Schulmassaker von Parkland: 34-mal lebenslänglich für den Täter – Panorama


Linda Beigel Schulman hielt eine Fotocollage in die Höhe, als das Urteil gesprochen wurde. Darauf Porträts der 17 Toten von Parkland, Florida. 14 Schülerinnen und Schüler und drei Erwachsene, ermordet von Nikolas Cruz, der am 14. Februar 2018 in der Marjory Stoneman Douglas High School 140 Schüsse aus einem halbautomatischen Schnellfeuergewehr vom Typ AR-15 abfeuerte. Beigel Schulmans Sohn Scott, ein Lehrer, war einer der Getöteten.

Mehr als vier Jahre später wurde der Massenmörder nun im Broward County Courthouse von Fort Lauderdale verurteilt. Aber nicht so, wie sich viele der versammelten Angehörigen dies gewünscht hätten. Das Gericht verhängte 34-mal lebenslängliche Haft gegen Cruz, heute 24 Jahre alt. Jeweils eine lebenslange Strafe für jeden Ermordeten und Verletzten. In die Todeszelle muss er nicht.

Nach der drei Monate dauernden Verhandlung hatte sich die Jury mit neun zu drei Stimmen zwar mehrheitlich für die Todesstrafe entschieden, die in Florida seit 1976 wieder verhängt und ausgeführt wird. 99 Menschen wurden in viereinhalb Jahrzehnten im Auftrag der Justiz getötet, zuletzt 2019 Gary Ray Bowles mit einer Giftspritze, weil er im Jahr 1994 sechs Menschen ermordet hatte. Doch seit 2014 muss die härteste aller Strafen nach einer Entscheidung des Obersten Gerichtshofs in diesem Bundesstaat einstimmig beschlossen werden, im Fall Parkland gab es drei Gegenstimmen. Die Verteidiger des geständigen Täters hatten darauf verwiesen, dass seine Mutter während der Schwangerschaft Alkohol und Drogen konsumiert hatte, das rettete dem Täter das Leben. Und es weitet die Debatte über die Death Penalty aus, die international mehrheitlich als zutiefst unmenschlich empfunden wird.

Waffen sind trotz verschärfter Gesetze immer noch kinderleicht zu kriegen

Es klingt fürchterlich und sieht schrecklich aus, was von diesem Prozess zu lesen, hören und sehen ist. Die Mütter, Väter, Großeltern oder Geschwister vereint die Trauer, der Schmerz über ihre toten Kinder, Enkel, Brüder und Schwestern. Weitere mit Kugeln ausgelöschte Leben in dieser Serie von Shootings in einem Amerika, in dem Waffen trotz zuletzt verschärfter Gesetze immer noch kinderleicht zu kriegen sind. Unweit von Miami zum Beispiel steht eine öffentliche Schießhalle gleich neben dem Highway, angepriesen mit einer gut sichtbaren Werbung und dem Zusatz “Hurrikan-sicher”.

Schulmassaker von Parkland: Nikolas Cruz im Gerichtssaal. Drei der fünf Juroren sprachen sich gegen die Todesstrafe aus, sie werteten es als mildern, dass seine Mutter während der Schwangerschaft Alkohol und Drogen konsumiert hatte.

Nikolas Cruz im Gerichtssaal. Drei der fünf Juroren sprachen sich gegen die Todesstrafe aus, sie werteten es als mildern, dass seine Mutter während der Schwangerschaft Alkohol und Drogen konsumiert hatte.

(Foto: Amy Beth Bennett/AFP)

Die meisten der Männer und Frauen im Gericht hätten diesem Nikolas Cruz mit seiner roten Gefängniskleidung und der großen Brille den Tod gewünscht. “Das wäre fairer für die Opfer”, zitiert die New York Times Tony Montalto, dessen 14-jährige Tochter Gina zu den Opfern zählt, und lässt einen Kommentator fragen, wofür die Todesstrafe dann da sei.

Seit 2020 wäre Einstimmigkeit laut einer neueren Rechtsprechung im zunehmend konservativen Florida nicht mehr nötig, aber noch wurde das Landesgesetz nicht geändert. “Es ist nicht richtig”, sagte Max Schachter, dessen Sohn Alex mit 14 starb, “und ich werde daran arbeiten, diese Ungerechtigkeit für die nächste Familie zu beheben.”

Ein Foto aus dem Gerichtssaal zeigt ihn weinend. Genauso wie Theresa Robinovitz, deren 14-jährige Enkelin Alyssa Alhadeff auch unter den Toten ist. Sie hoffe, “dass jeder Augenblick, in dem Sie hier auf der Erde atmen, unglücklich ist, und dass Sie Ihre Sünden bereuen und in der Hölle schmoren”.

Auch Martin Duque, 14, Nicholas Dworet, 17, Aaron Feis, 37, Jaime Guttenberg, 14, Christopher Hixon, 49, Luke Hoyer, 15, Cara Loughran, 14, Joaquin Oliver, 17, Alaina Petty, 14, Meadow Pollack, 18, Helena Ramsay, 17, Carmen Schentrup, 16, Peter Wang, 15, sind alle tot.

“Wahre Gerechtigkeit wäre erreicht, wenn jede Familie hier eine Kugel und Ihre AR-15 bekäme und wir Strohhalme aussuchen dürften und jeder von uns einen nach dem anderen auf Sie schießen dürfte, um sicherzugehen, dass Sie jedes bisschen davon spüren”, sagte Beigel Schulman, Mutter des ermordeten Lehrers Scott Beigel, 35. Fred Guttenberg, Vater des getöteten Jaime, sagt, er habe am Grab seines Sohnes gedacht: Egal welches Urteil, es ändere nichts. Debra Hixon, Witwe des ermordeten Christopher, ist es egal, was mit dem Verurteilten geschieht. Er werde für sie nur noch eine Nummer sein. “Sie haben mir und meiner Familie genug genommen.”



Quellenlink https://www.sueddeutsche.de/panorama/parkland-high-school-schulmassaker-amoklauf-shooting-urteil-haftstrafe-todesstrafe-1.5686666