Kein Stein auf dem anderen


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Von: Stefan Michalzik

Perfume Genius. Foto: Beggars
Perfume Genius. Foto: Beggars © Beggars

„Ugly Season“, eine weitere Überraschung von Perfume Genius.

Die Musik zu „Ugly Season“, dem neuen Album von Perfume Genius, ist für das 2019 in Seattle uraufgeführte Tanzstück „The Sun Still Burns Here“ der Choreografin Kate Wallich geschrieben worden. Das ist ganz sicher auch ein Schlüssel für die musikalische Ästhetik, die sich zugleich durch mannigfaltige Brüche auszeichnet wie einen übergreifenden Spannungsbogen. So vermag die Musik auch unabhängig von der Tanzbühne zu bestehen. Obendrein hat der kalifornische Künstler Jacolby Satterwhite im Zusammenhang mit dem Album den gleichfalls choreografisch geprägten Kurzfilm „Pygmalion’s Ugly Season“ gedreht.

Der sich Perfume Genius nennende und in Seattle lebende Mike Hadreas ist ein begnadeter Art-Pop-Künstler, der sich von Album zu Album neu erfindet. Nun hat er einen ungeahnten Schritt zur Abstraktion gemacht. Begonnen hatte Hadreas auf „Learning“, dem Debüt von 2010, mit Singer/Songwriterpop am Klavier und pseudo-orchestralen Momenten. „Too Bright“ (2014) war beträchtlich üppiger instrumentiert. Zuletzt dann hatte der queere Musiker mit „Set My Heart On Fire Immediately“ (2020) seine Version einer Dancefloorplatte vorgelegt, weniger fett im Sound, als man sich eine solche vorstellt.

Eine Scheu vor Theatralik hatte der inzwischen 41-jährige Mike Hadreas noch nie. Das trifft auch auf das neue Album zu, freilich bewegt sich hier alles in einem Zustand der Verfremdung und des Schemenhaften. Da gibt es Instrumentals mit lediglich Spuren von Gesang, „Photograph“ beginnt wie ein Song, doch der verflüchtigt sich alsbald. Und umgekehrt beginnt „Hellbeat“ mit einem kreisensägenhaften Geräusch, das man wiederum „Noise“ nicht recht nennen kann, und plötzlich entwickelt sich eine Art von New-Wave-Song daraus. Mit anderen Worten: Auf „Ugly Season“ lässt Perfume Genius nicht einen Stein auf dem anderen. Bei den Texturen handelt es sich Nummer um Nummer um neue kaleidoskopische Durchmischungen mit einem enorm weiten Quellenspektrum. Es ist nicht ohne Ironie, gleich ob gewollt oder nicht, eine Nummer auf diesem Album „Pop Song“ zu nennen, mit den Textzeilen „Our body is stretched/And holding one breath/Shoulder our pain/And bury what’s left“. Tatsächlich erinnert dieser Song ein wenig an den Synthiepop der achtziger Jahre, in einer schattenhaften, zurückgenommenen Weise jedoch.

Das Album:

Perfume Genius: Ugly Season. Matador/Beggars/Indigo.

Ein jazzaffiner Kontrabass

Da sind düster dräuende Sounds auf Minimal-Geklicker mit stereophonem Effektspiel in „Herem“, in „Scherzo“ wirken die unbegleiteten Klavierabstraktionen wie das Ergebnis einer Kreuzung von Erik Satie mit Lennie Tristano – und entsprechen so gar nicht dem heiteren Charakter eines Klassik-Scherzos. Verblüffend gleich hernach der in ein genrefernes Klangbild transferierte schleppende Reggaebeat im Titelstück. Ein jazzaffiner Kontrabass taucht in vielen der Nummern auf.

Die Arbeit an Songs, hat Mike Hadreas einmal gesagt, beginne bei ihm immer mit den Texten. Die, vorgetragen in seinem charakteristischen Falsettgesang, gibt es hier nun in einer mal mehr, mal auch etwas weniger rudimentären Form, bis hin zur Andeutung eines Strophenliedes. Allzu sperrig wirkt das trotzdem nicht.



Quellenlink https://www.fr.de/kultur/musik/perfume-genius-ugly-season-kein-stein-auf-dem-anderen-91771298.html?cmp=defrss