Männer mit Bärten: Welche Witze sind zulässig? – Panorama


Weil das Manager Magazin seinen Bart mit dem Bart des DDR-Führers Walter Ulbricht verglichen hatte, hatte ein sehr erfolgreicher Medienanwalt (er ist so erfolgreich, dass man hier kaum wagt, seinen Namen zu schreiben) eine Gegendarstellung erwirkt. Der Medienanwalt stellte klar, dass er – anders als der Mann, der den Bau der Berliner Mauer befahl – Vollbart trage. Nun ja, wen interessiert’s?

Das Manager Magazin jedenfalls musste dann die Gegendarstellung des Anwalts (er ist wirklich ungeheuer erfolgreich) veröffentlichen, versuchte jedoch gleichzeitig durch den Abdruck zweier Fotos das Gegenteil zu beweisen, worauf der Medienanwalt vor dem Oberlandesgericht Hamburg eine weitere Gegendarstellung erwirken wollte – nun aber verlor. Das Gericht stellte fest, dass die Sache durch die Meinungsfreiheit teilweise gedeckt sei.

Mal abgesehen davon, dass in Männerbärten laut einer Schweizer Studie meist weit mehr Bakterien, Viren und Pilze zu finden sind als im Fell eines Hundes: So ein Vergleich ist schon sehr gemein. Ulbricht-Bart, Rübezahl-Bart, Hitler-Bart, Hipster-Bart – das Aussehen kann doch nicht als Basis für eine sachliche Auseinandersetzung dienen! Da würde man sich ja auf das Niveau der Königstochter Roswitha aus dem DEFA-Film “König Drosselbart” begeben, die – wie im Grimm-Märchen – die Männer entweder als zu dick, zu groß, zu klein oder als zu vogelartig verspottet.

Der DDR-Film stammt übrigens aus dem Jahr 1965 und das Drosselbärtchen, welches der Darsteller Manfred Krug hier trug, wurde auch als versteckte Anspielung auf den damaligen SED-Zentralkomitee-Vorsitzenden Walter Ulbricht gewertet. Ob es dem Medienanwalt lieber gewesen wäre, das Manager Magazin hätte ihn mit König Drosselbart verglichen?

David Beckham, Horst Lichter oder doch eher Conchita Wurst?

Jedenfalls zeigt der Streit um Bärte doch wieder nur, wie unredlich es ist, Menschen auf ihr Äußeres zu reduzieren. Das mag ja alles durch die Meinungsfreiheit gedeckt sein, doch den Stempel, den man anderen auf diese Weise aufdrückt, den werden sie nie wieder los. Es sei denn, die Betroffenen geben irgendwann klein bei und trennen sich von ihrem liebgewonnenen Erscheinungsbild wie der österreichische Bildungsminister Martin Polaschek von seiner Langhaarfrisur oder der Fußballer Rudi Völler von seinem Oberlippenbärtchen. Dann hat die andere Seite gewonnen.

Als bei den Nachwahlen im US-Bundesstaat Pennsylvania im Jahr 2018 ein Kandidat der Republikaner unerwartet gegen einen Demokraten verlor, kommentierte ein Parteifreund: “Er hätte seinen Schnauzer rasieren sollen.” Tatsächlich war William H. Taft vor mehr als hundert Jahren der letzte US-Präsident mit Gesichtsbehaarung.

Viel eleganter freilich wäre es, in Zukunft weniger schmerzhafte Vergleiche zu verwenden. Der Bart des deutschen Finanzministers etwa müsste einen dann nicht mehr an die Werbe-Ikone David Beckham erinnern, sondern könnte auch als Hinweis auf die überaus innovative ägyptische Königin Hatschepsut verstanden werden, von der es viele Abbildungen gibt, die sie ebenfalls mit Bart zeigen. Beim Kaiser-Wilhelm-Bart könnte man künftig an den stets fröhlichen “Bares für Rares”-Moderator Horst Lichter denken und dank des wunderbaren Autoren Harry Rowohlt sollte jetzt auch die üblicherweise mit Karl Marx in Verbindung gebrachte Gesichtsvollbehaarung endlich eine neue Deutung erfahren. So gesehen wäre dann selbst ein Ulbricht-Bärtchen im Gesicht eines Medienanwalts nichts Anderes als: eine liebevolle Reminiszenz an Conchita Wurst.



Quellenlink https://www.sueddeutsche.de/panorama/walter-ulbricht-bart-justiz-barttraeger-medienanwalt-1.5662777