„Panikattacken und Existenzängste gehören zum Alltag“


Paul Krämer ist erst mal abgehauen aus Berlin, er hat 1600 Kilometer Abstand zu seinem Problem geschaffen. Er verbringt den Winter in Sizilien, seine Wohnungssuche pausiert. Kemal-Alp Sagkaya hat immerhin ein Zimmer im Studentenwohnheim ergattert, er rüstet sich dort für Prüfungen, endlich mit Abstand zu den Eltern. Eine eigene Wohnung für sich und seine Freundin hat auch er immer noch nicht gefunden. Astrid Hollmann hat sich nach ihrem Umzug im Frühjahr mit ihren neuen Nachbarn angefreundet, sie bringen ihr Äpfel oder Nüsse aus dem Garten mit. Aber sie kann den Gedanken nicht abschütteln, dass sie auch diese Wohnung wieder verlieren könnte. Und dann alles von vorne beginnt.

Die Suche nach einer bezahlbaren Mietwohnung. Eine Aufgabe, die zum Albtraum für jeden Berliner geworden ist. Und für die Menschen, die Berliner werden wollen.

Krämer ist Politikberater, Sagkaya will Lehrer werden, Hollmann ist Projektmanagerin. Sie gehören zu den Menschen, die Reportern der Berliner Zeitung in den vergangenen Wochen von dem Problem berichtet haben, das Politiker fast aller Parteien inzwischen als das größte der Stadt bezeichnen. Das ist die Wohnungsnot. Was erleben Menschen, die in Berlin nach einer Mietwohnung suchen? Wohin kann man noch ausweichen? Wenn trifft das Problem in dieser Stadt – und wen trifft es am härtesten?

Kemal-Alp Sagkaya bei einer Wohnungsbesichtigung im September. Den Zuschlag hat er wieder nicht erhalten.

Kemal-Alp Sagkaya bei einer Wohnungsbesichtigung im September. Den Zuschlag hat er wieder nicht erhalten.Sebastian Wells/OSTKREUZ

Es gibt kaum etwas, was die Menschen in dieser Stadt so sehr fürchten wie eine Wohnungssuche. Das ist das Erste, was wir aus der Recherche gelernt haben. Egal, ob sie Projektmanagerin sind, Altenpflegerin, Studentin, Lebensmittelhändler mit eigenem, kleinen Geschäft. Egal, ob sie neu in die Stadt kommen oder ihr ganzes Leben in Berlin verbracht haben. Auch diese Menschen müssen umziehen, weil beispielsweise ihre Familie gewachsen ist, die Drillinge inzwischen sieben sind und es nicht mehr in einem Zimmer aushalten. Weil Paare zusammenleben wollen oder sich auseinandergelebt haben. Oder weil ihnen der Mietvertrag gekündigt wird. 

„Ich schlafe nicht mehr.“ Und: „Ich lebe kaum noch.“ Diese beiden Sätze haben wir in den vergangenen Wochen immer wieder gehört. Die Suche nach einer bezahlbaren Mietwohnung frisst die gesamte freie Zeit auf. Man muss rund um die Uhr die Angebote auf den Immobilienportalen im Blick halten, schnell Bewerbungen absenden, zusätzlich Aushänge anfertigen, man darf keinen Anruf verpassen, keine Nachricht. Man muss frisch, freundlich und unkompliziert wirken, wenn man das seltene Glück hat, zu einer Besichtigung eingeladen zu werden. Aber der Stress und die Angst davor, nichts zu finden, zerstören die Nächte.

In Sizilien überwintern, das hört sich gut an. Aber Paul Krämer will Kraft schöpfen. Er sagt, dass er in Berlin fast in eine Depression gerutscht sei. Wegen der Wohnungssuche, seines anhaltenden Misserfolgs.

Krämer ist 27 Jahre alt und heißt eigentlich anders. Er bat uns, seine Geschichte unter Pseudonym aufzuschreiben. Zwei Jahre lebte der Politikberater in einer WG, notgedrungen. Aber er kam mit seinen Mitbewohnern nicht zurecht, ärgerte sich über deren Unordnung, fühlte sich nicht zu Hause. Er zog schließlich zurück zu seiner Mutter, die in Frankfurt am Main lebt, aber nur eine Couch für ihn frei hatte, und von dort weiter in den Süden. Krämer hat einen Job, den er auch eine Zeit lang im Homeoffice machen kann. Auch von einer italienischen Insel aus. Die Wohnungssuche auf Sizilien, schreibt er, habe keine drei Tage gedauert. Aber im Frühjahr soll er wieder von Berlin aus arbeiten. Dann muss er wieder suchen.

Paul Krämer hat zwei Jahre vergeblich nach einer Wohnung in Berlin gesucht. Er hat die Stadt vorerst verlassen.

Paul Krämer hat zwei Jahre vergeblich nach einer Wohnung in Berlin gesucht. Er hat die Stadt vorerst verlassen.Sebastian Wells/OSTKREUZ

Am Anfang der Recherchen stand auch die Frage: Was muss man tun, um Erfolg bei der Suche zu haben? Wir wollten über die Tipps und Tricks der Erfolgreichen berichten. Über Lösungen. Das Zweite, was wir lernten, war, dass Erfolgsgeschichten selten sind. Weil kein Trick die freien, bezahlbaren Mietwohnungen herbeizaubern kann, die es in Berlin nicht gibt. Nun drücken die Inflation und die hohen Energiepreise zusätzlich das Budget der Suchenden.

Man sollte nicht mehr als ein Drittel des monatlichen Nettoeinkommens für die Warmmiete ausgeben, das gilt als Faustregel. In Berlin könnten die gestiegenen Heizkosten dazu führen, dass Alleinlebende bald 45 Prozent ihres Einkommens ausgeben müssen, das ergab eine Analyse eines Immobilienportals kürzlich.

Eine Frau hatte es geschafft, eine neue Wohnung gefunden, mit ihrem Fall begann die Artikelserie. Astrid Hollmann arbeitet als Projektmanagerin und ist in der SPD aktiv. Im Bezirksverband Mitte. Sie hatte sogar in ihrem Kiez etwas Neues gefunden. Mit riesigem Aufwand. Jede Stunde, in der sie nicht arbeitete oder schlief, hatte sie in die Suche gesteckt, fast ein Jahr lang. Und Hollmann war, wie sie selbst sagte, in einer privilegierten Lage. Eine Frau mit Kontakten und Organisationstalent, die nur für sich selbst suchte, ein festes Einkommen vorweisen kann. Auch sie erzählte von Schlafstörungen, dem Gefühl der Verzweiflung.

Sie musste suchen, nachdem ihr Vermieter ihr nach 13 Jahren plötzlich gekündigt hatte. Weil er selbst einziehen wollte. Niemand erfasst, wie viele Menschen in Berlin aus diesem Grund im Jahr ihr Zuhause verlieren, ob die Zahl der Eigenbedarfskündigungen zugenommen hat. Aber jedem, der in der Eigentumswohnung eines privaten Vermieters lebt, kann das passieren. Der sonst gute Schutz für Mieter in Deutschland greift dann nicht mehr. Nach dem Bericht über Hollmanns Fall erreichten uns viele Schilderungen von Menschen, die ihre Wohnung in Berlin aus demselben Grund verloren haben. Oft nach vielen Jahrzehnten. Ihren Lebensort.

Astrid Hollmann hat in Mitte eine neue Wohnung gefunden. Das Gefühl der Unsicherheit wird sie aber nicht los.

Astrid Hollmann hat in Mitte eine neue Wohnung gefunden. Das Gefühl der Unsicherheit wird sie aber nicht los.Sebastian Wells/OSTKREUZ

Eine Frau schrieb uns: „Zu Ende Februar 2023 muss ich meine Wohnung verlassen, die dann 43 Jahre lang mein Zuhause und früher mal eine ganz normale Mietwohnung war. Die Wohnung wurde 2003 in eine Eigentumswohnung umgewandelt und an einen Hamburger Investor verkauft.“ Im Oktober 2021 sei die Wohnung erneut verkauft worden, nachdem der neue Eigentümer im Grundbuch stand, sei ihr die Kündigung zugestellt worden. Sie sei Rentnerin, lebe von 920 Euro im Monat. „Die Maklerin bedeutete mir mit geringschätziger Miene, dass die Miete, die ich zahle, kein Anreiz für Investoren sei.“

Serie: Wohn-Wahnsinn Berlin

Die Lage auf dem Wohnungsmarkt der Stadt ist mehr als angespannt. Politiker aller Parteien sprechen vom größten Problem, das Berlin zu lösen hat. Doch wie ergeht es denen, die mittendrin stecken, weil sie umziehen müssen oder nach Berlin kommen wollen? 
Wir berichten auch weiterhin über die Folgen der Wohnungsnot für die Menschen in dieser Stadt, über die Probleme und Hürden bei der Suche und die Kämpfe von Mieterinnen und Mietern. 
Wenn Sie uns Ihre Lage schildern wollen, können Sie uns gerne schreiben.
Kontakt: leser-blz@berlinerverlag.com

Ein Ehepaar aus Prenzlauer Berg meldete sich, nach 36 Jahren war ihr Mietvertrag gekündigt worden. Kündigungsgrund: Eigenbedarf. Eine 63 Jahre alte Berlinerin schrieb, sie sei Geringverdienerin. Auch ihr sei nach 36 Jahren in ihrer Wohnung gekündigt worden. Eigenbedarf. „Panikattacken, Existenzängste gehören jetzt zum Alltag“, mit diesem Satz endete ihre Nachricht.

Astrid Hollmann lebt nun ein paar Monate in ihrer neuen Wohnung, die schön sei, die Nachbarn sympathisch. Aber das Gefühl der Ohnmacht sei bei ihr zurückgeblieben. „Es kann jederzeit wieder losgehen. Ich traue mich nicht zu wurzeln“, sagt sie. Ihre neue Wohnung gehört ebenfalls einem privaten Einzeleigentümer, der ihr jederzeit kündigen könnte.

Auch Hollmann hat viele Zuschriften von Menschen bekommen, denen aus Eigenbedarf gekündigt wurde. Sie hat das Thema zu ihrer politischen Aufgabe gemacht, sie setzt sich in der SPD für eine Gesetzesänderung ein. Eigenbedarfskündigungen sollen erschwert, den Mietern mehr Zeit bis zum Auszug gewährt werden. „Das Thema ist in der Berliner SPD angekommen, wir sind uns einig, dass es Änderungen geben muss“, sagt Astrid Hollmann. Aber über Wohnpolitik wird auf Bundesebene entschieden.

Familie Y. aus Neukölln hat einen Wohnberechtigungsschein (WBS)  beantragt, der ihr helfen soll, endlich eine größere Wohnung zu finden. Die Familie – Mutter, Vater, zwei Teenager – lebt auf 46 Quadratmetern. Die Wohnungsbaugesellschaft hat nach dem Artikel über den Fall reagiert und Hilfe zugesagt. Aber es hängt am WBS, und der lässt auf sich warten.

In der 46-Quadratmeter-Wohnung der Familie Y. in Neukölln müssen ständig Möbel gerückt werden. Das kleine Wohnzimmer ist zugleich das Schlafzimmer der Kinder.

In der 46-Quadratmeter-Wohnung der Familie Y. in Neukölln müssen ständig Möbel gerückt werden. Das kleine Wohnzimmer ist zugleich das Schlafzimmer der Kinder.Sebastian Wells/OSTKREUZ

Die Familie lebt seit drei Jahren so beengt. Genauso lange läuft ihre Suche komplett ins Leere. Meist kommen nicht einmal Absagen. Die Familie ist aus politischen Gründen aus der Türkei nach Deutschland geflohen, der Vater hat sich mit einem Geschäft selbstständig gemacht, die Mutter ist Mathematik-Lehrerin. Aber sie trägt ein Kopftuch, ihr Deutsch ist noch nicht perfekt.

Wer es im Leben in Deutschland auch sonst schwerer hat, hat es bei der Wohnungssuche noch mal schwerer. Das ist das Dritte, was wir gelernt haben. Das zeigen die Fälle, über die wir berichtet haben, auf erschütternde Weise. Familien mit Migrationshintergrund, Menschen mit Behinderung oder chronischen Krankheiten, Alleinerziehende – sie alle können eigentlich nur auf die städtischen Wohnungsbaugesellschaften hoffen. Dort gibt es ein automatisiertes Verfahren für die Auswahl der Bewerber, die zu einer Besichtigung eingeladen werden. Das soll Diskriminierungen verhindern.

Ein WBS soll zusätzlich helfen, an eine Unterkunft mit bezahlbarer Miete zu gelangen. Aber fast eine Million Haushalte haben Anspruch auf diesen Schein. Und in der ganzen Stadt gibt es nicht mal 100.000 Sozialwohnungen.

Auch die Mutter von Halima Ilter hätte vermutlich Anspruch auf einen WBS. Sie droht aus der Wohnung in Berlin-Schöneberg zu fliegen, in der sie seit 23 Jahren lebt, in der sie ihre sieben Kinder großgezogen hat. Halima Ilter, die älteste Tochter, die Schauspielerin geworden ist, wollte gemeinsam mit ihren Geschwistern der Mutter etwas Gutes tun. Sie organisierten eine große Renovierung. Dabei ließen sie unter anderem auch neue Bodenfließen verlegen – die Hausverwaltung reagierte darauf mit einer Kündigung des Mietvertrags. Wegen ungenehmigter Umbauten. 

Halima Ilter in der Wohnung ihrer Mutter in Schöneberg. Die Familie will gegen die Kündigung des Mietvertrags nach einer Renovierung in Berufung gehen.

Halima Ilter in der Wohnung ihrer Mutter in Schöneberg. Die Familie will gegen die Kündigung des Mietvertrags nach einer Renovierung in Berufung gehen.Sebastian Wells/OSTKREUZ

Halima Ilter und ihre Geschwister kämpfen seitdem mit allen Mitteln darum, dass ihre Mutter in der Wohnung bleiben darf. Auch weil sie wissen, wie schlecht die Aussichten einer Frau Ilter auf dem Berliner Wohnungsmarkt sind. Mit oder ohne WBS.

Nach dem Bericht über diesen Fall erreichte uns der Leserbrief eines Mannes, der schrieb, er arbeite selbst als Makler. „Mir ist kaum ein Lebensbereich bekannt, in dem es so unfassbare Probleme mit Rassismus gibt wie auf dem Wohnungsmarkt“, schrieb er. Wenn er von Eigentümern den Auftrag für eine Vermietung erhalte, werde vorab oft besprochen, wen man alles nicht in der Wohnung haben wolle. Menschen mit Migrationshintergrund hätten kaum Chancen. Anfragen von Mietern würden sortiert: „Als Erstes die Leute mit deutschen Namen, festangestellt und bestenfalls keine Anwälte. Wenn unter den Deutschen nichts dabei ist, kommen ausländische Namen, aber tendenziell erst Italiener, Spanier usw.“

Ist also alles hoffnungslos? Bei vielen Menschen, über die wir berichtet haben, haben sich Berlinerinnen und Berliner gemeldet, die helfen wollen. Mit Hinweisen auf freie Wohnungen, auf Neubauprojekte, auf Beratungsstellen. 

Die Altenpflegerin Thi Thai Hoang und ihre beiden Töchter fürchteten, noch in diesem Jahr aus ihrer Wohnung in Weißensee ausziehen zu müssen. Auch sie nach einer Eigenbedarfskündigung. Aussicht auf eine neue Wohnung hatten sie nicht. Alle Anträge der Mutter auf einen WBS waren abgelehnt worden. Schon lange hatte Stefan Katz der Familie beigestanden, ihr Nachbar. Nun haben die Familie und ihr Helfer neue Unterstützer gefunden. Menschen, die sich besser auskennen mit Mietrecht und Anträgen. 

Es gibt Hoffnung, es gibt Möglichkeiten, in vielen Fällen. Man muss sich nur verdammt gut auskennen. Die richtigen Anwälte oder Ansprechpartner finden. Die Menschen in dieser Stadt können und wollen einander helfen – wenn ihnen sonst niemand hilft. Das ist das Vierte, was wir aus unsere Serie zur Wohnungsnot in Berlin gelernt haben. Deshalb wollen wir das Thema mit dieser Serie nicht beenden, sondern in loser Folge weiter berichten. Über das größte Problem der Stadt und die Menschen, die mit ihm zu kämpfen haben.



Source link