Finaler Ausverkauf im Dax noch nicht beendet


Bulle und Bär vor der Börse Frankfurt

Es ist eine von hoher Unsicherheit geprägte Marktphase.



(Foto: dpa)

Düsseldorf Der deutsche Aktienmarkt bewegt sich aktuell auf dem Niveau von Anfang September. Im Prinzip hat sich für Anlegerinnen und Anleger in den vergangenen Wochen also nichts getan. Die Börsenstimmung hat sich aber deutlich verschlechtert, zeigt die Handelsblatt-Umfrage Dax-Sentiment unter mehr als 7000 Privatanlegerinnen und -anlegern. „Wir haben wieder Panik am Aktienmarkt“, erklärt Sentiment-Experte Stephan Heibel, der die wöchentliche Umfrage auswertet.

Fast acht Prozent legte der Leitindex Dax im September zwischenzeitlich zu – ohne dass es nennenswerte Nachrichten gegeben hätte. „Es war eine ‚Short-Covering-Rally‘“, sagt Heibel.

Das ist die Bezeichnung für eine Situation, in der Profi-Anleger ihre Wetten auf fallende Kurse aus Angst vor Verlusten in den steigenden Markt hinein beenden und so eine Rally auslösen. „Am Ende dieser technischen Gegenbewegung folgte ein ebenso heftiger Ausverkauf, der die Märkte wieder zurück auf das Ausgangsniveau führte“, sagt Heibel.

Der leichte Aufwärtstrend bei der Anlegerstimmung wurde dadurch ausgebremst. „Unser Barometer ist auf einen Wert von minus 6,4 Prozent gefallen und zeigt Angst und Panik an“, berichtet Heibel.

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Auslöser ist die Sorge vor deutlich steigenden Zinsen und deren Auswirkungen auf die Wirtschaft. Jerome Powell, Chef der US-Notenbank Fed, betonte zuletzt, dass er die hohe Inflation um jeden Preis bekämpfen wolle. Auch wenn Unternehmenszahlen bereits auf eine drohende Rezession hinweisen, die umso stärker ausfallen wird, je vehementer die Fed gegen die Inflation vorgeht. Powell hat die Fed dadurch in eine Situation manövriert, in der sie nur verlieren kann, analysiert Heibel vor dem nächsten Zinsentscheid an diesem Mittwochabend.

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Die eine Möglichkeit wäre, dass die Fed den Leitzins um 0,75 Prozentpunkte anhebt und fortan beobachtet, wie sich die Inflation entwickelt. „Dann ist das falsch, weil man die Inflation eben nicht, wie noch vor einer Woche betont, um jeden Preis bekämpft“, sagt Heibel. „Es kann also durchaus sein, dass die Inflation nach einer kleinen Verschnaufpause in ein paar Wochen wieder anzieht.“

Die zweite Möglichkeit wäre, dass die Fed den Leitzins gleich um einen Prozentpunkt anhebt und stoisch weitere Zinsanhebungen für die kommenden Sitzungen ankündigt. „Dann ist das ebenfalls falsch, weil man zwar die Inflation in den Griff bekommen wird, aber zulasten der Wirtschaft, die bei zu hohen Zinsen in eine schwere Rezession abzudriften droht“, sagt Heibel.

September wird seinem schlechten Ruf gerecht

Vor diesem Hintergrund sieht der Geschäftsführer des Analysehauses AnimusX noch weitere Abwärtsrisiken: „Der September hat einen schlechten Ruf an den Aktienmärkten und wird aktuell seinem Ruf gerecht. Vieles spricht dafür, dass ein finaler Ausverkauf zwar im Gange, aber noch nicht beendet ist.“

Wäre ein solcher finaler Ausverkauf beendet, wäre das ein Einstiegssignal. Denn dann hätten alle potenziellen Verkäufer ihre Aktien verkauft und es würden wenige Käufer reichen, um den Kurs wieder nach oben zu bewegen.

Wie weit ein solcher Ausverkauf den Dax noch nach unten bewegen kann, ist die entscheidende Frage. Aktuell bewegt sich der Index aus Sentiment-Sicht in einem Niemandsland zwischen 12.600 und 13.500 Punkten. „Einige Spekulanten spielen mit täglich wechselnden Vorzeichen. Erst ein Ausbruch aus dieser Spanne dürfte die langfristig denkenden Anleger zu einem Umdenken zwingen“, sagt Heibel.

Bereich zwischen 12.400 und 12.600 Punkten entscheidend

Er hält den Bereich zwischen 12.400 und 12.600 Punkten für entscheidend, also den Bereich zwischen dem aktuellen Dax-Niveau und dem Jahrestief von 12.391 Zählern aus dem Juli.

„Dort muss sich zeigen, ob die Liste von negativen Entwicklungen nach zehn Monaten Baisse ausreichend im aktuellen Kursniveau berücksichtigt ist oder aber ob eine drohende Rezession noch niedrigere Aktienbewertungen erfordert“, sagt Heibel.

Er hält es für möglich, dass das aktuelle Jahrestief und ein Ausverkauf oberhalb des Jahrestiefs stoppt. Denn das Dax-Sentiment zeigt bereits Angst und Panik an. Zwei Drittel der Befragten sehen den deutschen Leitindex aktuell in einer Abwärtsbewegung.

„Gepaart mit einem großen Maß an Verunsicherung (minus 5,7 Prozent) können wir davon ausgehen, dass ein Panik-Boden nicht mehr weit sein kann“, erklärt Heibel. Denn mehr als die Hälfte wurde von dem jüngsten Rücksetzer überrascht. 59 Prozent der Befragten gaben an, dass ihre Erwartungen zuletzt gar nicht oder kaum erfüllt wurden.

Die Zukunftserwartung ist ebenfalls negativ. „Der Wert von minus 0,9 Prozent zeigt, dass Anleger auch für die kommenden Monate keine Besserung erwarten“, sagt Heibel. Nur jeder fünfte Befragte glaubt, dass in drei Monaten die Kurse wieder steigen.

„Die Investitionsbereitschaft von plus 1,2 Prozent kann vor diesem Hintergrund nur als spekulativ und in beide Richtungen interpretiert werden“, erklärt der Sentiment-Experte. „Spekulativ, weil das Vertrauen in die Zukunft noch fehlt. Und beide Richtungen, weil sich in den aktuellen Marktturbulenzen Spekulationen auf steigende und fallende Kurse in kurzer Folge ablösen.“

Es gibt allerdings auch Punkte, die dafür sprechen, dass der Dax unter sein bisheriges Jahrestief fallen wird. „Die Investitionsquote ist diese Woche zwar schon stark zurückgekommen, aber notiert gerade mal auf einem durchschnittlichen Niveau. Bei Angst und Panik kann da also noch einiges auf den Markt geschmissen werden, was die Kurse weiter drücken würde“, warnt Heibel.

Diese Einschätzung scheint unter den Privatanlegern derzeit auch zu überwiegen. Das Euwax-Sentiment der Börse Stuttgart zeigt mit minus vier eine leichte Absicherungsneigung an. Sie haben den jüngsten Rücksetzer also nicht dazu genutzt, auf steigende Kurse zu spekulieren, sondern sichern sich eher gegen weitere Kursverluste ab.

Institutionelle Anleger, die sich über die europäische Terminbörse Eurex absichern, zeigen dagegen ein neutrales Verhalten. Das Put-Call-Verhältnis, also das Verhältnis von Wetten auf steigende zu fallenden Kursen, entspricht mit 1,4 Prozent dem Durchschnitt der vergangenen Monate.

Schlechte Stimmung in den USA

In den USA notiert das Put-Call-Verhältnis an der Chicagoer Terminbörse CBOE bei 0,9 und zeigt ein zunehmendes Interesse der Anleger an Absicherungen gegen fallende Kurse. Die Investitionsquote der Anleger ist mit 34 Prozent zwar etwas höher als in der Vorwoche, aber immer noch extrem niedrig.

In den USA überwiegt also der Pessimismus. Das zeigt auch das Verhältnis zwischen optimistischen Anlegern (Bullen) und pessimistischen Anlegern (Bären): Es gibt aktuell 20 Prozent mehr Bären als Bullen.

Sie wollen an der Umfrage teilnehmen? Dann lassen Sie sich automatisch über den Start der Sentimentumfrage informieren, und melden Sie sich für den Dax-Sentiment-Newsletter an. Die Umfrage startet jeden Freitagmorgen und endet Sonntagmittag.

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