Mobilitätschef von Neom spricht Bände


Das U-Bahn-Desaster unter dem Alexanderplatz, S- und U-Bahn-Ausbauprojekte, die unendlich lange dauern, sich wiederholende Totalsperrungen und der ewige Streit um die Friedrichstraße, die nun wieder für Autos freigegeben wird: Ist das nicht peinlich? Und vor allem: Passt das noch in die Zeit?

Das Berliner Mobilitätsgesetz von 2018, ein Kernprojekt der damaligen rot-grün-roten Regierung, wird zunehmend infrage gestellt. Bisher hat die CDU in Berlin allerdings Radwegprojekte auf Eis gelegt und Autos vor Fußgängern priorisiert. Die bestehenden Probleme werden dadurch aber kaum gelöst. Umgekehrt: Die gefühlte Anhäufung von Problemen und Pannen stellt uns vor die Frage: Kann der Berliner Senat, egal in welcher Konstellation, ein modernes, gut funktionierendes Mobilitätskonzept umsetzen, das auch vorbildlich für andere Städte sein könnte? Ein Konzept, das nicht kleinbürgerlich, sondern weltstädtisch wirkt?

Diese Vermutung drängt sich umso mehr auf, wenn man derzeit auf Länder wie Saudi-Arabien schaut: Eine typische Ölmonarchie, patriarchalisch, autoritär. Trotzdem hat das Land das Potenzial, beim Thema Mobilität und moderne Technologien alle zu übertreffen: Es baut in der Wüste eine gigantische Planstadt, die sich komplett anders bewegen und keine Treibhausgase emittieren soll – mit 26.500 Quadratkilometern nur unwesentlich kleiner als das gesamte Brandenburg. Es werden keine normalen Straßen geplant, unterirdische Züge und Flugtaxis sollen Waren und Menschen transportieren. Dazu gehörten selbstfahrende Autos, 5G als Mobilfunkstandard sowie Künstliche Intelligenz und Roboter zur intelligenten Steuerung der Stadt.

Die gigantischen Ambitionen von Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman dürften am Projekt unter dem Namen Neom gut erkennbar sein. Auch die Behandlung der Gastarbeiter aus Asien bleibt nach der WM in Katar verstärkt im Visier. Nicht zuletzt ist es auch eine PR-Masche, um das Image des Landes, in der die islamische Scharia als Recht gilt, aufzupolieren: Dafür soll die neue Stadt auch den Status einer autonomen Region bekommen. Sollte das Projekt gelingen und Erfolg haben, bliebe es den führenden Weltwirtschaften wohl nur noch, neidisch nach Saudi-Arabien zu schauen.

Man kann auch jetzt schon neidisch sein: Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten gelingt es, Strom aus den neuen Solarkraftwerken für nur noch einen Cent anzubieten, während die Deutschen noch durchschnittlich 37 Cent bezahlen müssen. Eine naive, aber berechtigte Frage drängt sich auf: Wieso können die Araber das und wir Deutschen nicht?

Für gutes Geld helfen deutsche Firmen der Saudi-Dynastie bereits, ihr Traumprojekt bis 2030 zu realisieren. Thyssenkrupp baut in Neom zum Beispiel eine der größten Wasserstoff-Elektrolyseanlagen der Welt, die bayerische Bauer AG kümmert sich um feste Fundamente auf dem Sand und das Bruchsaler Luftfahrtunternehmen Volocopter will Neom mit Flugtaxis versorgen. Der erste Flug mit solch einem Flugtaxi fand bereits diese Woche statt.

Geleitet wurde das Projekt anfangs von 2017 bis 2018 vom früheren Vorstandsvorsitzenden von Siemens, Klaus Kleinfeld, der nun seit Jahren ebenfalls als enger Berater des Kronprinzen bei der Modernisierung des Landes fungiert. Und der Mobilitätschef von Neom, Florian Lennert, kommt aus Berlin.

Acht Jahre lang hat Lennert in der deutschen Hauptstadt das Innovationszentrum für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel (InnoZ) mitgeleitet und 2018 zudem Future Lab Berlin gegründet, ein Start-up, das sich in den Bereichen Smart Mobility, erneuerbare Energiesysteme und Stadtdesign stark macht. Seit 2019 ist Lennert in Saudi-Arabien. Was würde er heute über die Berliner Mobilitätspolitik sagen? Wir erreichen Lennert telefonisch in Neom, wo er mit anderen Entwicklern lebt und arbeitet.

Herr Lennert, wenn man sich die frühere Politik der Berliner Grünen anschaut, etwa bei der Friedrichstraße, treten einem Tränen in die Augen. Aber auch die aktuelle CDU-Politik mit ihrem Auto-Fokus gefällt nicht jedem. Machen Sie und Ihre Kollegen es bei Neom besser?

Man muss vorsichtig vergleichen. Neom ist ein Projekt, das auf dem Goldenen Sand passiert. Es wird also von null an aufgebaut. Das macht viele Dinge einfacher, weil man keine bestehenden Strukturen oder Gewohnheiten hat.

Zudem werden viele Ansätze bei der Energieeffizienz von Gebäuden, der Elektromobilität oder dem Carsharing, die in den letzten 30 Jahren in Berlin entwickelt und integriert wurden, gerade hier in Neom umgesetzt. Es wurden in Berlin in der Summe sehr viele fantastische Projekte eingearbeitet: Zum Beispiel, viele der Berliner Mülllaster werden von Biogas betrieben, das aus dem Müll gewonnen wird. Auch das Kompetenzzentrum Wasser Berlin und ihr Gesellschafter, die Berliner Wasserbetriebe, machen viele tolle Sachen für die Energiewende.

Viel weiter scheint Berlin damit aber nicht zu kommen.

Wo Berlin und auch Deutschland immer noch ein Problem haben, ist das spezifische Thema Auto. Bei der Friedrichstraße stellen wir uns klassisch die Frage: Sollten wir jetzt in der Stadt nicht anfangen, wirklich auf das Auto zu verzichten? Oder wollen wir uns weiter nur in Metallsärgen durch die Stadt bewegen? Wollen wir nicht besser unsere Innenstädte für Menschen und nicht für Autos fit machen? Nur wenn wir den ÖPNV konsequent ausbauen und gleichzeitig lebenswerte Formen der Mobilität wie den Rad- und Fußverkehr befördern, können wir unsere Städte lebenswerter und nachhaltiger gestalten.

Es sind emotionale Debatten, denn Deutschland hat vielleicht mehr als jedes andere Land ein fetischistisches Verhältnis zum Auto. In Berlin hat sich deswegen keine progressive Mehrheit zusammengefunden, die eine autofreie Friedrichstraße mitträgt. In der Berliner SPD, so ist mein Gefühl, hat man das Auto in der Innenstadt eher verteidigt.

Von links nach rechts: Der Geschäftsführer von Volocopter, Christan Bauer; der Neom-Geschäftsführer Nadhmi Al Nasr; der Executive Vice President bei der saudi-arabischen Flugsicherheitsbehörde Aviaton Safety & Environmental Sustainability GACA, Kapitän Sulaiman Almuhaimedi; der stellvertretende Geschäftsführer bei Neom, Rayan Fayez; der Mobilitätschef bei Neom, Florian Lennert; der Chief Risk & Certification Officer bei Volocopter, Oliver Reinhardt bei den Demonstrationsflügen von Volocopter-Flugtaxis in Neom, den 21. Juni 2023. 

Von links nach rechts: Der Geschäftsführer von Volocopter, Christan Bauer; der Neom-Geschäftsführer Nadhmi Al Nasr; der Executive Vice President bei der saudi-arabischen Flugsicherheitsbehörde Aviaton Safety & Environmental Sustainability GACA, Kapitän Sulaiman Almuhaimedi; der stellvertretende Geschäftsführer bei Neom, Rayan Fayez; der Mobilitätschef bei Neom, Florian Lennert; der Chief Risk & Certification Officer bei Volocopter, Oliver Reinhardt bei den Demonstrationsflügen von Volocopter-Flugtaxis in Neom, den 21. Juni 2023. Neom Press Center

Mit der CDU hat sich nach der Neuwahl im Februar die Partei in Berlin durchgesetzt, die eine konservative Mehrheit vertritt. Wird Berlin damit also rückständiger?

Wo liegt der Kern des Problems? Es ist typisch für Berlin, sich über alles zu beschweren. Aber damit beschwert man sich auch über sich selbst. Ich glaube, Berlins Problem ist sein Pluralismus. Es ist in der deutschen Hauptstadt nicht immer einfach, große Lösungen umzusetzen, weil es eine sehr starke Meinungsverschiedenheit zum Thema Mobilität in der Bevölkerung gibt. Das Positive daran ist die Bürgerbeteiligung an Entscheidungsprozessen, aber auf der anderen Seite hält das diese Prozesse auf.

Das ist nicht nur in Berlin so. Man kann sich genauso am Bahnhof in Stuttgart umschauen und fragen: Ist Stuttgart 21, das als großes Bauprojekt zur Neuordnung des Eisenbahnknotens gedacht wurde, ein Versagen der Politik? Berlin musste in den letzten 30 Jahren nach der Wende eine Vielzahl an Transformationen und Leistungen umsetzen, und zwar mit einem Investitionsbedarf, der anderen Städten nicht vorlag. Die sehr hohe Verschuldung des Landes Berlin nach der Wende hat auch zu einer Art Investitionsstau geführt, und vielleicht auch zu einer Art Erschöpfung der Bevölkerung durch ewige Baustellen wie am Potsdamer Platz. Es gibt aber auch gute Beispiele.

Und diese wären?

Der Umbau des Flughafen Tegel mit dem Vorantreiben des Wohnungsbaus ist ein gutes Projekt, und dass es immer wieder verschoben wurde, liegt nicht am Projekt selbst, sondern an der Baustelle unter dem Namen BER. Es kann manchmal auch sehr schwierig für die Verwaltung sein. Ich als Wilmersdorfer erinnere mich sofort an den Olivaer Platz, der früher ein unansehnlicher Parkplatz mit einer kleinen verdrängten Parkecke war. Es war eine jahrelange heftige Diskussion über das Umgestaltungsprojekt, wo die Hälfte der Bevölkerung für eine Grünanlage mit einem Spielplatz war und die andere Hälfte die Parkplätze behalten wollte. Natürlich war es schwierig für den Bezirk, diesen Prozess zu moderieren.

Ist die Meinungsvielfalt, oder sind die Meinungsunterschiede, wie eine Demokratie sie zulässt, also einer der Gründe, warum viele Mobilitätsprojekte in Berlin oft so lange brauchen? Während autoritäre Anführer in manchen Staaten gewisse Dinge im Alleingang verordnen können.

Man muss erst mal sagen, dass wir in Berlin oder auch in Deutschland in der Vergangenheit große Visionen hatten, die dann furchtbar gescheitert sind. Nach meiner Beobachtung fühlt man sich gerade in Westdeutschland, wo es die Zäsur der Wende nicht gab, wohl mit dem, was man hat, sodass man sich von der größeren Dynamik in der Welt etwas isoliert. Man hat da nicht verstanden, dass auch wir uns radikal wandeln wollen und müssen. Es ist kein Bild zum großen Wandel da. Man darf auch nicht unterschätzen, dass die deutsche Automobilindustrie in den letzten 20 bis 30 Jahren immer wieder auf europäischer und nationaler Ebene durch Lobby verhindert hat, dass sich höhere Emissionsstandards für Fahrzeuge durchsetzen und wir progressivere und ambitioniertere Ziele verfolgen. Wir sind das einzige Land, das noch kein Tempolimit auf der Autobahn hat, und das hat sicherlich etwas mit dem Autoland Deutschland zu tun.

„The Line“: Keine Straßen, Autos oder Emissionen, sie wird mit 100 Prozent erneuerbarer Energie betrieben und 95 Prozent des Landes werden als Naturland bewahrt.

„The Line“: Keine Straßen, Autos oder Emissionen, sie wird mit 100 Prozent erneuerbarer Energie betrieben und 95 Prozent des Landes werden als Naturland bewahrt.Neom

Um auf Ihre Frage zu antworten: Ja, es ist so. Trotzdem gibt es Städte wie Amsterdam, wo die Bürgerbeteiligung auf das Schaffen und nicht auf das Verhindern ausgerichtet ist, die nicht sagt: Nicht in meinem Hof, wie nach dem berühmten Sankt-Florian-Prinzip. Die Holländer haben eine andere Kultur der Bürgereinbindung, die wir Deutschen noch nicht haben. Die deutsche Verwaltung ist auch ein bisschen ordnungsstaatlich, bürokratisch und juristisch geprägt und ist nicht kreativ. Sie verwaltet, aber sie schafft nicht. Ich würde zwar eine Lanze brechen für die vielen engagierten Berliner Verwaltungsmitarbeiter, an denen es nicht unbedingt liegt. Aber Berlin an sich wirkt manchmal kleinbürgerlich und sieht die Zeit für Veränderungen nicht unbedingt ein.

Für welche Projekte sind Sie bei Neom zuständig und welche davon könnten in Berlin realisiert werden?

Wir bauen mit Neom eine völlig neue Stadt und Region, die so groß wie Belgien ist. Ich bin dort für die gesamten Mobilitätsthemen zuständig, geht es um den öffentlichen Verkehr, das Bahnsystem oder die Verkehrsanbindung zwischen den Inseln auf dem Wasser. Auch die urbane Mobilität auf den Straßen sowie die nachhaltig elektrischen Flugtaxis sind in meiner Zuständigkeit. Können wir diese Flugtaxis und die Sharing-Mobilität sinnvoll in den ÖPNV integrieren, sodass man kein privates Auto mehr braucht? Nur dann können diese neuen Verkehrsmoden integriert zur Nachhaltigkeit beitragen.

Und wie entwickelt man eine Stadt so, dass sie zu einer Stadt der kurzen Wege wird? Wie verknüpft man die erneuerbaren Energien mit einem intelligenten Stromsystem und den Ladepunkten? Das sind Ansätze, die einzelne Akteure in Berlin und anderen Städten in Europa seit Jahren versuchen voranzutreiben. Auch Berlin hat eines der ersten elektrischen Carsharing-Systems aufgebaut und in den ÖPNV integriert. Berlin hat auch einen der weltgrößten Anteile an Radverkehr. In Neom versuchen wir, die weltbesten Ansätze zusammenzuführen, und haben die einmalige Chance, das von Anfang an zusammenzustecken, weil wir nichts anderes abbauen müssen, um Neues zu entwickeln. Wir setzen auch von Anfang auf die erneuerbaren Energien. Das macht es einfacher.

Ein Flugtaxi von Volocopter bei einem Demonstrationsflug in Neom, Saudi-Arabien.

Ein Flugtaxi von Volocopter bei einem Demonstrationsflug in Neom, Saudi-Arabien.Neom Press Center

Es ist interessant, dass gerade das Ölland Saudi-Arabien mit Neom so radikal bei den erneuerbaren Energien vorangehen will. Ist es auch eine PR-Masche, die das Image des Landes aufpolieren soll?

Es gibt immer unterschiedliche Äußerungen und Einschätzungen. Man kann sich auch fragen: Wie würde man in Europa über 20, 30 Jahre vorgehen, und wer könnte diesen Umbau schon jetzt gestalten? Wichtig ist es, dass Neom alle bisher vorhandenen Technologien und Innovationen zusammenführt. Auch Deutschland hat sie, nur noch die Flugtaxis sind da noch nicht realisiert, obwohl gerade deutsche Firmen im Bereich forschen und entwickeln. Die Flugtaxis von Volocopter werden 2024 in Paris zu den Olympischen Spielen fliegen. Es ist ein ganz tolles Beispiel für Innovationskraft und Entwicklung aus Deutschland. Aber die Technologie hat in anderen Ländern mehr Fortschritte gemacht als zu Hause. Könnte Deutschland also innovationsfreundlicher werden? Das ist die Frage.

Vielen Dank für das Gespräch.



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