„Kein einfacher Fall“


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Psychiater hat im Thielsch-Prozess erneut das Wort

Kriftel – Seit einem halben Jahr schon läuft das Wiederaufnahmeverfahren gegen Hendrik R., der bei der grauenvollen Unfallfahrt am 6. September 2015 ein Pärchen auf dem Fußgängerüberweg in Kriftel angefahren und in der Folge die 41-jährige Silke Thielsch zu Tode geschleift hatte. Inzwischen steht sogar der Tatvorwurf Mord im Raum, der Angeklagte befindet sich in Untersuchungshaft.

Wie schwierig es ist, die tatsächlichen Beweggründe für die schreckliche Todesfahrt zu erschließen, machte gestern eine erneute Befragung des psychiatrischen Gutachters Prof. Dr. Ansgar Klimke deutlich. Er hatte 2017 bei dem heute 35-Jährigen eine leicht kränkbare Persönlichkeit festgestellt. Keine erhebliche Störung, sondern nur eine Akzentuierung, erklärt der Professor. Von einer erheblichen Persönlichkeitsstörung spreche man, wenn sie auch im Vorfeld nach außen erkennbar sei, man sich oder der Umgebung Schaden zugefügt hätte, was bei dem Angeklagten nicht vorliege. Entscheidend für das spätere Urteil sind Einsicht und Steuerungsfähigkeit während des Geschehens.

„Ein einfacher Fall liegt hier nicht vor“, sagt der Experte, es sei nicht eindeutig. Bei Tötungsdelikten unterscheide man zwischen dem Soziopathen, der kalt und ohne Mitgefühl agiere, was er bei dem Angeklagten nicht sehe. Oder aber dem Hysteriker, der aus einer starken Kränkung heraus ausrastet. Typisches Beispiel: der von Gefühlen übermannte, verlassene Ehemann. Hendrik R. allerdings hatte den Wagen im Verlauf kontrolliert durch den Kreisel gelenkt und selbst die Polizei angerufen, was einer Steuerungsunfähigkeit in dieser Phase widerspreche. „Wenn man eine Verminderung der Steuerung in Betracht zieht, müsste das beim Anfahren der Fall sein“, so Klimke. Als Hendrik R. das sich küssende Pärchen erst drohend an- und dann umfährt.

„Ein sozial auffälliges Verhalten mit Alleinstellungsmerkmal“, nennt es der Vorsitzende Richter, Dr. Jörn Immerschmitt. Dass sich Besucher nach einer Veranstaltung auf der Straße befänden, sei eigentlich eine Allerweltssituation. Eine Affekttat sieht Psychiater Klimke nicht gegeben. Das sei ein sehr seltenes Ereignis, ein tiefgreifender Ausnahmezustand, der zur Bewusstseinsstörung führe. Einen nicht unerheblichen Einfluss habe dagegen der Alkohol gehabt, der neben Enthemmung auch zur Verlangsamung von Entscheidungen führe. 1,23 Promille hatte Hendrik R. im Blut. „Ohne Alkohol wäre das nicht passiert“, so Klimke. Ob denn Adrenalinausschüttung eine Rolle spielen könne, fragt der Staatsanwalt. Das passe, so der Experte, nicht ganz zu dem Fall. Spekulativ sei auch die Annahme, dass er in einer Art Traumatisierung nicht habe wahrhaben wollen, was passiert sei. Es sind erklärende Anhaltspunkte des Unfassbaren, die der Abwägung dienen.

Die Expertise bleibt ein wichtiges Puzzlestück, rechtlich abwägen müsse das Gericht, so der Professor. Die Kammer musste sich aber zunächst noch mit Anträgen der Verteidigung beschäftigen. So hatten sie den Verkehrssachverständigen für befangen erklärt, was der Vorsitzende Richter jedoch Punkt für Punkt widerlegte. Verworfen wurde auch der Antrag der Verteidigung, zwei Polizisten und den Beifahrer des Todesfahrers neu zu laden. Nun steht ein neuer Beweisantrag im Raum, ausgehend von der Einschätzung eines Oldenburger Sachverständigen, der sich im Auftrag der Verteidigung noch mal mit der Spurenlage auf der Fahrbahn beschäftigt hatte.

Silke Thielsch hatte sich – so die unerträglichen Details – noch lange unter dem Auto festgeklammert. Erst als sie loslässt, so die Verteidiger, habe sie ihr Mandant wahrgenommen und sei zum Stehen gekommen. Um diesen Punkt genauer zu untersuchen, beantrage man ein neues Gutachten. Darüber muss die Strafkammer entscheiden, alle Parteien werden sich zudem in Ruhe mit den Erkenntnissen aus der Vorladung des psychiatrischen Gutachters auseinandersetzen.

Hendrik R. sitzt weiterhin in U-Haft, bis zu einer Entscheidung wird es noch eine Weile dauern. Am 27. September wird um 9 Uhr in einer kurzen Zusammenkunft die Entscheidung über den Beweisantrag verkündet, dann sind zwei Wochen Pause anberaumt.



Quellenlink https://www.fr.de/rhein-main/main-taunus-kreis/kriftel-ort99982/kein-einfacher-fall-92518454.html