Jan Philipp Reemtsma wird 70 – Kultur


In seinem großen Buch “Vertrauen und Gewalt”, das 2008 erschien, schreibt Jan Philipp Reemtsma: “Die Angst vor der Zukunft ist das Bewusstsein der eigenen Freiheit: Ich weiß nicht, was mir alles möglich ist, ich weiß nicht, wer ich morgen oder übermorgen sein werde.”

Dem Autor, der in dem Buch eines seiner Lebensthemen behandelte, ist einiges möglich geworden. Es dürfte kaum mal einen Literaturwissenschaftler und Intellektuellen geben, dem – wie jetzt Reemtsma zu seinem 70. Geburtstag an diesem Samstag in Hamburg – eine zweibändige Festschrift überreicht wird, in der sowohl der Philosoph Jürgen Habermas als auch der amtierende Bundeskanzler Beiträge verfasst haben.

Olaf Scholz schreibt da: “Ich bin Jan Philipp Reemtsma für seine Überlegungen rund um die Kategorie des Vertrauens dankbar.” Seine Vorstellungen von Respekt und Gemeinsinn sucht Kanzler Scholz respektvoll an Reemtsmas Denken anzubinden. Der 93-jährige Habermas wiederum (auf den Reemtsma einst die Friedenspreis-Laudatio in der Paulskirche gehalten hat) lobt in seinem Festschrift-Aufsatz ein “bewundernswert originelles Lebenswerk” und würdigt in der Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus und Holocaust Reemtsmas Absicht, “auch im historischen Rückblick das Bewusstsein für die eigene moralische Verantwortlichkeit zu wecken”.

Wie konnte es zu einem solchen Maß an Ehre kommen? Es fing damit an, dass ein junger, wacher Kopf, ein frühreifer Bücherwurm, außerordentlich viel Geld bekam. Als Erbe einer Zigarettenfabrik, deren Anteile er im Alter von 27 Jahren verkauft hat – Tabak-Geld, das heute als noch schmutziger angesehen wird als damals -, beschloss Jan Philipp Reemtsma, seine Millionen für gute und geistige Dinge auszugeben: für ein Hamburger Institut für Sozialforschung, das er von 1984 bis 2015 selbst leitete, das bis heute lauter kluge Analysen aus Soziologie und Zeitgeschichte hervorgebracht und ebenso kluge Menschen beschäftigt hat, das aber auch mit seinen zwei Ausstellungen über die Verbrechen der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg das Selbstbild der Republik, mit einer makellosen “Vergangenheitsbewältigung” praktisch schon fertig zu sein, zerbrochen hat.

Jan Philipp Reemtsma zum 70. Geburtstag: Susanne Fischer, Gerd Hankel, Wolfgang Knöbl (Hg.): Die Gegenwart der Gewalt. Festschrift für Jan Philipp Reemtsma. Zu Klampen, Springe 2022. 2 Bde., 1004 Seiten, 68 Euro.

Susanne Fischer, Gerd Hankel, Wolfgang Knöbl (Hg.): Die Gegenwart der Gewalt. Festschrift für Jan Philipp Reemtsma. Zu Klampen, Springe 2022. 2 Bde., 1004 Seiten, 68 Euro.

(Foto: zuKlampen/zuKlampen)

Reemtsma gab und gibt das Geld zudem für die Pflege und großzügige Edition scheinbar abseitigerer Autoren aus. Besondere Liebe galt dabei Arno Schmidt und Christoph Martin Wieland, dem immer noch unbekanntesten der deutschen Klassiker und Aufklärer, dessen Gut Oßmannstedt nahe Weimar wiederhergerichtet und mit einer neuen Dauerausstellung versehen ist – dieser Einsatz wird vorläufig gekrönt werden im kommenden März, wenn Reemtsmas eigene große Wieland-Biografie erscheinen soll.

“Irdisch Reichtum”, heißt es in einem alten Kirchenlied, wird, anders als geistiger Reichtum, “verzehrt”. Reemtsmas Leben zeigt die Potenziale in beide Richtungen: Der Wohlstand kann zu einem erstaunlichen Mäzenatentum führen, bei dem der Spender auf der Höhe seiner Gegenstände ist; aber eben auch zu der Begehrlichkeit, die einen Verbrecher, in diesem Fall heißt er Thomas Drach, anzieht. Am 25. März 1996 entführte er Reemtsma und sperrte ihn 33 Tage lang in einen Keller, dieser fand sich als Opfer in einem der spektakulärsten Kriminalfälle seiner Zeit wieder, was er – aus seiner Sicht: wie sonst? – auch schreibend verarbeitete. So wie es auch sein Sohn Johann Scheerer in zwei Büchern getan hat.

Reemtsma hat immer glaubhaft versichert, dass sein tiefgehendes Interesse an den “Grandiositätsgefühlen”, die mit der Ausübung von Gewalt verbunden sind, im Alltag und in Kriegen, auch unabhängig von seinen biografischen Erfahrungen besteht. Er hat aber im Geist der Kultur der Aufklärung des 18. Jahrhunderts auch Person und Werk nie übertrieben künstlich getrennt. Das macht, neben seinem ganzen Schrifttum und Einfluss als Förderer, seine sanfte Autorität aus: Reemtsma hat sich nicht in den Vordergrund gedrängt, aber wenn er gefragt wird, gibt er Auskunft über sich selbst und seine Erlebnisse.

Das ist das bisherige Lebenswerk des Jan Philipp Reemtsma: illusionslos mit dem Schlimmsten zu rechnen und es zugleich für lohnend zu halten, an der Humanität weiterzuarbeiten.



Quellenlink https://www.sueddeutsche.de/kultur/jan-philipp-reemtsma-70-literatur-1.5703592