Paxlovid: Verordnungen für Corona-Mittel steigen



Frankfurt, Berlin Neue antivirale Wirkstoffe, allen voran das Medikament Paxlovid von Pfizer, übernehmen eine prominentere Rolle im Kampf gegen Covid-19. Vor allem in den USA steigen die Verordnungszahlen inzwischen deutlich. Dennoch bleibt fraglich, inwieweit die von zahlreichen Regierungen georderten Mengen tatsächlich eingesetzt werden – und in welchem Umfang die Medikamente dazu beitragen, Krankheitslast und Sterberaten zu senken.

Weltweit dürften Staaten mehr als 40 Millionen Packungen Paxlovid sowie etliche Millionen Einheiten der übrigen Corona-Medikamente geordert haben. Pfizer erwartet auf Basis der Bestellungen bisher rund 22 Milliarden Dollar Umsatz mit dem Mittel in diesem Jahr.

Analysten trauen Paxlovid auch in den kommenden Jahren hohe, wenn auch rückläufige Erlöse zu. Der Marktforscher Global Data etwa schätzte jüngst, dass sich die Einnahmen für Pfizer bis 2028 auf insgesamt gut 80 Milliarden Dollar summieren könnten.

Der Einsatz des Mittels in der Praxis war zunächst sehr zögerlich, hat sich aber insbesondere in den USA in den letzten Monaten beschleunigt. Nach jüngsten Angaben des US-Gesundheitsministeriums wurden dort bis Mitte September rund 7,6 Millionen Dosen Paxlovid ausgeliefert und gut 4,6 Millionen Dosen auch verordnet.

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Jeweils rund eine halbe Million Einheiten wurden von anderen Covid-Medikamenten eingesetzt. Dazu gehören das antivirale Mittel Lagevrio von Merck & Co. sowie Antikörperpräparate von Eli Lilly und Astra-Zeneca.

US-Regierung bestellte im großen Stil

Insgesamt hat die US-Regierung bisher 20 Millionen Behandlungseinheiten Paxlovid bei Pfizer bestellt. Das Gesundheitsministerium geht angesichts der steigenden Verordnungszahlen inzwischen davon aus, dass diese bis Mitte kommenden Jahres aufgebraucht sein werden.

Booster für die Bilanz

80

Milliarden Dollar

könnte der US-Konzern Pfizer nach Schätzungen von Analysten bis 2028 mit Paxlovid einnehmen.

Noch früher dürfte das bei anderen Covid-Medikamenten wie Lagevrio sowie Evusheld von Astra-Zeneca der Fall sein, von denen allerdings deutlich kleinere Mengen geordert wurden. Nach Auslaufen wird der Vertrieb in den USA wohl über den regulären Pharmahandel erfolgen.

Auch in Deutschland wird Paxlovid inzwischen offenbar häufiger eingesetzt als im ersten Halbjahr. So wurden nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums seit Anfang September durchschnittlich rund 10.000 Therapieeinheiten pro Woche an den Großhandel ausgeliefert, gegenüber zuvor nur jeweils etwa 3500 Einheiten.

Seit Kurzem können Arztpraxen, Krankenhäuser und vollstationäre Pflegeeinrichtungen mehrere Packungen Paxlovid über ihre regelmäßige Bezugsapotheke bestellen und vorhalten. So sollen die Tabletten schneller und unkomplizierter zum Patienten gelangen. Dies hatte Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) Ende August angekündigt, um die Abgabe zu erleichtern.

Auswirkungen des Paxlovid-Einsatzes lassen sich nur schwer abschätzen

Bis Juli wurden nach Daten des Marktforschers Iqvia in Deutschland rund 47.000 Packungen Paxlovid verordnet. Insgesamt hatte die Bundesregierung Ende 2021 eine Million Packungen eingekauft. Das heißt: Auch nach der jüngsten Beschleunigung der Auslieferungen dürfte der Vorrat noch längst nicht erschöpft sein.

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Inwieweit der Einsatz der antiviralen Medikamente die Zahl der schweren Verläufe und Todesfälle durch Covid-19 reduziert hat, lässt sich vorerst nur schwer erkennen. Denn hier spielen auch andere Faktoren wie höhere Impfquoten und die generell harmloseren Krankheitsverläufe bei den Omikron-Varianten eine maßgebliche Rolle.

In den klinischen Studien hatte Paxlovid bei Patienten mit erhöhtem Risiko für schwere Krankheitsverläufe die Wahrscheinlichkeit für Krankenhauseinlieferungen oder Todesfälle um knapp 90 Prozent gesenkt. Auch US-Präsident Joe Biden wurde jüngst nach seiner Corona-Infektion mit dem Mittel behandelt. Bei Patienten mit normalem Risiko zeigte das Medikament dagegen keinen statistisch signifikanten Vorteil. Entsprechende Studien wurden daher von Pfizer im Juni eingestellt.

Studie zeigt keine Vorteile bei jüngeren Patienten

Trotz des verstärkten Einsatzes von Paxlovid und anderen antiviralen Wirkstoffen ist die Sterblichkeit bei Coviderkrankungen in den USA weiterhin deutlich höher als zum Beispiel in Deutschland, wo antivirale Mittel bislang wesentlich zurückhaltender verordnet werden. Für die letzten drei Monate errechnet sich für die USA ein Wert von 0,42 Prozent aller Infektionsfälle, gegenüber 0,16 Prozent in Deutschland.

Üppiger Vorrat

1 Million

Packungen Paxlovid

hat die Bundesregierung Ende 2021 verkauft. Nach Daten des Marktforschers Iqvia wurden davon bis Juli rund 47.000 Packungen verordnet.

Immerhin hat sich die Sterblichkeitsrate in den USA seit dem vergangenen Jahr kontinuierlich verringert, während sie in Deutschland auf niedrigem Niveau stabil geblieben ist und zuletzt wieder leicht zunahm.

Erste detailliertere Analysen aus der Praxis zeigen zudem, dass das Zaudern der Ärzte bei der Verordnung nicht völlig unbegründet ist. Der Einsatz von Paxlovid kann zwar bei älteren Menschen das Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf deutlich reduzieren, aber nicht unbedingt bei jüngeren Menschen unter 65 Jahren.

Zu diesem Resultat jedenfalls kam jüngst eine im angesehenen „New England Journal of Medicine“ veröffentlichte Beobachtungsstudie aus Israel. Paxlovid reduzierte danach bei älteren Personen das Risiko für eine Krankenhauseinweisung wegen Covid-19 um 67 Prozent und das Todesfallrisiko um 81 Prozent. Keine signifikante Reduzierung der schweren Fälle habe man jedoch bei jüngeren Erwachsenen beobachtet, schreiben die Forscher um Ronen Arbel.

Problem Wechselwirkungen

Einbezogen in die Analyse wurden insgesamt rund 109.000 Menschen, die in der Zeit vom 9. Januar bis 24. Februar erkrankten, also in einer Phase, als die Omikron-Variante bereits dominierte. Von diesen Patienten wurden rund vier Prozent mit Paxlovid behandelt.

Bei den über 64-jährigen wurden dabei 14,7 Hospitalisierungsfälle pro 100.000 Personen in der Paxlovid-Gruppe beobachtet, gegenüber 58,9 Fällen bei den Unbehandelten. Bei jüngeren Personen war dieser Unterschied dagegen nicht zu beobachten. Hier waren die Hospitalisierungsraten mit 15,2 zu 15,8 nahezu identisch.

Eine wesentliche Herausforderung für den Einsatz von Paxlovid besteht darin, dass es mit zahlreichen anderen Arzneiwirkstoffen interagiert und deren Wirkung reduzieren kann. Das Pfizer-Medikament besteht im Prinzip aus zwei Tabletten, der eigentlichen antiviralen Substanz Nirmatrelvir und dem Zusatzwirkstoff Ritonavir, der wiederum für die Wechselwirkungen verantwortlich ist.

In den offiziellen Gebrauchsinformationen werden rund zwei Dutzend Arzneimittelklassen aufgelistet, bei denen eine Einnahme zusammen mit Paxlovid problematisch sein könnte. Darunter sind gängige Mittel wie Blutverdünner und Bluthochdruckmedikamente, mit denen gerade ältere Menschen häufig routinemäßig behandelt werden. Das wiederum erschwert den Einsatz gerade in der Patientengruppe, die am stärksten von dem Mittel profitieren könnte.

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