Tesla-Prozess im Erzgebirge: Zuletzt bricht Fahrerin ihr Schweigen | Freie Presse


Zweieinhalb Jahre nach dem schweren Unfall auf dem Autobahnzubringer Aue ist die Verursacherin wegen fahrlässiger Tötung verurteilt worden. Obwohl sie nichts zur Aufklärung beitrug, verrieten geheime Sensoren ihres Hightech-Wagens zum Teil, was vor dem Crash passierte.

Aue-Bad Schlema.

Gleichgültiger Gesichtsausdruck, den Blick stoisch auf einen Punkt im Gerichtssaal gerichtet, keine Aussage: So verfolgte die Angeklagte (33), die im Juni 2020 den Tod dreier Frauen (30, 32, 57) verursacht und ihre eigenen beiden Kinder teils schwer verletzt hat, die beiden Verhandlungstage im sogenannten Tesla-Prozess am Amtsgericht Aue-Bad Schlema. Das änderte sich nicht einmal dann, als Nebenkläger-Anwalt Thomas Weitz am Mittwoch das Leid der Hinterbliebenen schilderte, um zu begründen, weshalb für ihn eine Bewährungsstrafe nicht infrage kommt. Verteidiger Hans-Ulrich Biernert entschuldigte sich anstelle seiner Mandantin bei den trauernden Angehörigen.

Erst ganz zum Schluss, als ihr das letzte Wort zustand, brach die Frau, die heute in Chemnitz lebt, ihr Schweigen. “Ich habe das nicht gewollt, und es vergeht kein Tag, an dem ich nicht daran denke”, sagte sie mit bebender Stimme. “Es lässt mich nicht kalt, aber jeder Mensch geht anders mit so etwas um. Ich kann den Angehörigen nicht helfen. Sie können mich hassen, aber ich habe das nicht getan, um jemandem zu schaden. Ich wollte nur nach Hause.” Was getan? Das versuchte das Gericht zu klären. Wie kam es zu dem Albtraum-Unfall? Das verriet die Fahrerin auch am Ende nicht.

Etwas früher im Prozess hatte es einen anderen Moment gegeben, in dem ihre Maske einen Riss bekam. Da schüttelte sie den Kopf, als wolle sie etwas abwehren, und griff nach einem Taschentuch. Es war der Augenblick, in dem klar wurde, dass ihr Nichtssagen als Verteidigungsstrategie nur bedingt funktionierte. Dass es keine ominöse Macke ihres Hightech-Autos gegeben hatte, die den Tesla ohne Zutun seiner Fahrerin auf die Gegenfahrbahn in den Weg des Seat Leon der drei Frauen lenkte, die dann keine Chance mehr hatten.

Tesla lädt Sensordaten in die Cloud

Ein Tesla steckt voller Sensoren und Kameras, die seine Fahrt protokollieren, auf eine tausendstel Sekunde genau. In Echtzeit werden sie in eine Cloud hochgeladen. Die Staatsanwaltschaft hat sich diese Daten von Tesla besorgt, der Unfallsachverständige Viktor Ammer (54) aus Chemnitz wertete sie aus. Sein Fazit: Es gab weder ein technisches Versagen, noch einen Aufstand der Maschinen. “Der Tesla wurde mit einer aktiven Lenkradbewegung nach links bewegt. Der Fahrerin des Seat fehlte die Zeit, um auszuweichen. Ohne diese Lenkradbewegung wäre der Tesla in seiner Spur geblieben.”

Das Ausbrechen des Tesla auf die Gegenfahrbahn, das zuvor mehrere Zeugen beschrieben hatten, war vom Lenkrad ausgegangen, nicht von den Rädern oder irgendeinem wildgewordenen Servomotor. Sensoren ermittelten das anhand winziger Torsionen der Lenksäule. Der Spurhalteassistent des Fahrzeugs deaktivierte sich, weil ein Überlenken stattfand – auch das konnte laut Gutachter nur von der Fahrerin gekommen sein. 0,8 Sekunden vor dem Crash sandte der Tesla einen Warnton und ein Rütteln an die Fahrerin, da die Fahrspur verlassen wurde. 0,2 Sekunden vor dem Zusammenstoß reagierte die Angeklagte laut der Sensordaten mit einem Gegenlenken. Doch es war zu spät.

Breitbandverbindung und Datenschutz spielen nicht mit

Normalerweise hätten versteckte Kameras des Tesla den Unfall live aufgezeichnet. Wegen der schlechten Breitbandverbindung an der Unfallstelle wurden die Videos nicht hochgeladen und standen nicht zur Verfügung. Was zu der heftigen Lenkbewegung der Fahrerin führte, hätte theoretisch die Innenraumkamera des Fahrzeugs gefilmt. Ihr Einsatz ist in Deutschland jedoch aus Datenschutzgründen nicht erlaubt, sodass die Frage, worin die Ablenkung der Fahrerin bestand, das Geheimnis der Angeklagten bleibt.

Dass sie nichts zur Klärung dieser Frage beigetragen hat, wurde von allen drei Nebenkläger-Anwälten kritisiert. “Hätte sie gesagt, mir ist etwas runtergefallen, hätte man eine Spur Verständnis finden können. Aber so gibt es nichts Entlastendes”, sagte Thomas Weitz. Sein Kollege Frank Sandhop ging sogar von einem erweiterten Suizidversuch aus und beantragte, die Frau wegen Mordes anzuklagen. Staatsanwalt Frank Lehmann sah dafür allerdings keinen hinreichenden Verdacht und sprach von einem “Augenblicksversagen”. Verteidiger Biernert bat das Gericht darum, von einer Strafe abzusehen, weil seine Mandantin durch die schwere Verletzung ihres Sohnes bereits gestraft sei.

Urteil: Anderthalb Jahre Haft auf Bewährung

Das Schöffengericht verurteilte die Angeklagte wegen fahrlässiger Tötung in drei und fahrlässiger Körperverletzung in zwei Fällen zu einem Jahr und sechs Monaten Haft, die für drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt wurden. Sie muss die Verfahrenskosten tragen und 1000 Euro an die Gebietsverkehrswacht Aue-Stollberg zahlen. Das Gericht blieb unter dem Antrag des Staatsanwaltes, der zwei Jahre Haft und vier Jahre Bewährung gefordert hatte.

Auch Richter Bernd Sämann rügte das Verhalten der Angeklagten: “Die Familienangehörigen hätten einen Anspruch darauf gehabt, dass Sie ihnen sagen, warum es passiert ist. Aber wir casten hier nicht die sympathischste Angeklagte.” Trotz der tragischen Folgen des Unfalles müsse man bedenken: “Dieses Verdrehen des Lenkrads ist etwas, das jedem von uns passieren könnte.” Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.



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