Filmdoku “Kalle Kosmonaut” – Dem eigenen Schicksal entkommen – geht das?


Langzeitbeobachtungen haben im Film eine lange Tradition. Es gibt die Geschichten der “Kinder von Golzow”, da wurde eine Schulklasse im Oderbruch fast ein halbes Jahrhundert dokumentarisch gefilmt. Oder die “Up”-Reihe aus England, die sogar 56 Jahre echtes Leben erzählt, angefangen ebenfalls mit siebenjährigen Schulkindern.

Zehn Jahre lang waren Tine Kugler und Günther Kurth mit dem jungen Pascal aus Berlin-Marzahn unterwegs durch seine schwierige Teenagerzeit: alleinerziehende Mutter, Drogen, Gewalt, Gefängnis. “Kalle Kosmonaut” heißt der Film, der am 26. Januar in die Kinos kommt.

Lauter falsche Abzweige

Man merkt sofort, dass dieser Junge ein Charakter ist, einer, den eine Kamera schon als Schulkind gern anschaut, lustig und reflektiert; Pascal (auch Kalle genannt) hat schon früh einen klaren Blick auf die Verhältnisse. Und er weiß früh, dass er rausfällt aus den Vorstellungen vom geregelten Leben, ein Außenseiter ist.

Pascal wächst ohne Vater auf, mit erwerbslosen Großeltern, die mit dem Alkoholismus kämpfen, einer alleinerziehenden Mutter. In einer Umgebung, in der auf dem Weg in die geordnete Existenz lauter falsche Abzweige lauern.

Kalle ist fast ein tragischer Held wie in den antiken Mythen, wo es darum ging, dem eigenen Schicksal, der Vorbestimmung, nicht entkommen zu können, nicht der zu werden, der man zu werden droht. Tragisch ist dann das Scheitern – dass das mit dem Entkommen nicht gelingt.

Ich hab’ so Angst, wie’s mit mir weitergeht, was jetzt passiert.

Pascal in “Kalle Kosmonaut”

Das sagt der Junge mit 17, kurz bevor er ins Gefängnis muss für zwei Jahre und sieben Monate, unter anderem wegen einer nicht näher beschriebenen Gewalttat.

Tine Kugler und Günther Kurth setzen diese Auskunft an den Beginn ihrer Langzeitbeobachtung, ein Vorgucker, Spannungsaufbau wie im Spielfilm. Was viel sagt über “Kalle Kosmonaut” mit seiner eigens komponierten Musik.

Warum Kalle den Joint verweigert

Denn die zehn Jahre, die das Regie-Team mit Kalle gedreht hat, schrumpfen im Film auf knappe Szenen, die für Auskünfte da sind und nicht dafür, dass man etwas entdecken kann in den Geschichten der Familie oder in Momenten, wo Kalle mit anderen agiert. Selten sind Aufnahmen wie die nach dem Gefängnis, als der junge Mann den Joint verweigert mit Freunden auf dem Sportplatz, weil er weiß, dass er sich fernhalten will von Gefahr.

Auf diese Weise kommt der Dokumentarfilm der Geschichte des Jungen nie so richtig nahe. Obwohl man durch den tollen Charakter, der Kalle ist, etwas Spezifisches erfahren könnte, lässt sich sein Weg am Ende nur über die Schlagworte verstehen, die man mit einer schwierigen Jugend halt sowieso verbindet: keine intakte Familie, nicht viel Geld, problematisches Umfeld.

Verstärkt wird der Eindruck des Stereotypen durch den überbordenden Gestaltungswillen des Regie-Duos: dramatische Animationsszenen für Bilder, die nicht gedreht werden konnten, Zeitlupen, Nahaufnahmen und die Musik, die wie in einer Instagram-Story immer schon das Gefühl illustrieren will, wenn es gerade ausgesprochen wird.

Gefangen im Nichtstun nach der Wende

Die Geschichte von Kalle dient so nur als Vorwand, Effekte an ihr auszuprobieren, um sie emotional zu verstärken. Sichtbar wird dadurch die Distanz von Kugler und Kurth zu ihrem Stoff, die auch mit dem medialen Bild des Berliner Stadtteils Marzahn zu tun hat. Bilder, die den Massenwohnungsbau als trostlos zeigen, stehen im Kontrast zu Großaufnahmen von idyllischer Natur, Schmetterlingen, Käfern.

Wenn die Kamera in der Wohnung vom Großvater ist, der von seinem Gefangensein im Nichtstun nach der Wende erzählt, dann nimmt sie dazu ganz groß die Zigaretten in den Blick, die sich der Mann mit seiner “Magnum”-Packung Tabak und einer Maschine selbst steckt – wie eine seltsame Kulturpraxis dieser merkwürdigen Autochthonen.

Interview mit Tine Kugler zum Filmstart “Kalle Kosmonaut”

Der Auslöser für den Film sei Kalles Persönlichkeit gewesen, sagt Regisseurin Tine Kugler im Gespräch: „Wir haben ihn kennengelernt, als er zehn war. Den Film hätte es ohne Kalle nicht gegeben. Wir hatten nicht ein Thema und haben uns ein Kind dazu gesucht, sondern wir haben den Kalle entdeckt.“ Nach einem ersten Dreh mit ihm für einen ZDF-Film über Schlüsselkinder in Berlin, „hat er uns so fasziniert, dass wir gedacht haben, wir wollen einfach unbedingt wissen, wie es mit ihm weitergeht“, so Kugler. Für den Film habe es naturgemäß kein Drehbuch gegeben, und es seien in den zehn Jahren auch viele Dinge passiert, die man sich nicht gewünscht habe, zum Beispiel, dass Kalle im Gefängnis war. „Unsere Idee war, sein Erwachsenwerden zu begleiten, egal, was passiert.“



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