Noch mal kurz die Welt retten



Schlicht in schwarz gekleidet und schnell zum Thema: Die Moderatorin Anne Will schien sich aus der Sendung, der sie 16 Jahre ihr Gesicht und ihren Namen geliehen hatte, mit vornehmer Bescheidenheit zurückziehen zu wollen. Ganz so einfach war das natürlich nicht, denn das zu verhandelnde Thema „Die Welt in Unordnung – Ist Deutschland den Herausforderungen gewachsen?“ war komponiert wie eine Pokerstrategie – all in.

Dass es trotz dieser mutmaßlichen diskursiven Selbstüberforderung eine sehr besondere, gar besonnene Sendung wurde, lag vor allem an der Auswahl der Studiogäste, die beinahe lehrbuchhaft vorführten, wie kluge Fernsehunterhaltung auch aussehen kann und sollte. Zuhören, ausreden lassen, gepflegt widersprechen.

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Mit kühlen Blicken von außen

Wirtschaftsminister Robert Habeck („Wir sind umzingelt von Wirklichkeit“) vertrat die Bundesregierung in der Gefahrenzone der Weltkonflikte, während Raphael Gross, der Leiter des Deutschen Historischen Museums, die deutsch-französische Zukunfts- und Konfliktforscherin Florence Gaub und der Schriftsteller Navid Kermani sich die Freiheit nahmen, aus der jeweiligen Perspektive ihrer Profession die kühlen Blicke von außen beizusteuern auf den russischen Krieg gegen die Ukraine, die Gefechtslage und Leidensgeschichten in Nahost sowie das drohende Zerbrechen einer über viele Jahrzehnte mehr oder minder stabilen Welt- und Sicherheitsordnung, deren Feinde sich nun an Auflösungs- und Destruktionsfantasien ergötzen. Zu viel für eine Sendung und die Versuche am ausklingenden Sonntagabend, einen klaren Gedanken zu fassen?

Kaum waren die Bekenntnisse bekräftigt, weiterhin die Ukraine im Kampf gegen den russischen Aggressor zu unterstützen, war man schon bei der dilemmatischen Europäischen Union, die für das Fortbestehen dessen, was man einmal die westliche Welt genannt hat, von existenzieller Bedeutung ist, aber letztlich doch unfähig scheint, die Erwartungen zu erfüllen. Navid Kermani konstatierte einen Mangel an Interessenpolitik, obwohl die Folgen der vielen Konflikte die gesamte EU betreffen: ökonomisch, hinsichtlich der weltweiten Fluchtbewegungen sowie in Bezug auf die Herausforderungen des internationalen Terrorismus. Einen nur schwer zu behebenden Konstruktionsfehler sieht Kermani in den jeweiligen national organisierten Legitimationsprozessen. Große Fragen, kleinliche Lösungen, das ewige EU-Paradox schlechter Scherze und Fallbeispiele. Robert Habeck mochte nicht einstimmen in das handelsübliche Lamento. In der Pandemie und in der Finanzkrise habe die EU sich bewährt.

Es ging schon fast auf die Schlussrunde zu, als die Diskutanten zur Hochform aufliefen, ausgerechnet angesichts des ausweglos erscheinenden Konflikts in Nahost. Die mörderische Strategie der Hamas, so Raphael Gross, habe es verunmöglicht, sich in den anderen hineinzuversetzen. Vielleicht, so ergänzte Navid Kermani, sei dies in Israel und Gaza derzeit gerade auch nicht möglich. Auf fatale Weise habe die Hamas Israel dazu gebracht, genau das zu tun, was sie wolle. Florence Gaub widersprach, mit Blick auf die Akteure in der Region habe die Hamas keineswegs alle Ziele erreicht. Umso beschämender die Unterstützung, die Hamas gerade aus europäischen Metropolen widerfährt.

Kermanis Punkt jedoch war ein anderer. „Wir Außenstehenden aber“, sagte Kermani, „haben die Möglichkeit, den Schmerz beider zu sehen.“ Ein starker Satz angesichts der erbitterten, auch hierzulande unversöhnlich in zwei Lagern geführten Debatte. Fast habe es den Eindruck, ergänzte Raphael Gross, als hänge man zu sehr an diesem Konflikt. Aus der Forschung wiederum weiß Florence Gaub, dass Lösungen in Konflikten fast immer von denjenigen entwickelt werden, die sie hautnah erlebt haben. Das Prinzip Hoffnung – gerade auch in Nahost?

Das zwanghaft-journalistische Gespür

Es hätte in dieser um Aufklärung bemühten Runde gern noch eine Weile so weitergehen können, da drängte sich doch noch einmal das journalistisch-investigative – zugegeben zwanghafte – Gespür der Moderatorin in die Runde. Anne Will mochte Robert Habeck so kurz vor Schluss nicht entkommen lassen, um nach dem Stand des Schuldenmikados der Regierungsspitzen zu fragen, besser: darauf zu insistieren. Ausweichen, Zuversicht, was sonst? Und als der Minister sich dagegen verwahrte, das Wort im Mund umgedreht zu bekommen, bereinigte Navid Kermani klassensprecherhaft die Szene, um Anne Will Dank und Respekt zu zollen für 16 Jahre TV-Aufklärung.

Anne Will wirkte in dem Moment routiniert, als ginge es für sie darum, die letzten Sekunden ihrer Sendung so schnell wie möglich passieren zu lassen. Der Rest waren Blumensträuße, Bilderreigen, Studiogewimmel und ab zu den „Tagesthemen“.

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