Lage in Cherson: Kein Strom, kein Wasser, keine Heizung




Reportage

Stand: 25.11.2022 02:51 Uhr

Die Armut im zurückeroberten Cherson ist groß. Viele überlegen, dem Aufruf der Regierung zu folgen und die Stadt jetzt zu verlassen. Denn es gibt kein fließendes Wasser, keinen Strom, und keine Heizung.

Von Rebecca Barth, WDR, zurzeit Kiew

Die jubelnden Massen haben sich in lange Schlangen verwandelt. In der vor kurzem zurückeroberten Stadt Cherson sind viele Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen. Kein Strom, kein fließendes Wasser, keine Heizung. Cherson und seine Einwohner sind auf Hilfe von außen angewiesen. Im Stadtzentrum verteilen Helfer Brot, Gemüse und Fleisch.

“Es gab kein Fleisch während der Besatzung. Alles war sehr teuer”, sagt ein Passant. “Gott sei Dank war es lange Zeit warm und es gab viel Gemüse. Wir haben von Gemüse gelebt. Aber alles war sehr teuer und ich hatte keine Arbeit.”

Nach der Rückeroberung durch ukrainische Truppen gibt es zwar wieder Fleisch in Cherson, aber kaum Käufer.

Bild: dpa

Preise explodieren weiter

Die Preise explodierten auch jetzt noch, erzählen die Menschen. Auf einem Markt in der Nähe des Bahnhofs ist kaum ein Stand geöffnet. Helfer haben dicke Jacken ausgelegt. Es sind vor allem ältere Frauen, die in dem Klamottenberg nach passender Kleidung wühlen.

Wenige Schritte weiter arbeitet Larissa. Sie versucht, ein wenig Fleisch und Brot zu verkaufen. Doch es gebe kaum Käufer, erzählt sie der ARD. “Die Menschen haben Geldprobleme. Sie haben einfach nichts, womit sie sich etwas kaufen können. Keine Renten. Die Banken funktionieren nicht”, berichtet sie. “Viele Leute hatten nur noch Geld auf ihren Karten, konnten es aber nicht abheben. Für Rentner ist das sehr schwierig. Sie brauchen sehr viel Hilfe.”

Regierung ruft zum Verlassen der Stadt auf

Aber nicht nur Rentner stehen in den langen Schlangen. Auch Familien mit Kindern versuchen, Brot, Gemüse oder warme Kleidung zu ergattern. Vor ihrem Rückzug haben die russischen Truppen die kritische Infrastruktur von Cherson zerstört. Offenbar so schwer, dass die ukrainische Regierung die Menschen nun dazu aufruft, die Stadt zu verlassen. Denn für die Menschen werde es schwer, den Winter ohne Heizung und Strom zu überstehen, so Vize-Regierungschefin Irina Wereschtschuk.

Auch Larissa macht sich Sorgen. “Natürlich haben die Leute Angst vor dem Winter. Sie sitzen ohne Heizung da. Das ist sehr schwierig. Man weiß nicht, was als nächstes passiert”, sagt sie. “Es ist schwierig, wenn es keinen Strom gibt. Aber wir haben noch Glück mit dem Wetter. In Lwiw und in Kiew hat es schon geschneit. Aber wir hier im Süden haben es einfacher.”

Nicht alle wollen gehen

Etwa 80.000 Menschen sollen nach Schätzungen noch in Cherson leben. Seit etwa einer Woche haben sie die Möglichkeit, die Stadt mit Bussen zu verlassen. Auch die Menschen in der Nachbarregion Mykolajiw sind dazu aufgerufen. Aber nicht alle wollen gehen.

Viele Menschen haben schon während der Besatzung angefangen, Lebensmittel- und Wasservorräte anzulegen. So auch Wolodymyr, der in einem Dorf in der Nähe der Stadt lebt. “Acht Monaten lang haben wir so etwas Schreckliches überlebt, dass wir vor dem Winter keine Angst haben”, sagt er. “Wir werden auch ohne Gas überleben. Wir werden leben. Die Ukraine wird frei sein.”

Aber frei ist selbst das zurückeroberte Cherson noch nicht. Die russischen Truppen haben auf der anderen Uferseite des Dnipro ihre Positionen eingenommen. Immer wieder sind Detonationen zu hören. Am Donnerstagnachmittag beschossen die russischen Streitkräfte Cherson mit Artillerie. Mehrere Menschen wurden dabei getötet.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.



Quellenlink https://www.tagesschau.de/ausland/europa/ukraine-lage-cherson-101.html