was Russland auf lange Sicht zu tun versucht, denn es ist ein aussichtsloser Kampf für sie.“

Er hat sich den ukrainischen Dreizack auf die Schulter tätowieren lassen

Er hat sich den ukrainischen Dreizack auf die Schulter tätowieren lassen

Foto: Til Biermann

„Russland verschwendet Raketen für Holzattrappen“

Er sagt: „Bis dieser Krieg gewonnen ist, wird die Ukraine mehr Waffen brauchen, vor allem die HIMARS. Sie zerstören damit einfach Munitionsdepot nach Munitionsdepot der Russen. Und das belastet die russische Logistik, die schon von Anfang an versagt hat. Russland behauptet immer wieder, sie würden diese Waffen zerstören, aber die Ukrainer sind schlau, sie stellen Holzattrappen auf, die wie HIMARS aussehen und Russland verschwendet die Raketen für dieses Holz.“

Von den Tausenden Legionären hätten die Russen nur wenige töten können, unter zehn, trotz der zahlreichen Angriffe, zuletzt vier Iskander-Raketen auf die Legion-Kommando-Zentrale in Charkiw.

Einen gefallenen Legionär kannte Gillan: „Ich hatte einen Freund aus Australien, der gefallen ist, wir schliefen in einer Kaserne nebeneinander, und das hat mir wirklich das Herz gebrochen. Und der Typ, der meine Grundausbildung gemacht hat, hat seine Beine verloren, ich habe ihn im Krankenhaus besucht, das war hart für mich.“

Am Tag nach dem Tod seines Freundes schrieb Gillan „Russland“ auf eine Patrone aus US-Beständen.

Eine Patrone mit Ziel

Eine Patrone mit Ziel

Foto: Privat

„Wenn man Putin machen lässt, wird er bis nach Berlin kommen“

Ist er immer noch der Ansicht, dass es richtig war, sein Leben aufs Spiel zu setzen? „Ich habe sicherlich unzählige Male mein Leben in Gefahr gebracht. Aber man muss die Demokratie schützen. Wenn man sich nicht gegen Intoleranz wehrt, wird man Teil davon“, sagt er.

Er schaut vom Dach des Springer-Hochhauses über Berlin, das genau an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze steht, auf einem Gebiet, das einst unter Sowjetkontrolle stand und sagt: „Stell Dir vor, die Hälfte all dieser Häuser wären Schutt. So sieht jetzt Charkiw aus. Wenn man Putin machen lässt, wird er bis nach Berlin kommen.“

Gillan an der ehemaligen Berliner Grenze zwischen Ost und West. Er befürchtet, Putins Soldaten könnten wieder hier hin kommen

Gillan an der ehemaligen Berliner Grenze zwischen Ost und West. David befürchtet, Putins Soldaten könnten wieder hier hinkommen

Foto: Til Biermann

Er wird sich jetzt in Kanada um sein Leben kümmern, um seinen Sohn – und will dann der kanadischen Armee beitreten. „Vorher habe ich als Mechaniker gearbeitet, aber nachdem ich sechs Monate beim ukrainischen Militär war, liegt mir das jetzt irgendwie im Blut.“



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