NachGedacht: Godfather und Deutschlands Fußballbuben | NDR.de – Kultur – Sendungen


Stand: 25.11.2022 07:09 Uhr

Alle Welt ist damit beschäftigt, Zeichen zu setzen. Meistens steckt eine gute Absicht dahinter, nicht immer klappt es. Und bei der FIFA Fußball-WM? Ulrich Kühn antwortet in seiner Kolumne.

von Ulrich Kühn

Ein bisschen komisch hat es schon ausgeschaut, wie sich die deutschen Fußballbuben plötzlich ihre Münder zuhielten, oder? So was sieht man nicht alle Tage. Bestimmt werden sich Scharen von Schülerinnen und Schülern über das Foto beugen: “Beschreibe in deiner Bildanalyse, was die Männer in den kurzen Hosen tun und warum.” Da ist guter Rat dann so teuer wie die irre WM von Katar. Ja, was tun sie da? Zeigen sie, dass sie erschrocken sind? Doch, ja, man sieht es deutlich.

Aber warum erschrecken sie denn? Meine erste Vermutung: Sie haben den leibhaftigen Infantino erblickt, Godfather, den Boss aller Moralinhaber, der als Bub wegen seines roten Haars gemobbt wurde und danach so intensiv reifte, dass ihn keiner mehr mobbt – ihn, den Bußprediger der kommenden 3000 Jahre, der, unbestechlich katarische Verhältnisse preisend, der seit 3000 Jahren sündigen Welt den Spiegel vorhält; den makellos Mächtigen, der unseren Buben droht, sie würden bei Tragen der “One-Love”-Binde mit Liebesentzug durch die FIFA bestraft oder gar mit einem Schiedsrichterpfiff, was einer sensiblen Generation von Zauberfüßen mehr Angst bereitet als selbst die Trennung von der Influencerin, die ihnen das schmale Budget für Brot, Wasser und Eiweißriegel aufbessert. Das war mein erster Gedanke.

Geste des DFB-Teams ist nicht zu unterschätzen

Auf den zweiten Blick wurde klar: Nein, die gucken gar nicht erschrocken. Die gucken zutiefst erstaunt. Ja, worüber staunen sie denn? Über die Überwindung ihrer Mutlosigkeit. Darüber, dass es gar nicht so schwierig war, ein kleines “Zeichen zu setzen” – weil sie, anders als die Fußballer des Iran, die bei ihrer Hymne schwiegen, nichts Schlimmes fürchten müssen. Klar, die Binde ging nicht, es war ihr Kindheitstraum, einmal bei der WM zu kicken, hat Thomas Müller erklärt, der zum 50. Mal WM kicken darf. Das setzt man nicht aufs Spiel.

Aber mal ernsthaft jetzt: Man soll diese Geste nicht unterschätzen. Andere, die auch vor der FIFA in die Knie gingen, haben die verbotene Binde weggelassen und stattdessen gar nichts getan. Wichtiger noch: Weil alles so gekommen ist, führen wir hierzulande eine lebendige, höchst nötige Diskussion darüber, was das Setzen von Zeichen wert ist und was zutage gefördert wird, wenn es unterbleibt.

 

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Verlockender Gedanke

Denn natürlich war der Gedanke verlockend, dass alle, die angekündigt hatten, mit Binde aufzulaufen, es trotz Verbot getan hätten; dass serienweise Gelbe und Rote Karten verteilt worden wären; dass die besten Mannschaften Europas nach und nach rausgeflogen und abgereist wären: Die düpierte FIFA wäre der Scherbenhaufen geworden, zu dem sie den Weltfußball längst gemacht hat. Und Godfather Gianni wäre auf das Kleinformat geschrumpft, das seinen Charakter präzis bezeichnet. Herrlich!

Aber halt nur im Konjunktiv. Denn so ist sie nicht, die turbokapitalistische Welt des Fußballs mit ihren hehren Bekenntnissen zum Schönen, Wahren, Guten. Man sieht es jetzt überdeutlich. Und so ist sie im Ganzen nicht, diese unsere Welt, die so kraftvoll “Moral!” ruft und gegen Doppelmoralische schäumt, die stets die anderen sind.

Zweites Zeichen im Spiel gesetzt

Soweit das Offensichtliche. Die deutsche Mannschaft hat aber noch ein zweites Zeichen gesetzt, im Spiel gegen Japan, ab der 60. Minute. Als zeichenkundiger Kulturmensch sage ich Ihnen: Das war die glasklare Drohung, an dieser irren Weltmeisterschaft nicht einen Tag länger teilzunehmen als unvermeidlich. Und wenn Infantino das begreift, dankt er weinend ab.

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur |
NachGedacht |
25.11.2022 | 10:20 Uhr

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