Söhne als potenzielle Nachwuchskräfte dem IS zugeführt – Berlinerin verurteilt


Die Berlinerin Mandy B. reiste mit ihren kleinen Söhnen ins Kriegsgebiet nach Syrien, um sich der Terrormiliz IS anzuschließen. Mehr als sechs Jahre später wird sie in Berlin verurteilt.

Eine Figur der blinden Justitia.

Eine Figur der blinden Justitia.Christoph Soeder/dpa/Symbolbild

Berlin–Die Frau hinter dem Panzerglas lauscht aufmerksam den Worten des Vorsitzenden Richters. Kerzengerade sitzt Mandy B. auf der Anklagebank des Berliner Kammergerichts. Das vor ihr stehende Glas Wasser rührt die 31-Jährige während der Urteilsverkündung nicht an. Immerhin sind es 70 Minuten.

Ein wenig Enttäuschung spiegelt sich in dem blassen, schmalen Gesicht der zierlichen Frau wider. Denn obwohl Mandy B. fast drei Jahre lang in syrischen Gefangenenlagern ausharren musste und seit einem Jahr und zwei Monaten in Untersuchungshaft sitzt, bleibt die IS-Rückkehrerin weiter im Gefängnis. Zumindest die Lagerzeit in Syrien wird ihr im Urteil nicht angerechnet.

Mandy B. muss für zwei Jahre und neun Monate hinter Gitter. So lautet an diesem Dienstag das Urteil. Nach den Worten von Detlev Schmidt, dem Vorsitzenden Richter des 6. Strafsenats des Kammergerichts, hat sich die Mutter von drei Kindern der mitgliedschaftlichen Beteiligung an einer terroristischen Vereinigung im Ausland, der Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflicht sowie der Steuerhinterziehung schuldig gemacht.

Demnach war Mandy B. Ende Oktober 2016 mit ihren beiden kleinen Söhnen, der Jüngere war zu dieser Zeit ein Jahr und acht Monate, der Ältere zwei Jahre und zehn Monate alt, nach Syrien ausgereist, um sich im Kriegsgebiet der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) anzuschließen. „Damit wurden die beiden Kinder dem IS als potenzielle Nachwuchskräfte zugeführt“, sagt Schmidt. Die Söhne seien einer erheblichen  Gefahr ausgesetzt gewesen.

Der Richter beschreibt in der Urteilsbegründung, wie es nach Ansicht des aus fünf Berufsrichtern bestehenden Strafsenats zu der Radikalisierung von Mandy B. kam. Die in Berlin geborene Frau habe keine leichte Kindheit gehabt, den Vater nie richtig kennengelernt, die Mutter sei alkoholkrank gewesen, so Schmidt. Eine Beruf erlernte Mandy B. nicht.

Im Jahr 2010 kam die Angeklagte mit Husan H., einem radikalen Islamisten, zusammen, den sie nach islamischen Recht heiratete. 2013 und 2015 wurden die gemeinsamen Söhne geboren.

Dann sei es noch ärger geworden, erklärt der Vorsitzende Richter. Denn 2016 sei die Zweitfrau von Husan H. dauerhaft in die eheliche Wohnung gezogen. Mit erheblichen Folgen, wie Schmidt sagt: Die Zweitfrau sei bevorzugt, Mandy B. gedemütigt worden.

Im Wettstreit mit ihrer Konkurrentin habe sich die Angeklagte weiter radikalisiert, den Niqab getragen und die Moschee Fussilet 33 besucht, einen Treffpunkt salafistischer Islamisten. Schließlich sei sie nach Syrien ausgereist, um sich beim IS registrieren zu lassen. 2017 sei ihr Mann zusammen mit der Zweitfrau gefolgt. Husan H. soll für den IS gekämpft, Mandy B. ihm den Haushalt geführt haben.

Söhne im Sinne des IS erzogen

Laut Schmidt erzog die Angeklagte ihre beiden Söhne im Sinne der Terrormiliz. 2018 kam das dritte Kind der Angeklagten zur Welt – ein Mädchen. Laut Anklage waren die Kinder Armut und Hunger ausgesetzt gewesen. Und Gewalt: So sollen sie Bombenangriffe miterlebt haben und Zeugen einer tödlichen Schießerei geworden sein.

Als der IS Gebietsverluste hinnehmen musste, ergaben sich Mandy B., Husan H. und dessen Zweitfrau den Demokratischen Kräften Syriens. So kam die Angeklagte mit ihren drei Kindern im Dezember 2018 in das nordsyrische Gefangenenlager Al-Hol. Dort soll Mandy B. laut Ermittlungen noch immer nicht ihre salafistisch-dschihadistische Einstellung aufgegeben haben.

Mandy B. und ihre Kinder kamen im Rahmen einer sogenannten Gruppenrückholung nach Deutschland zurück. Bei ihrer Einreise am 7. Oktober vorigen Jahres am Flughafen Frankfurt am Main wurde die Angeklagte verhaftet. Ihre Kinder leben seitdem in der Obhut des Jugendamtes. Es sehe so aus, als wären die Kinder trotz der psychischen und körperlichen Gefahren glimpflich davongekommen, sagt der Vorsitzende Richter. Man könne nur hoffen, dass dies so bleibe.

Auch der Steuerhinterziehung hat sich Mandy B. schuldig gemacht, weil sie nach ihrer Ausreise aus Deutschland noch immer Kindergeld kassiert hatte – insgesamt 4600 Euro, die ihr Ehemann für die Finanzierung seiner Ausreise ins IS-Kriegsgebiet genutzt haben soll.

Nach einer Verständigung, nach der der Angeklagten bei einem Geständnis eine Gefängnisstrafe von höchsten drei Jahren drohte, hatte Mandy B. die Tatvorwürfe eingeräumt. Trotzdem lehnt es der Vorsitzende Richter am Ende der Urteilsbegründung ab, Mandy B. von der Haft zu verschonen. Der Strafsenat habe im Verfahren nicht die Gewissheit erlangt, dass sich die Angeklagte ausreichend von der Ideologie des IS distanziert habe.

Noch ist das Urteil nicht rechtskräftig.



Source link