Musikarchiv am Polarkreis – Wertvolle Klänge im ewigen Eis


Nichts ist für die Ewigkeit, nicht mal Musik. 2008 zum Beispiel sind bei einem Brand in einem Lagerhaus in Hollywood die Masterbänder von Nirvana, John Coltrane oder Aretha Franklin zerstört worden.

Im selben Jahr hat „MySpace“ bei einem Server-Umzug einen Fehler gemacht und zwölf Jahre Musik versehentlich gelöscht. 53 Millionen Dateien waren einfach weg. Man sieht also: Das musikalische Erbe der Welt ist nicht sicher, selbst wenn es auf Servern liegt.

Lagert Nirvana bald im Bergwerk?

Deshalb soll in Kürze das „Global Music Vault“ seine Arbeit aufnehmen, ein Archiv in einem ehemaligen Bergwerk nördlich des Polarkreises, wo Musik für Hunderte Jahre gespeichert werden kann.

Denn die Musik von gestern und heute für immer zu erhalten, darum geht es, sagt Luke Jenkinson. Er ist Geschäftsführer von „Elire“, einer Unternehmensgruppe aus dem Bereich nachhaltige Mobilität, die sich das „Global Music Vault“ ausgedacht hat.

Speicherung auf Quarzglas

Dieses digitale Musikarchiv für die Ewigkeit soll auf Spitzbergen entstehen, im selben Bergwerk wie der weltweite Saatgut-Tresor. Und es soll auch so ähnlich funktionieren.

„Wir haben drei Säulen“, erläutert Jenkinson: „Die Beschaffung der Musik: Es gibt viele wertvolle Musikdateien, die nicht digitalisiert sind. Den Schutz dieser Musik: Wir sorgen dafür, dass künftige Generationen darauf zugreifen können, unabhängig davon, was mit der Umwelt passiert, unabhängig von Kriegen. Und dann feiern wir auch die Musik.“

Ein Mammutprojekt. Die Dateien werden auf einem speziellen Quarzglas gespeichert. Microsoft entwickelt es. Es ist so groß wie ein Bierdeckel, soll Hunderte Jahre halten und ein Terabyte Daten speichern können. Das sind etwa 100.000 Songs in guter Qualität.

Eine Hand hält eine kleine quadratische Glasplatte. Durch schrägen Lichteinfall sind darauf Zeilen zu sehen, die als Datenspeicher fungieren.

Im “Global Music Vault” sollen die Daten auf quadratischen Platten aus Silikatglas gespeichert werden.© Elire / Daniel Kivle

Im Archiv soll am Anfang gespeichert werden, was Jenkinson „heritage music“ nennt. Damit sind seltene Aufnahmen von Musikkulturen rund um den Globus gemeint. Zu den ersten Daten, die gespeichert werden, gehören Werke aus der National Library of New Zealand oder der International Library of African Music in Südafrika.

Wer fährt für Musik zum Polarkreis?

Musik krisensicher zu speichern, sei schön und gut, meint Ruprecht Langer. Er ist Direktor des „Deutschen Musikarchivs“ in Leipzig. Aber es stelle sich schon die Frage, ob eine private Firma mit Start-up-Mentalität diese Aufgabe erledigen sollte.

„Die Zugänglichmachung ist für mich ein riesiges Thema. Zu welchem Preis kommt man ran? Technisch, rechtlich? Das wird alles immens komplex und klingt für mich, ehrlich gesagt, von dem, was ich gesehen habe und gelesen habe, noch reichlich unausgegoren.“

Jenkinson sagt, viele dieser Fragen sind noch nicht geklärt. Er hofft, dass die Musik auch online verfügbar sein wird. Vor Ort soll es ein Besucherzentrum geben. Aber wer fährt schon extra nach Spitzbergen, um dort Musik zu hören?

Das Archiv in Leipzig ist besser zu erreichen

Das „Deutsche Musikarchiv“ in Leipzig ist einfacher zu erreichen und kostenlos nutzbar. Es archiviert sämtliche in Deutschland veröffentlichte Musik und Noten. Auch mit Ewigkeitsanspruch. Sicherheitshalber an zwei Orten. Ähnliche Archive gibt es auch in anderen Ländern.

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„Wenn wir von der Musik der Welt sprechen, dann ist diese Dezentralität eigentlich ein sehr großes Gut. Wenn ich mir anschaue, wo dieses ‚Music Vault‘ sein soll, dann stelle ich mir die Frage, was passiert denn, wenn die unmittelbare Umgebung doch noch mal strategisch relevant wird und da Bodenschätze gefunden werden? Also alles an einem Ort zu haben, ist irgendwie auch immer eine Zielscheibe.“         

Emil Berliner im ewigen Eis

Unabhängige Einrichtungen ohne finanzielle Interessen seien ihm lieber. Im „Deutschen Musikarchiv“ liegen auch sehr seltene Aufnahmen. Etwa die ersten Schellack-Aufnahmen überhaupt von Emil Berliner aus dem Jahr 1899.

Porträt von Luke Jenkinson. Ein schlanker Mann in hellblaumen Sakko legt seinen Zeigefinger in nachdenklicher Pose an seinen Mund.

Luke Jenkinson hatte die Idee zum Global Music Vault”. Die Frage ist nur: Wer darf ins Archiv?© Elire / Philip Mittet

Luke Jenkinson findet: Diese Aufnahme gehört unbedingt ins „Global Music Vault“. Und nicht nur die. Man könne wahrscheinlich das gesamte „Deutsche Musikarchiv“ auf einer Glasplatte speichern, behauptet er. Er wolle dafür die technische Lösung anbieten.

„Wir sind auf der Seite der Archive, wir wollen die Dinge einfach besser und anders machen.“

Das „Deutschen Musikarchiv“ auf Glas speichern? Ruprecht Langer ist noch skeptisch. Wird es auch in tausend Jahren Software geben, um die Glasplatten zu lesen? Korrodiert das Glas nicht doch? Er sagt: „Langzeitarchivierung ist immer eine Frage von vielen, vielen Generationen“      

Und wer darf rein?

Sein Team überprüft ständig, ob nicht Datenformate geändert werden müssten, um Daten weiterhin nutzbar zu machen.

Noch ist vieles unklar beim „Global Music Vault“. Es gibt noch nicht mal eine Finanzierung. Jenkinson sagt, die Musikindustrie solle das Archiv mitprägen. Aber was meint er damit? Wer am meisten zahlt, kommt rein?

Das ist noch ein kontroverser Aspekt an diesem eigentlich guten Projekt: Wer entscheidet, was archiviert wird? Geht es um Musik, die vermeintlich kulturell wertvoll und auch noch in Hunderten Jahren relevant ist?

“Hochgradig inkonsequent”

„Oder geht man eher auf die Musik, die sonst durch das Raster fällt? Es muss Kriterien geben, und es muss Grenzen geben. Es braucht sicherlich ein Konsortium, aber diese Sammlung wird sich maßgeblich aus Fehlstellen zusammensetzen und kann eigentlich nur hochgradig inkonsequent sein“, kritisiert Langer.

Wenn also Ende des kommenden Jahres die ersten Glasspeicher eingelagert werden, wird man sehen, ob das „Global Music Vault“ mehr ist als nur die Idee einer Firma, die mit Musik bislang nichts am Hut hatte.



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