Retten, was zu retten ist (nd-aktuell.de)


Für die Ewigkeit: In Ochtyrka im Oblast Sumy werden Exponate digital gesichert.

Für die Ewigkeit: In Ochtyrka im Oblast Sumy werden Exponate digital gesichert.

Foto: Archiv

Die Fenster des zehnstöckigen Gebäudes sind komplett zerstört, die metallene Fassadenverkleidung hängt in Fetzen herunter, Eingangstüren wurden ersetzt durch Holzplatten. Ekaterina Malygina zeigt Fotos vom Historischen Archiv in der Myronosytzka Straße in Charkiw, der zweitgrößten Stadt der kriegsgeschüttelten Ukraine. »Die OSB-Platten, um das Gebäude vor einbrechender Feuchtigkeit zu schützen, wurden gerade installiert«, erklärt die Historikerin. Bezahlt werden die Grobspanplatten aus Deutschland.

Direkt in den ersten Wochen nach dem Beginn des russischen Angriffskriegs am 24. Februar war die Stadt schwer zerstört worden. Mitte September zog sich das russische Militär als Reaktion auf die ukrainischen Gegenoffensive mehr und mehr aus der Region zurück. Die Verwüstungen sind massiv, ein Wiederaufbau von Einrichtungen wie Museen oder Archiven scheint angesichts der notdürftig zu erhaltenden Infrastruktur kaum denkbar. Dabei sind es auch und gerade die Geschichte der Ukraine und ihre Kulturgüter, ihre Traditionen und Sprache, auf die Russland unter Wladimir Putin mit seinen Allmachtsphantasien zielt.

»Das Museum für Heimatkunde in Cherson wurde komplett ausgeraubt«, sagt Ekaterina Malygina mit Blick auf die Lage in der vor Kurzem von den russischen Truppen geräumten südukrainischen Stadt am Dnipro. »Die Angst, dass das auch an anderen Orten passiert, ist groß.« Daher gelte für zahlreiche Historiker*innen, Museumspädagog*innen, Archivmitarbeiter*innen vor Ort: Retten, was zu retten ist – bevor die Zerstörung wertvolle Exponate und Dokumente trifft. Wie schwierig das angesichts der zerstörten Infrastruktur ist, ist klar: »Ein kleines Museum kann man evakuieren, aber manche Archive haben tonnenweise Material, es würde ganze Züge füllen«, sagt Malygina.

Ekaterina Malygina ist nicht vor Ort. Die junge Frau sitzt in der Bibliothek des Museums Karlshorst im gleichnamigen Ortsteil des Berliner Bezirks Lichtenberg. Draußen liegt der erste Schnee, es ist überraschend schnell kalt geworden. Am Ort der Erklärung der bedingungslosen Kapitulation Nazideutschlands, die das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa bedeutete, ist dieser Raum vor allem den Mitarbeiter*innen des Museums vorbehalten.

Die Historikerin erklärt, mit welchen Mitteln in der Ukraine derzeit versucht wird, nicht nur Menschenleben, sondern auch Kulturgüter, Dokumente regional und überregional bedeutender Museen, historische Sammlungen und Archive, darunter zahlreiche zur Geschichte des Zweiten Weltkriegs, vor Zerstörung und Vernichtung zu bewahren. Vieles werde, wenn möglich, an andere Orte gebracht, noch mehr werde versucht, durch Digitalisierung zu sichern. Die digitale Infrastruktur und die technischen Mittel kommen dabei auch aus Deutschland.

Daran beteiligt ist das Museum Karlshorst unter anderem im Rahmen des im März gegründeten »Hilfsnetzwerks NS-Verfolgte«, eines Zusammenschlusses von über 50 Gedenkstätten und museumspädagogischen Einrichtungen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, bestehende Kontakte zu ehemaligen NS-Verfolgten, aber auch zu Fachkolleg*innen und Kooperationspartner*innen nicht nur zu halten, sondern diese auch finanziell in ihrer Notlage aufgrund des Krieges zu unterstützen. 153.000 Euro Spendengelder sind seitdem in diesem Sinne eingesetzt worden. Seit September werden mit einem Patenschaftsprogramm 100 Überlebende unterstützt, die sich in besonders prekären Situationen befinden.

Hier schließt sich gewissermaßen ein Kreis. Denn das Museum Karlshorst, das bis Ende Februar Deutsch-Russisches Museum hieß, beherbergt nicht nur die Dauerausstellung über den von Nazideutschland begonnenen deutsch-sowjetischen Krieg zwischen 1941 und 1945, der in der ehemaligen Sowjetunion und ihren Nachfolgestaaten als »Großer Vaterländischer Krieg« gilt. Man sehe sich selbstverständlich nach wie vor in der Verantwortung, gerade hier die Erinnerung an die Befreiung vom Hitlerfaschismus, die maßgeblich auf die sowjetische Rote Armee zurückgeht, wachzuhalten, erklärt Bianca Schröder, verantwortlich für Veranstaltungen und Öffentlichkeitsarbeit.

Seitdem das Museum aus Protest gegen den aktuellen Krieg, das »Deutsch-Russisch« aus seinem Namen genommen hat und vor dem Haus statt der Flaggen von Russland, der Ukraine, Belarus und Deutschland nur noch die ukrainische Fahne gehisst wird, gebe es Befürchtungen, »wir würden uns nicht an die sowjetischen Befreier erinnern wollen«, sagt Schröder. »Aber das ist natürlich Quatsch.«

Die Situation sei nichtsdestotrotz schwierig, nicht nur, weil das Museum konzeptionell eine Einrichtung ist, die auch auf zahlreichen partnerschaftlichen Beziehungen mit Orten in etlichen ehemaligen Sowjetstaaten beruht. »Es gibt viele offene Fragen«, formuliert es Schröder vorsichtig. Aber es gebe einen deutlichen und auch nach außen sichtbaren Standpunkt zum aktuellen Krieg. Nur, wie es weitergeht, das kann niemand sagen.

Denn solange er andauert, werden nicht nur zahlreiche Mitarbeiter*innen in Karlshorst damit beschäftigt sein, sich um Angehörige zu sorgen, Flüchtenden zu helfen, Kontakte aufrechtzuerhalten – und das unter den Bedingungen, die in der Ukraine das Schicksal der Menschen bestimmen: Strom- und Serverausfälle, zerstörte Infrastruktur und Gebäude, blanke Überlebenskämpfe, die an die Stelle von Arbeit und Beschäftigung getreten sind.

Dennoch hat die furchtbare Eskalation nun auch für eine deutlich engere Zusammenarbeit gesorgt, sagen Schröder und Malygina. Und eine sehr praktische: »Wir kaufen Scanner, Laptops und Server«, berichtet Malygina. Die wertvollen Dokumente können in digitaler Form unter anderem auf der bisher vor allem deutschsprachigen Online-Plattform Museum Digital hochgeladen und gesichert werden.

Hinzu kommt: Im Internet ist es auch in Kriegszeiten oder in Zeiten eines erhofften Wiederaufbaus möglich, Ausstellungen zu zeigen. Für die Menschen, die diese erarbeiten, wächst so auch die Hoffnung, dass es eine andere Zeit geben wird, in der sie nicht im Museum schlafen müssen, um dessen Inhalte zu beschützen. Und für die, die sie ansehen, bleibt die Versicherung: Die russische Armee kann noch so lange versuchen, die Ukraine in Grund und Boden zu bombardieren, doch die ukrainische Geschichte kann nicht komplett ausgelöscht werden.





Quellenlink https://www.nd-aktuell.de/artikel/1168820.ukraine-krieg-retten-was-zu-retten-ist.html