Ortwin Runde: Ein Altbürgermeister ohne Allüren | NDR.de – Geschichte


Stand: 12.02.2024 05:00 Uhr

Seinen größten Erfolg feiert Ortwin Runde 1997 mit seiner Wahl zum Ersten Bürgermeister von Hamburg. Es ist der ultimative Karrieresprung für den SPD-Politiker und damaligen Finanzsenator. Am 12. Februar wurde er 80 Jahre alt.

von Stefanie Grossmann

Nach dem Rückzug von Henning Voscherau infolge der hohen Stimmenverluste von mehr als vier Prozentpunkten bei der Hamburger Bürgerschaftswahl am 21. September 1997 schlägt die Stunde von Ortwin Runde. Der bisherige Finanzsenator übernimmt das Amt des Ersten Bürgermeisters und lenkt von nun an die Geschicke in der Hansestadt. Vier Jahre ist Ortwin Runde der mächtigste Mann im Rathaus – bis zu seiner Abwahl im Jahr 2001. Nach seinem Rückzug aus der Hamburgischen Bürgerschaft wird er 2002 in den Bundestag gewählt. Bis 2009 gehört er dem Parlament als Finanzexperte in verschiedenen Funktionen an.

Familie flüchtet aus Ostpreußen nach Ostfriesland

Ortwin Rundes Weg bis dahin ist kein leichter: Am 12. Februar 1944 in Elbing/Ostpreußen als achtes von neun Kindern geboren, flüchtet die Familie vor der Roten Armee nach Ostfriesland. Der Vater, ein Verwaltungsangestellter, verlässt die Familie kurz nach der Geburt des letzten Kindes. Die Mutter muss für die neun Kinder allein sorgen. Aurich wird das neue Zuhause der Rundes. Der junge Ortwin besteht die Aufnahmeprüfung für das Gymnasium, was nicht selbstverständlich ist: “Da habe ich auch erlebt, was Ausgrenzung heißt: Als Neuer musst du das Doppelte von dem leisten, was andere vorweisen können, wenn du weiterkommen willst”, zitiert ihn die “Welt“. Die Erkenntnis, “dass nur Reiche sich einen armen Staat leisten können”, prägt sein Leben.

Ortwin Runde: Einsatz für soziale Gerechtigkeit und Bildung

1964 legt Ortwin Runde das Abitur ab. Er absolviert ein Studium der Soziologie und der Volkswirtschaft in Münster, London und Hamburg. In der Hansestadt besteht er 1969 sein Examen als Diplomsoziologe. Zu dieser Zeit ist er bereits Mitglied bei der SPD, seit 1968 mischt Ortwin Runde bei den Jusos mit. “Um der immer wieder neu zu erstreitenden Gerechtigkeit willen fand ich meinen politischen Platz bei den Sozialdemokraten”, erläutert Ortwin Runde seine Entscheidung. “Meine Überzeugung: Gerechtigkeit muss immer wieder neu erstritten werden.” 1970 nimmt er seinen Dienst in der Freien und Hansestadt Hamburg auf, zunächst in der Behörde für Arbeit und Soziales. 1978 übernimmt Ortwin Runde die Leitung des Amtes für Heime, drei Jahre später ist er für Soziales und Rehabilitation verantwortlich.

Geiselnahme im Büro des Senators für Arbeit und Soziales

Die SPD-Senatoren Thomas Mirow (Stadtentwicklung), Fritz Vahrenholt (Umwelt) und Ortwin Runde (Finanzen, v.l.) zu Beginn der Landesvorstandsitzung am Montag abend (22.09.1997) in Hamburg. © picture alliance/dpa Foto: Stefan Hesse


Nächster Schritt auf der Karriereleiter: Seit 1993 ist Ortwin Runde (rechts) als Senator für Finanzen für die Hamburger Staatskasse verantwortlich.

Parallel sitzt Ortwin Runde von 1974 bis 1980 in der Hamburgischen Bürgerschaft. 1983 steigt er zum SPD-Landesvorsitzenden auf. Und das ist längst nicht das Ende seiner Polit-Karriere: 1988 macht ihn der damalige Erste Bürgermeister Henning Voscherau zum Senator für Arbeit, Gesundheit und Soziales. In seiner Amtszeit erlebt Ortwin Runde im Mai 1991 ein traumatisches Erlebnis: Eine mit einer Gaspistole sowie einem Messer bewaffnete Frau dringt in sein Büro ein und nimmt ihn als Geisel. Der Grund: eine arbeitsgerichtliche Auseinandersetzung mit seiner Behörde. Nach rund zwei Stunden überwältigen Beamten des Mobilen Einsatzkommandos der Polizei die Täterin. 1993 wechselt Ortwin Runde schließlich ins Finanzressort. Die Hamburger Staatskasse hütet er vorbildlich. Beruft ihn das zu Höherem?

Ortwin Runde übernimmt Bürgermeister-Amt von Voscherau

Im Jahr 1997 regiert die SPD 40 Jahre in Hamburg, einer roten Hochburg. Davon allein neun Jahre Henning Voscherau, ein Hanseat durch und durch. Er hinterlässt große Spuren, als er nach dem schlechten Wahlergebnis für die SPD überraschend seinen Rückzug ankündigt. Es ist auch ein Verlust für die Partei-Rechten. Wer soll es jetzt richten? Es kursieren zwar verschiedene Namen als mögliche Nachfolger Voscheraus: Dorothée Stapelfeld und Thomas Mirow etwa. Doch die Parteirechte im SPD-Landesvorstand bringt keinen Vorschlag für Voscheraus Nachfolge ein.

Ein Politiker mit Stallgeruch und Hausmacht

Ortwin Runde (SPD, rechts) bedankt sich am Freitag (26.09.1997) nach seiner Wahl zum neuen Hamburger Bürgermeister bei den Delegierten auf dem außerordentlichen Landesparteitag. © picture alliance/dpa Foto: Stefan_Hesse


Die Stunde des Siegers: Der Hamburger SPD-Landesverband gratuliert Ortwin Runde zum Wahlerfolg. Die Blumen überreicht Jörg Kuhbier.

Mangels Alternativen kommt nur Ortwin Runde ernsthaft infrage – es ist ein Triumph für den linken Flügel der Hamburger SPD. Denn schon lange gilt der damals 53-jährige Sozialpolitiker als Gegenspieler von Voscherau. Er, der so ganz anders ist: weniger eloquent, weltmännisch und charismatisch. Ein Politiker, der eher nach innen als nach außen wirkt. Er sei kein Volksredner, Repräsentierer, Medienkünstler. Vor allem sei er kein, wie es heute heißt, Performer, schreibt die “Zeit” über Ortwin Runde. Aber er ist ein Politiker mit Stallgeruch und mit Hausmacht. Er weiß die SPD-Fraktion hinter sich.

Ortwin Runde bildet ersten rot-grünen Senat in Hamburg

Hamburgs designierter Bürgermeister Ortwin Runde (SPD) (r.) und Krista Sager von der Grün-Alternativen Liste (GAL) geben auf einer Pressekonferenz in der Nacht zum Dienstag (04.11.97) die Einigung über die rot-grüne Koalition bekannt. © picture alliance/dpa Foto: Kay Nietfeld


Krista Sager und Ortwin Runde schmieden 1997 die erste rot-grüne Koalition in Hamburg.

Nach der Wahl 1997 bildet er den ersten rot-grünen Senat in Hamburg. Am 12. November wird er zum Ersten Bürgermeister gewählt. Anfangs gilt Ortwin Runde als wenig ehrgeizig und staatsmännisch. Ihm haftet ein Graue-Maus-Image an. Kritiker meinen, er sei nicht repräsentabel, und reden könne er auch nicht. Er sei der “Antitypus des Politikdarstellers”, beschreibt Ortwin Runde sich selbst. Und auch die Koalitionspartner fremdeln anfangs: In den Koalitionsgesprächen habe eine Atmosphäre von Distanz und Misstrauen geherrscht, erläutert Krista Sager gegenüber dem “Hamburger Abendblatt”. Sie ist die Verhandlungsführerin für die GAL.

Erfolge: Weniger Arbeitslose und die Ansiedlung des A380

Aber während seiner Amtszeit wächst sein Ansehen von Befürwortern wie Gegnern. Ortwin Runde und Krista Sager pflegen ein gutes Verhältnis. Probleme löse er lieber im Dialog und nicht nach “Basta”-Manier, lobt denn auch sein grüner Koalitionspartner in der “Welt”. Auch mit der Wirtschaft hat sich der Bürgermeister arrangiert. Zu seinen politischen Erfolgen zählen 30.000 Arbeitslose weniger, er ist verantwortlich für die erste Elbvertiefung und die Ansiedlung des A380. Er unterstützt die “Hamburger Ehe”, fördert den sozialen Wohnungsbau, die Weiterentwicklung der Hafencity. Und sichert zu guter Letzt Hamburgs Zukunft im Länderfinanzausgleich.

Nach Bürgerschaftswahl 2001 scheidet Runde aus dem Amt

Hamburgs Innensenator Olaf Scholz (SPD) antwortet auf einer Pressekonferenz anlässlich der US-Luftangriffe auf Ziele in Afghanistan am Montag (08.10.2001) in Hamburg auf die Fragen der Journalisten. © dpa/dpaweb Foto: Ulrich Perrey


Ist er zukünftig der neue starke Mann an der Elbe? Innensenator Olaf Scholz profiliert sich 2001 im Zuge der Terroranschläge in den USA.

Sein politisches Schicksal knüpft Ortwin Runde im Wahljahr 2001 an einen Erfolg von SPD und GAL. Nach einer möglichen Niederlage kann er sich nicht vorstellen, als Oppositionsführer in die Bürgerschaft einzuziehen. Dabei ist es weniger der politische Gegner, der ihm das Leben schwer macht. Sondern ein Mann aus dem eigenen Lager: Olaf Scholz profiliert sich als Innensenator bei der Aufklärung der Terroranschläge vom 11. September in den USA als entscheidungsfreudig und durchsetzungsfähig.

Obwohl politisch geschwächt, tritt Ortwin Runde als Spitzenkandidat an: Die SPD wird mit 36,5 Prozent stärkste Kraft. Allerdings fährt die GAL starke Verluste von mehr als fünf Prozentpunkten ein. Die rot-grüne Koalition steht vor dem Aus. Nach 44 Jahren endet mit Ortwin Runde die SPD-Dominanz in Hamburg. Stattdessen bildet Ole von Beust eine Koalition aus CDU, Partei Rechtsstaatlicher Offensive und FDP. Runde scheidet am 31. Oktober 2001 aus dem Amt. Aus seinem politischen Umfeld heißt es, er sei Mensch geblieben – ohne Allüren, Arroganz und Eitelkeit.

Ortwin Runde wechselt 2002 in den Bundestag

Doch die Politik lässt Ortwin Runde nicht los. Bei der Bundestagswahl 2002 tritt der SPD-Altlinke aus dem Hamburger Norden im Wahlkreis Wandsbek an. Mit 53 Prozent wird er direkt in den Bundestag gewählt. Acht Jahre sitzt Runde im Parlament in Berlin. Dort hat er einige Ämter inne: Er ist finanzpolitischer Koordinator der SPD, sitzt im Finanz- und Haushaltausschuss. Darüber hinaus fungiert er als Vorsitzender des Vermittlungsausschusses von Bundestag und Bundesrat. 2009 scheidet Ortwin Runde aus dem Bundestag und der Politik aus. Was bleibt, ist die Bezeichnung Altbürgermeister: Er selbst möchte so gar nicht betitelt werden. Denn, “Bürgermeister bleibt Bürgermeister, er altert nur durch”, erzählt Runde in der “Welt”.

Leben nach dem Schlaganfall – Nichts ist wir vorher

Ortwin Runde (SPD), ehemaliger Erster Bürgermeister von Hamburg, sitzt während der Trauerfeier für den früheren Hamburger Bürgermeister Hans-Ulrich Klose in der Hauptkirche St. Michaelis. © picture alliance/dpa Foto: Marcus Brandt


Aus heiterem Himmel trifft Ortwin Runde 2015 ein Schlaganfall. Der Weg zurück ins Leben ist für den HSV-Fan kein leichter.

Seine Familie, Frau Gisela und die beiden Söhne, hat Ortwin Runde stets aus dem politischen Geschäft rausgehalten. Sie sind für ihn immer ein Rückzugsort gewesen. Nach seinem Ausscheiden aus dem Bundestag im Herbst 2009 hat er wieder mehr Zeit für sie – und für seine Hobbys Segeln, Surfen und Radfahren.

Als er 2015 Freunde besucht, erleidet Ortwin Runde mit 71 Jahren einen Schlaganfall. In der Reha bekommt er Bewegungs- und Sprachtraining. “Altern ist nichts für Feiglinge”, schildert er seine damalige Situation gegenüber der “Welt”. Ortwin Runde ist in der Folge auf einen Gehstock angewiesen.

“Ich war eigentlich auf etwas anderes vorbereitet.” Doch erstens kommt es anders, und zweitens, als man denkt, heißt es in einem bekannten Sprichwort. Viele Geschicke haben in Ortwin Rundes Hand gelegen, er hat sich vom Flüchtlingskind zum Bürgermeister hochgearbeitet. Für das “Hamburger Abendblatt” zählt Ortwin Runde im Jahr 2022 zu den unterschätzten Hamburger Bürgermeistern.

Weitere Informationen

Hamburgs Regierungschef Henning Voscherau am Freitag (2.5.97) bei seiner Grundsatzrede auf dem Landesparteitag der SPD Hamburg. © picture-alliance / dpa Foto: Kay Nietfeld

Neun Jahre lang leitete er als Erster Bürgermeister die Geschicke Hamburgs. Am 24. August 2016 starb er.
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Max Brauer mit Hamburg-Flagge im Hintergrund (Montage) © dpa

Seit dem Zweiten Weltkrieg stellt die SPD in der Hansestadt fast immer den Ersten Bürgermeister. Max Brauer macht den Anfang. Seit März 2018 ist Peter Tschentscher im Amt.
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Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust (CDU) gibt am 9.12.2003 eine Pressekonferenz in Hamburg, neben ihm sitzen der Bundesvorsitzende der Partei Rechtsstaatlicher Offensive (Schill-Partei) und Zweite Bürgermeister der Hansestadt, Mario Mettbach (l.), und der neue Bildungssenator Reinhard Soltau (FDP, r.). © picture-alliance / dpa Foto: Maurizio Gambarini

Der Hamburger Bürgermeister hat genug von den Querelen um Ex-Innensenator Schill. Am 9. Dezember 2003 ist die Koalition am Ende.
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