Nichts beweisen müssen, aber alles können


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Von: Marc Hairapetian

Obama ehrt Persönlichkeiten mit Freiheitsmedaille
Sidney Poitier, 2009 von Barack Obama mit der „Presidential Medal of Freedom“ ausgezeichnet. © epa Cavanaugh/dpa

Großteils gelungene Doku bei Arte über den unvergessenen Schauspieler und Regisseur: „Sidney Poitier – Der Mann, der Hollywood veränderte“.

Frankfurt am Main – „Weil ich schwarz bin, bin ich anders oder auch nicht“, eröffnet in „Paris Blues“ (1961, Regie: Martin Ritt) der US-Jazzmusiker Eddie Cook (Sidney Poitier), der an der Seine lebt, um den Anfeindungen in seiner Heimat zu entgehen, seiner Freundin Connie Lampson (Diahann Carroll). Trotz ihres skeptischen Blicks – sie ist selbst Afro-Amerikanerin – führt er unbeirrt fort: „Anders, nicht anders. Wen kümmert’s? Ich muss beides nicht beweisen, verstehst du?“ Manchmal sagen Filmzitate mehr über das Selbstverständnis einer Person aus, als diverse Interviews. So auch in der neuen Dokumentation „Sidney Poitier – Der Mann, der Hollywood veränderte“.

Nicht, dass das von Katja Runge und Henning van Lil geschaffene Porträt, welches am Montagabend seine Erstausstrahlung bei Arte hatte und – neben einer Wiederholung am 13. Februar zu unmöglicher Zeit (3.05 Uhr!) – noch bis zum 23. Februar online verfügbar ist, keine aussagekräftigen Statements zu bieten hätte! Mittels Archiv-Aufnahmen kommt die Schauspielergröße Sidney Poitier (20. Februar 1927 in Miami – 6. Januar 2022 in Los Angeles) selbst zu Wort. Und – leider nur äußerst kurz – seine zweite Frau, die aus Robert Enricos „Die Abenteuer“ (1967) mit dem unschlagbaren Duo Alain Delon/Lino Ventura bekannt gewordene kanadische Aktrice Joanna Shimkus.

Sidney Poitier: Großartige Szenen

Außerdem werden in der knapp 52-minütigen Produktion der Florianfilm GmbH, die im Auftrag von Radio Bremen (und in Zusammenarbeit mit Arte) erstellt wurde, Weggefährten, aber auch Filmwissenschaftler wie Prof. Mia Mask, Autorin von „Divas on Screen“ und „Contemporary Black American Cinema“, exklusiv interviewt. Letztere diskutiert mit ihren Studenten über Stanley Kramers brillante Komödie „Rat mal, wer zum Essen kommt“ (1967) um Rassismus und den Geschlechter- beziehungsweise Generationen-Konflikt im nur vermeintlich liberalen „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“. In ihr möchte Poitier als schwarzer Dr. John Prentince die weiße Joanna Dreyton (Katharine Houghton) heiraten und dazu das Einverständnis ihrer von den Leinwand-Legenden Spencer Tracy und Katherine Hepburn verkörperten (Film-)Eltern einholen. Was im Nationalsozialismus und zur Zeit der Südafrikanischen Union (1910 – 1961) noch als „Mischehe“ diffamiert wurde, war in den USA trotz des Höhepunkts von „Civil Rights Movement“ und der „Black Panther Party“ (BPP) immer noch ein „heißes Eisen“. Großartig die Szene, in der Poitier seinem (Leinwand-)Vater Roy Glenn, der ebenfalls der Ehe seines Sohnes mit einer weißen Frau zweifelnd gegenübersteht, die Bedenken nehmen will: „Papa, du bist mein Vater. Ich bin dein Sohn. Ich liebe dich. Aber du siehst dich als schwarzen Mann. Ich sehe mich als Mann.“ Gesagt und auch im wirklichen Leben umgesetzt, wo der blendend aussehende Poitier seine Joanna Shimkus zur Frau nahm und mit ihr zwei Töchter zeugte. Eine von ihnen – Sydney Tamiia Poitier – wurde durch ihren Auftritt in Quentin Tarantinos Exploitation-Reißer „Death Proof – Todsicher“ 2007 selbst zum Star.

Regisseur und Produzent Stanley Kramer (29. September 1913 in Brooklyn, New York City – 19. Februar 2001 in Woodland Hills, Los Angeles), der neben seinen inszenatorischen Fähigkeiten, die Maximilian Schell 1962 zum Oscar als „Bester Hauptdarsteller“ für „Urteil von Nürnberg“ und Oskar Werner 1966 zu Academy-Award- und Golden-Globe-Nominierungen für „Das Narrenschiff“ in derselben Kategorie führte, sich nie scheute, gesellschaftspolitisch unbequeme Themen anzupacken, hatte schon 1958 mit Poitier gedreht: In „Flucht in Ketten“ ist dessen eines Handgelenk mit dem von Tony Curtis verbunden. Bei einem Unfall ihres Gefangenentransports machen sich die beiden Häftlinge also notgedrungen gemeinsam aus dem Staub. Curtis hatte sich übrigens vehement dafür eingesetzt, dass sein Co-Star eine angemessene Gage bekam, was in der damaligen Zeit für einen afroamerikanischen Darsteller nicht üblich war. Poitier wurde für seine Rolle als großmäuliger Noah Cullen, der ein loses Mundwerk und die Überzeugung hat, dass alle Weißen wie der mit ihm fliehende „Joker“ arrogant und ungerecht seien, auf der Berlinale 1958 mit dem Silbernen Bären in der Kategorie „Bester Schauspieler“ ausgezeichnet.

Sidney Poitier auf Arte: Eine liebevoll gestaltete Hommage

Ausschnitte aus diesen beiden Filmklassikern dürfen in der Doku natürlich nicht fehlen. Genauso wenig wie „In der Hitze der Nacht“ (1967). Der heute noch mitreißende und atmosphärisch dichte Antirassismus-Thriller mit dem kongenialen Soundtrack von Quincy Jones wurde zuvor ungekürzt bei Arte ausgestrahlt. Hier hat der aus Philadelphia angereiste Ermittler Virgil Tibbs (Sidney Poitier) zunächst einen schweren Stand bei der Aufklärung des Mordes an einem reichen Investor im Bundesstaat Mississippi, weil ihm nicht nur der zur Seite gestellte, stets Kaugummi kauende Polizeichef William Gillespie (Rod Steiger) alles andere als wohlgesinnt ist. Wie sich die beiden am Ende zusammenraufen und mit gegenseitigem Respekt begegnen, ist fast noch spannender als der vertrackte Kriminalfall. Unvergesslich ist die Szene, in der Larry Gates als rassistischer Baumwollfarmer Poitier vor den Augen Steigers ins Gesicht schlägt und dieser die Demütigung nicht auf sich sitzen lässt und sofort mit einem Gegenschlag „antwortet“. Während der mittlerweile 96-jährige Regisseur Norman Jewison nicht befragt wird, berichtet die sogar noch ein Jahr ältere Grande Dame Lee Grant (Oscar- und Golden-Globe-Nominierungen 1977 für „Reise der Verdammten“) mit wachem Geist und ungebrochener Energie über die Zusammenarbeit.

Den Auftakt der liebevoll gestalteten Hommage, bei der es einem dennoch verwundert, dass Runge und van Lil keinen direkten Kontakt zu Poitiers Familie aufbauen konnten, macht dann gleich der Film, mit dem der neben Harry Belafonte und Denzel Washington bis heute wohl berühmteste männliche afroamerikanische Akteur tatsächlich Hollywood veränderte, den Doku-Auftakt: Noch bevor Fragmente aus Ralph Nelsons „Lilien auf dem Felde“ eingespielt werden, ist der historische Moment zu sehen, wenn Poitier 1964 von Kollegin Anne Bancroft dafür der Oscar als „Bester Hauptdarsteller“ überreicht bekommt. Somit gewann er als erste schwarzer Schauspieler überhaupt den begehrten Preis in der „Königsklasse“. Ferner war er erst der zweite Afroamerikaner, der von der Filmakademie ausgezeichnet wurde. 1940 hatte Hattie McDaniel als loyale Sklavin und spätere Hausangestellte „Mammy“ in David O’Selznicks und Victor Flemings monumentalem Südstaaten-Epos „Vom Winde verweht“ in der Kategorie „Beste Nebendarstellerin“ den Goldjungen errungen.

Sidney Poitier auf Arte: Vieles bleibt unerwähnt

Andere Zeiten, andere Rollen für dunkelhäutige Künstler: Als mit seinem Wagen durch Arizona reisender Ex-GI und jetziger Gelegenheitsarbeiter Homer Smith hilft er zunächst widerwillig, dann voller Eifer fünf Nonnen, die vor einigen Monaten aus der DDR geflüchtet sind, beim Bau einer Kapelle. Der von der Wienerin (!) Lilia Skala gespielten Oberin entgegnet er in der damals bei allem hemdsärmeligen Charme, durchaus provokativen Komödie: „Moment mal, ich bin keine Nonne. Sie können mich nicht herumkommandieren!“ Der Trailer zum Film, für den Poitier wieder den Silbernen Bären der Berlinale und auch den Golden Globe gewann, sprüht hingegeben im Off-Kommentar nur so von Selbstironie: „Ein großer starker Mann. Genau, das, wonach fünf einsame Frauen suchten! Genau der Mann, der ein undichtes Dach flicken kann. Genau der Mann, der ihre Gebete und Träume wahr werden lässt!“ Dies kann man – den politisch korrekten Zeiten entsprechend – von den von Oliver Mommsen vorgetragenen Erzähler-Texten nicht gerade behaupten. Gut zu wissen aber, dass Poitier sich selbst nicht immer so wichtig und auch ab und an selbst auf dem Arm nahm. Zum Beispiel in „Weg der Verdammten“ (1972), wo er zusammen mit Harry Belafonte mit scharfen Waffen und geradezu wilden Humor gegen die weiße Oberschicht und das Klischee vom „schwarzen Saubermann“ anspielte.

Bedauerlicherweise werden andere bedeutende Rollen Poitiers nicht einmal erwähnt: So „Saat der Gewalt“ (1955), Richard Brooks kompromissloser Film über Jugendprobleme, indem erstmals Rock ’n’ Roll à la „Rock Around the Clock“ von Bill Haley & His Comets im Kino erklang: Glenn Ford sieht als Lehrer an einer verrufenen High School in dem jungen Afroamerikaner Gregory W. Miller (Poitier) eine Führungspersönlichkeit, die ihm nicht nur lernwillig erscheint, sondern auch fähig ist, die gelinde gesagt desinteressierten Mitschüler zu motivieren. Es fehlt auch Ralph Nelsons äußerst harter Western „Duell in Diablo“ (1965), der auf Marvin H. Alberts Roman „Apache Rising“ basiert und ebenfalls Rassismus thematisiert. Hier glänzt Poitier als Ex-Kavellerist, Pferdehändler und eleganter Revolver-Held.

Zur Sendung

„Sidney Poitier – Der Mann, der Hollywood veränderte“. Zu sehen in der Arte-Mediathek.

Ebenfalls Fehlanzeige beim Spektakel „Raubzug der Wikinger“ (1964), wo er als Mauren-Scheich in Südspanien gegen Richard Widmark kämpft, der im wirklichen Leben ebenfalls ein guter Freund war. Und dies, obwohl er 1950 in „Der Hass ist blind“, wo Poitier den ersten afroamerikanischen Arzt in einem kommunalen Krankenhaus gibt, immer wieder von ihm als kriminellen Patienten rassistisch beleidigt wird: „Was habe ich mich dafür geschämt!“, gestand später Widmark, der bei James B. Harris’ intelligentem Kriegsdrama „Zwischenfall im Atlantik“ (1965) noch ein drittes Mal mit Poitier drehte. „Junge Dornen“ (Originaltitel „To Sir, with Love“, 1967), einer der Lieblingsfilme von ihm selbst, in dem er als arbeitsloser Ingenieur eine Stelle als Erzieher in einem Problembezirk im Swinging London antritt und dort auf die heute als verschollenen geltende Lynne Sue Moon als Schülerin trifft, wird genauso ausgeklammert wie seine späte, aber grandiose Rückkehr ins Action-Fach mit „Mörderischer Vorsprung“ (1988). Vom Spätwerk Poitiers erscheint Runge und van Lil ohnehin nur „Das Leben ist was Wunderbares“ (1999) erwähnenswert, wo sich der damals 72-Jährige als 91 Jahre alter Handwerker Noah Dearborn gegen die korrupten Versuche mächtiger Unternehmer wehrt.

Dass er 2009 von Barack Obama mit der „Presidential Medal of Freedom“ ausgezeichnet wurde, wird ausführlich gewürdigt, die Ernennung 1974 zum „Sir“ mit dem damit verbundenen Orden „Knight Commander of the British Empire“ (KBE) für seine schauspielerischen Verdienste kommt hingegen zu kurz. Wieso kam er überhaupt zu dem Titel, wird sich jetzt so mancher Leser fragen? Obwohl in den USA geboren, wo seine Eltern damals zu Besuch waren, und damit US-Bürger, besaß der aus einfachen Verhältnissen stammende Portier aufgrund seiner Herkunft auch die Staatsbürgerschaft der Bahamas und damit die Bürgerrechte im britischen Commonwealth. Er „revanchierte“ sich und vertrat den Archipel von April 1997 bis 2007 in Japan, allerdings nur zu repräsentativen Zwecken und ohne dort zu wohnen. Außerdem vertrat das Idol gleich mehrerer Generationen junger afroamerikanischer SchauspielerInnen die Bahamas von 2002 bis 2007 als Botschafter bei der UNESCO. Doch man sollte mildernde Umstände bei den wirklich engagierten Machern der Doku walten lassen: Das Leben des Mannes, der mit seinem Credo „Nichts beweisen müssen, aber alles können“ Hollywood veränderte, ist so reichhaltig gewesen, dass man es unmöglich in 52 Minuten quetschen kann. (Marc Hairapetian)



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