Mit Axt und Hackbeil gegen Kunstwerke


Die Klima-Aktivisten haben Vorläuferinnen: Britische Aktivistinnen zerstörten Anfang des 20. Jahrhunderts Kunstwerke im Kampf um das Frauenwahlrecht.

Eine Suffragette wird von der Polizei während einer Demonstration für das Frauenwahlrecht in London abgeführt.

Eine Suffragette wird von der Polizei während einer Demonstration für das Frauenwahlrecht in London abgeführt.dpa/ullstein bild

Die Angriffe von Klimaaktivisten auf Kunstwerke haben ein historisches Vorbild. Anfang des 20. Jahrhunderts bedienten sich die britischen Suffragetten dieses radikalen Mittels, frustriert, weil sie nach Jahrzehnten des politischen Kampfes zwar einiges erreicht, aber noch immer kein Wahlrecht hatten.

Am 10. März 1914 betrat eine junge Frau mit dem Namen Mary Richardson die Londoner Nationalgalerie. Sie hatte weder Kartoffelbrei, Tomatensuppe noch Sekundenkleber dabei, sondern eine Axt, die sie unter ihrem Mantel verbarg. Ihr Ziel war das Gemälde „Venus im Spiegel“, ein Meisterwerk von Diego Velazquez aus dem 17. Jahrhundert. Sieben Mal schlug sie mit ihrer Waffe auf das Kunstwerk ein, die Schläge zerstörten das Schutzglas, die Axt durchschnitt die Leinwand. Damals glaubte man, das Werk sei für immer verloren. Das war der Beginn einer ganzen Serie von Angriffen auf Kunstwerke.

Wie es zu einer derartigen Radikalisierung der Bewegung kam, hat die schottische Kunsthistorikerin Helen E. Scott untersucht. Sie führt diese unter anderem auf die Gründung der WSPU (Women’s Social and Political Union) durch Emmeline Pankhurst und ihre Tochter Christabel im Jahr 1903 zurück, die mit dem Motto „Taten, nicht Worte“ um Anhängerinnen warb. Tatsächlich geht der Begriff Suffragetten auf diese Organisation zurück, so wurden die WSPU-Unterstützerinnen mit ihrem radikalen Aktivismus benannt – im Unterschied zu den gemäßigteren Suffragistinnen.

Die Frauen überwältigten sogar Sicherheitsleute

Der militante Kern der WSPU schlug Fenster ein, zerschnitt Telegrafenleitungen, setzte Bahnhöfe in Brand. 1913 hatte eine Frau Cohen einen Schmuckkasten im Tower of London zerstört. Im Anschluss an den Angriff auf die „Venus“ von Velazquez wurden in den folgenden drei Monaten 13 weitere Kunstwerke in bedeutenden Museen in London und anderen englischen Städten  beschädigt. Die Werkzeuge: ein Hammer, mit dem die Gesichter mehrerer Skulpturen eingeschlagen wurden, wieder Äxte, Beile sowie ein Hackmesser. Die Frauen überwältigten sogar Sicherheitsleute. Dass es nach Mitte Juli keine weiteren Angriffe gab, ist wahrscheinlich dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs geschuldet.

Den Angriff auf „Venus im Spiegel“ interpretiert Helen E. Scott zum einen als symbolischen Akt: Mit ihm solle bewiesen werden, dass die Regierung nicht in der Lage sei, ein wichtiges Kunstwerk in einem renommierten Museum vor der Entschlossenheit der Suffragetten-Bewegung zu schützen. Die Attacke sollte ein Beleg für die Machtlosigkeit der Regierung sein, dazu geeignet, das Vertrauen der Öffentlichkeit in ihre Fähigkeiten zu erschüttern. Die Zerstörung hatte aber auch einen finanziellen Aspekt. Die Nationalgalerie hatte den Velazquez 1905 für 45.000 Pfund erworben, nach dem Angriff  musste das Museum zunächst geschlossen bleiben – zum Leidwesen von Touristen und Hoteliers, die um ihre Gäste fürchteten. Mary Richardson war davon überzeugt, dass die Regierung angesichts des finanziellen Schadens eher bereit sein könnte, das Anliegen der Suffragetten ernst zu nehmen.

„Venus im Spiegel“ von Velasquez. Mary Richardson zerstörte das Gemälde im März 1914 in der Londoner Nationalgalerie mit der Axt. Es konnte restauriert werden.

„Venus im Spiegel“ von Velasquez. Mary Richardson zerstörte das Gemälde im März 1914 in der Londoner Nationalgalerie mit der Axt. Es konnte restauriert werden.Wiki

In einer Erklärung, die sie vor dem Anschlag auf die „Venus“ vorbereitet hatte, stellte sie eine geschickte Verbindung zu einem Vorfall her, der sich einen Tag vorher ereignet hatte: „Ich habe versucht, das Bild der schönsten Frau der mythologischen Geschichte zu zerstören, als Protest gegen die Regierung, die Mrs. Pankhurst zerstört, die schönste Gestalt der modernen Geschichte.“ Tatsächlich war Emmeline Pankhurst am 9. März 1914 verhaftet worden und nahm im Gefängnis ihren lebensgefährlichen Hungerstreik wieder auf.

Die Regierung interpretierte die Zerstörung von Kunst als geisteskrank

Genau wie den Klimaaktivisten von heute gelang es den Suffragetten, die Aufmerksamkeit von Regierung und Öffentlichkeit zu erringen. Wie heute wurde das Wachpersonal in den Museen verstärkt, aber da man nie wusste, wann und wo sich der nächste Angriff ereignen würde, war das fast wirkungslos. Die britische Regierung griff zu einem Mittel, das heute zum Glück undenkbar ist: Sie verlegte sich darauf, die Zerstörung von Kunst als Ausdruck einer Geisteskrankheit zu interpretieren. So konnte sie die Motive der Täterinnen als irrelevant abqualifizieren. Statt als Ausdruck von Entschlossenheit und Teil einer politischen Kampagne wurden die Zerstörungsakte als erratische Taten geisteskranker Individuen angesehen. Kamen Täterinnen ins Gefängnis, galten sie nicht länger als politische Gefangene und hatten somit keinen privilegierten Zugang mehr zu Zeitungen und Büchern. Von der strafrechtlichen Ahndung der Blockaden und Kunstattacken einmal abgesehen, ist die Bewertung der Aktionsformen und der Geisteshaltung, aus der sie hervorgehen, inzwischen weitgehend den Kommentatoren aus Medien und Politik überlassen.

Die politische Aktivistin Emmeline Pankhurst (1858–1928)

Die politische Aktivistin Emmeline Pankhurst (1858–1928)imago

Die Beschreibung der Attacken als mutwillig und sinnlos erinnert an die Gegenwart. Nach der letzten Attacke am 17. Juli 1917 war die Öffentlichkeit bereit, auf diese eher mit Verachtung als mit Empörung zu reagieren.

Helen E. Scott kommt zu dem Schluss, dass trotz der Aufmerksamkeit, die der Bildersturm erregte, er der Bewegung nichts eingebracht hat. Möglicherweise wäre diese Form des Protests, die sich zunehmend als unhandlich erwies, auch ohne den Kriegsausbruch zum Erliegen gekommen, möglicherweise wäre sie auch abgelöst worden durch noch extremere Formen des Protests.



Source link