München: Wenn Menschen spurlos verschwinden – München


Jeden Tag werden in Deutschland zwei- bis dreihundert Menschen als vermisst gemeldet – und etwa genauso viele Vermisstenfälle erledigt, so hat es das Bundeskriminalamt (BKA) gezählt. Die Hälfte der Fälle ist nach einer Woche aufgeklärt, 80 Prozent sind es innerhalb eines Monats, 97 Prozent binnen eines Jahres. Nur ganz, ganz selten dauert es ein Vierteljahrhundert, bis jemand gefunden wird, so wie bei der Münchnerin Sonja Engelbrecht.

Suche nach Vermissten: Sonja Engelbrecht verschwand 1995. Erst 25 Jahre später entdeckte ein Waldarbeiter Knochen, die per DNA der Schülerin zugeordnet werden konnten.

Sonja Engelbrecht verschwand 1995. Erst 25 Jahre später entdeckte ein Waldarbeiter Knochen, die per DNA der Schülerin zugeordnet werden konnten.

(Foto: privat/Facebook)

In einer April-Nacht des Jahres 1995 war die damals 19-Jährige plötzlich spurlos verschwunden; im Sommer 2020 fand dann ein Waldarbeiter bei der Ortschaft Kipfenberg im Altmühltal einen menschlichen Knochen, der später, nach einem DNA-Abgleich, der Schülerin zugeordnet werden konnte. Nach mehreren Suchaktionen in der Gegend entdeckten Polizisten im März dieses Jahres schließlich weitere Skelettteile sowie Gebrauchsgegenstände. Damit bestätigte sich, was die Ermittler schon lange vermutet hatten: Die junge Frau war Opfer eines Verbrechens geworden.

Das für Vermisste zuständige Kommissariat 14 der Münchner Polizei bearbeitet zwischen 2500 und 3000 Fälle pro Jahr, sagt der Polizeisprecher Werner Kraus, von den meisten erfährt die Bevölkerung nie etwas. Beim Großteil der Verschwundenen handelt es sich um Minderjährige, die von zu Hause oder aus einem Heim ausgerissen sind; die nächstgrößere Gruppe sind hilfsbedürftige oder orientierungslose Senioren. “Es sind nicht viele Gewaltdelikte, die übrig bleiben”, erklärt Kraus.

Suche nach Vermissten: Seit dem 5. November wird die 39-Jährige Vanessa Huber aus Unterhaching vermisst. Sie wurde zuletzt beim Einkaufen in einem Geschäft gesehen.

Seit dem 5. November wird die 39-Jährige Vanessa Huber aus Unterhaching vermisst. Sie wurde zuletzt beim Einkaufen in einem Geschäft gesehen.

(Foto: Polizei Bayern)

Ein solches aber vermuten die Beamten nun bei der 39 Jahre alten Vanessa Huber aus Unterhaching, die seit zehn Tagen öffentlich gesucht wird. “Aufgrund der Gesamtumstände wird wegen Verdachts eines Gewaltdeliktes ermittelt”, heißt es im Zeugenaufruf. Zuletzt gesehen wurde die schlanke, blonde Frau beim Einkaufen, am Nachmittag des 5. November, einem Samstag; die Abwesenheit gemeldet hat ihr Ehemann zwei Tage später.

Nicht jeder Mensch, der abends nicht nach Hause kommt, ist gleich ein Fall für die Polizei. Wer volljährig ist und im Besitz seiner geistigen und körperlichen Fähigkeiten, darf selbst bestimmen, wo er sich aufhält, ohne dass er Angehörigen, Freunden oder sonst wem Bescheid sagen muss. “Man muss erst gewisse Dinge abklopfen, um festzustellen, ob man überhaupt eine Vermissung hat oder nicht”, erklärt Kraus, “das führt manchmal auch zur Verstimmung bei den Angehörigen.” Wie zum Beispiel bei Sonja Engelbrecht. Weil bei einem Teenager ja nicht auszuschließen ist, dass er nach einer Party spontan woanders übernachtet, verifizierten die Beamten erst einmal die Angaben der Eltern, wonach die Tochter sich immer zuverlässig gemeldet habe, also etwas Schlimmes passiert sein müsse. Im Zuge der weiteren Ermittlungen wanderte die Akte dann vom Kommissariat 14 ins Kommissariat 11, zur Mordkommission.

Dort liegt nun auch ein Ordner für Vanessa Huber, nachdem die Befragung von Ehemann, Freunden und Bekannten ebensowenig wie der Zeugenaufruf Hinweise auf ihren Aufenthaltsort ergeben haben. Es kommt zwar vor, dass Menschen Brücken abbrechen und einfach abtauchen, aus welchen Gründen auch immer, vielleicht um den Rest ihres Lebens auf einer griechischen Insel zu verbringen oder in Thailand. “Aber dass jemand sowohl mit seiner Familie als auch mit seinem Freundeskreis bricht, kommt nur ganz selten vor”, sagt Kraus. Und wenn dann kein Abschiedsbrief vorliegt, kein Fahrzeug fehlt, keine Bewegungen auf dem Bankkonto oder bei den Handydaten festzustellen sind, läuft die Suchmaschinerie der Kripo an. So waren die Beamten in der Wohnung der Hubers, um nach Hinweisen und Spuren zu suchen; sogar Spürhunde hatten sie dabei. Weitergebracht hat das die Polizei nicht. Die Spurenlage sei “diffus”, heißt es.

Suche nach Vermissten: Die Leichen von Maria Gertsuski und ihrer Tochter wurden bis heute nicht gefunden. Ihr Ehemann wurde nur eine Woche nach seiner Vermisstenanzeige verhaftet und im Februar 2021 wegen Totschlags zu 14 Jahren Haft verurteilt.

Die Leichen von Maria Gertsuski und ihrer Tochter wurden bis heute nicht gefunden. Ihr Ehemann wurde nur eine Woche nach seiner Vermisstenanzeige verhaftet und im Februar 2021 wegen Totschlags zu 14 Jahren Haft verurteilt.

(Foto: Polizei)

Die war bei der seit Juli 2019 vermissten Maria Gertsuski und ihrer Tochter Tatiana klarer. Damals entdeckten die Ermittler in der frisch gestrichenen und gereinigten Wohnung in Ramersdorf, in der Garage sowie im Auto des Ehemannes und Stiefvaters Blutspuren, die den beiden Frauen zuzurechnen waren. Später wurden im Truderinger Wald auch Teppiche gefunden, die mit ihrem Blut besudelt waren. Der Ehemann wurde nur eine Woche nach seiner Vermisstenanzeige verhaftet und im Februar 2021 wegen Totschlags zu 14 Jahren Haft verurteilt. Es war ein reiner Indizienprozess, die Leichen der beiden Frauen sind bislang nicht gefunden worden, obwohl Polizeieinheiten den Truderinger Wald seinerzeit mehrmals durchkämmten.

In Unterhaching pflügten am Mittwoch zwei Züge der Einsatzhundertschaft durch den Fasanenpark auf der Suche nach Spuren von Vanessa Huber, wie eine Polizeisprecherin bestätigte. Anwohner berichteten, dass Beamte bereits Tage vorher im Perlacher Forst unterwegs gewesen seien. Beide Flurstücke grenzen an Unterhaching, von Hubers Wohnort aus ist es jeweils nicht weit. Doch bislang gibt es keine Spur von der Frau. Und je länger sie verschwunden bleibt, desto geringer wird die Wahrscheinlichkeit, sie noch lebend zu finden.



Quellenlink https://www.sueddeutsche.de/muenchen/muenchen-vermisstenfaelle-polizei-1.5703240