Erdwärmewende – Kommt jetzt mehr Geothermie in die Heizung?


Geothermie-Kraftwerk Unterhaching: Blick auf die Röhren, in denen das heiße Wasser aus dem Boden gepumpt wird

Im Geothermie-Kraftwerk Unterhaching wird seit fast 20 Jahren Fernwärme und Strom produziert – das Vorzeigeprojekt profitiert von den günstigen geologischen Bedingungen (imago/argum/Falk Heller)
Ron Zippelius steht auf einem grob geschotterten Weg vor einem Bauzaun. Rund einen Kilometer entfernt liegt das Zentrum von Graben-Neudorf, einer Gemeinde nördlich von Karlsruhe. „Wir gucken jetzt direkt auf den Bohrturm. Der hat eine Höhe von 38 Metern und kann bis zu 5.000 Meter tief bohren.“

Tief unter der Erde liegt ein Sandstein – und darin erwartet die “Deutsche ErdWärme GmbH” heißes Thermalwasser. Die Bohrarbeiten sind jetzt, Mitte Oktober, fast abgeschlossen.

„Es gibt dann immer ein gewisses Restrisiko. Das nennt sich in der Geothermie ‘Fündigkeitsrisiko’. Also wenn es ganz doof läuft, wovon wir nicht ausgehen, ist dann so eine Bohrung trocken oder nicht genügend Thermalwasser da. Dieses Risiko minimieren wir durch umfangreiche Vorstudien, also wir sind da schon recht zuversichtlich.“

„Aber es ist schon ein Moment der Wahrheit?“ „Es kribbelt trotzdem, ja. Auf jeden Fall.“

Klimafreundliche und lokale Energiequelle

Die Erde ist ein heißer Planet: wenige Kilometer unter der Oberfläche noch über 100 Grad Celsius. Genug, um die Quelle anzuzapfen. „Also von der Energiemenge, die verfügbar ist, ist nachweislich genug da, um eigentlich uns alle hier in unserem jetzigen Lebensstandard auch zu versorgen. Aber sie ist halt in der Tiefe und da muss man irgendwie drankommen.“ Benjamin Richter arbeitet als Wirtschaftsprüfer für einen sehr speziellen Kundenkreis. Es sind Kommunen und deren Stadtwerke, die vielerorts verantwortlich dafür sind, die Haushalte mit Heizwärme oder Brennstoffen zu versorgen.

„Wir haben im Wärmebereich den größten Anteil der CO2-Emissionen. Das heißt, hier müssten wir eigentlich auch anfangen. Und wir haben uns in der Vergangenheit sehr um E-Autos und um Strom gekümmert. Und das muss jetzt aufhören oder muss weitergeführt werden. Aber die Intensität muss jetzt in gleicher Form eigentlich im Wärmebereich anfangen.“

Für Besitzer gut gedämmter Eigenheime sind Wärmepumpen praktisch: Sie nutzen Energie aus der Umwelt, häufig aus der Luft. Für unsanierte Altbauten eignen sich die Vorlauftemperaturen nicht. Genauso ist es möglich, zu bohren, 50 bis 200 Meter tief. Über Wasser, das in einem Rohr zirkuliert, wird dem Untergrund noch Energie entzogen, obwohl der Boden hier kaum wärmer ist als das Grundwasser – Im Haus wird es warm. Diese oberflächennahe Geothermie mittels Wärmepumpe versorgt bereits über 400.000 Gebäude in Deutschland, gerät aber ausgerechnet dort an ihre Grenzen, wo der Wärmebedarf am größten ist: in dicht bebauten Städten.

Auch die Bürokomplexe und Wohnblöcke aus dem letzten Jahrhundert brauchen eine saubere Energiequelle. Und es gibt sie: Am Stadtrand. In wenigen tausend Metern Tiefe ist Wasser im Porenraum des Gesteins oder in Rissen eingeschlossen, das aus dem Innern der Erde geheizt wird wie in einem Kochtopf. Dieses tiefe Thermalwasser ist mit über 100 Grad Celsius heiß genug, um über Fernwärmenetze verteilt zu werden – und neuerdings noch aus einem anderen Grund nachgefragt: der Energiekrise als Folge des Ukraine-Krieges.

Die Geothermie ist eine klimafreundliche und vor allem eine lokale Energiequelle. Das Umweltbundesamt bescheinigt 2018 in einer Studie, dass 25 Prozent des deutschen Wärmebedarfs wirtschaftlich und ökologisch mit Tiefenbohrungen gedeckt werden könnten. Doch auch im Jahr 2022 gibt es nur 42 aktive Anlagen. Vier weitere werden gebaut. Sie produzieren zusammen so viel Strom wie ein großer Windpark – und versorgen rechnerisch gerade mal eine Stadt wie Saarbrücken mit Wärme. Tendenz: nur langsam steigend.

Beim ersten Test der Tiefbohrung für ein Geothermie-Kraftwerk in Kirchwaidach tritt heisses Thermalwasser aus dem Bohrloch. (2.5.2011)

Das “Fündigkeitsrisiko” ist bei Geothermie-Bohrungen in Bayern gering – ein großer Standortvorteil (imago/argum/Thomas Einberger)

Bayern bei tiefer Erdwärme vorn dabei

Pullach, südlich von München, im Oktober 2022: Geladen wurde ins Bürgerhaus zu einer Fachtagung, aber sogar der bayerische Staatsminister für Wirtschaft, Hubert Aiwanger, kommt vorbei: „Bayern ist deutschlandweit führend im Bereich der Geothermie.“ Bis auf eine Ausnahme. „Wir haben natürlich auch die größten, vor allem dieses süddeutsche Molassebecken, wo einfach die größten Wärmevorräte sind. Aber wir stehen noch ganz am Anfang.“

Während Bayern beim Ausbau der Windkraft anderen Bundesländern deutlich hinterherhinkt – bei der tiefen Erdwärme spielt es ganz vorne mit. Über 90 Prozent der Tiefenerdwärme in Deutschland wird im Südosten gefördert. Und doch muss der Minister zugeben, dass es auch hier besser laufen könnte. „Das war ja das Problem in der Vergangenheit, dass schlichtweg das Gas aus Russland günstiger war als die eigene Bohrung, die vielleicht noch schiefgeht, Millionen Kosten verursacht. Dann brauchst du noch ein großes Wärmenetz und die Einsicht des Kunden, sich an dieses Netz anzuschließen. Bis dato gab es viele, die sagen, ich habe meine eigene Gas-, meine eigene Ölheizung. Was willst du denn von mir?“

In Erding, Unterföhring oder Kirchstockach laufen schon Erdwärmewerke. Manche produzieren Strom, die meisten auch Wärme für die Gemeinden. Auch die Stadtwerke München haben nach Erdwärme bohren lassen, um bis 2035 klimaneutral zu werden. Aber in kaum einem anderen Ort ist man so weit wie in Unterhaching. Wolfgang Geisinger ist Vorsitzender der Geothermie Unterhaching: „Wir waren nicht der Erste. Aber Unterhaching hat einfach durch den Erfolg beim Bohren eine Tür geöffnet in eine neue Dimension von Versorgung, was vorher so keiner auf dem Radar hatte.“

Heute versorgt Thermalwasser in Unterhaching die halbe Gemeinde

Das erste 3.350 Meter tiefe Loch wurde 2004 gebohrt, das zweite drei Jahre später. „Jetzt, nach 20 Jahren – die Geothermie Unterhaching wird dieses Jahr 20 Jahre alt –, haben wir ungefähr die Hälfte der Gemeinde, also die Hälfte von ungefähr 27.000 Einwohnern, mit Fernwärme versorgt und haben den Auftrag bekommen, dass wir auch noch weiter bohren können, weil die Quellen hier so ergiebig sind, sodass wir bis zum Ende dieses Jahrzehnts die Gemeinde voll mit Geothermie versorgt haben können und sollen.“

Das kommunale Unternehmen wird derzeit von Bürgerinnen und Bürgern überrannt, die noch immer mit teurem Gas heizen müssen. Die Geschwindigkeit beim Ausbau des Fernwärmenetzes im Ort soll sich nun vervierfachen.

„Bisher hatten wir jedes Jahr 50 bis 70 Häuser angeschlossen, jetzt müssen es 300 werden, damit wir diesen Pfad gehen können. Aber das große Privileg ist: Wir können diesen Weg auch gehen, weil wir diese Wärme haben.“

Die Vorreiterrolle der bayerischen Gemeinden hat geologische Gründe. Unter dem Alpenvorland liegt in einer Tiefe von zwei bis vier Kilometern ein mächtiger Kalkstein, der von Spalten und Rissen durchzogen ist. Es sind Karsthohlräume – und die führen viel Thermalwasser und lassen sich mittels geophysikalischer Methoden von der Erdoberfläche aufspüren. Das Risiko, dass eine Bohrung trocken bleibt, ist gering. Eine Ausnahmesituation – als Beispiel für ganz Deutschland taugt Bayern also nicht.

Bohren im Erdbebengebiet Oberrhein

250 Kilometer weiter westlich, in Graben-Neudorf bei Karlsruhe, blickt Ron Zippelius auf den weitgehend automatischen Bohrturm. Ein Roboterarm zieht gerade spielend über zehn Meter lange Rohre aus dickem Stahl aus der Erde. „Wir haben eine Bohrgeschwindigkeit von ungefähr zehn Metern pro Stunde. Es ist auch immer ein bisschen abhängig von den Gesteinsschichten, auf die man trifft und was das so hergibt.“

Der Oberrhein ist neben München die zweite Region Deutschlands mit besonders viel Hitze in der Tiefe. Hier ist es eine tektonische Grabenstruktur: Vor Jahrmillionen hat sich die fragile Erdkruste geweitet und wurde dabei etwas dünner. Dadurch bildete sich eine thermische Anomalie – es ist also genügend nutzbare Wärme in der Tiefe vorhanden. Doch der Rheingraben ist noch etwas Anderes: Er ist Erdbebengebiet.

„Da ist eine Messstelle sehr nah an uns dran. Da müssen wir einen Schritt vorgehen. Das sieht man dort hinten am Parkhaus von dem benachbarten Betrieb. Da steht ein Seismometer drin, wie auch noch drei weitere an anderen Standorten in der Umgebung. Die sind dafür da, die Bodenschwinggeschwindigkeiten festzustellen, die bei den Gebäuden tatsächlich ankommen.“

Nicht immer waren Geothermiebohrungen derart gut überwacht. 2007 bebte in Landau, nur wenige Kilometer weiter westlich, nach einer Erdwärmebohrung zweimal die Erde. Die Magnitude der Beben war gering: 2,7 und 2,4. Solche Erdbeben liegen nur knapp über der Wahrnehmungsschwelle des Menschen. Gläser im Schrank beginnen zu klirren, Lampen an der Decke geraten ins Schwingen. In Graben-Neudorf ist noch alles ruhig.

„Bis jetzt, haben Sie nichts gesehen?“ „Nein, nichts. Wir haben seismische Bewegungen gemessen, aber das sind alles natürliche Erdbeben gewesen, auch im weiteren Umfeld. Da hat es am 10. September zum Beispiel ein stärkeres Beben an der Schweizer Grenze gegeben, bei Lörrach. Das war 4,6 oder 4,7. Das haben wir hier mit den Seismometern wahrgenommen, ja.“

Frühwarnsystem soll Erdstöße verhindern

Das Unternehmen Deutsche Erdwärme, so sagt Ron Zippelius, tue alles dafür, dass es nicht mehr zu spürbaren Erdstößen durch die Geothermie kommt. Ein Ampelsystem soll das verhindern: Schon bei Mikrobeben der Stärke 1,3, zehnmal schwächer als die menschliche Wahrnehmung, würde man die Bohrtätigkeit einstellen. Das Schweizer Beben vom 10. September sei dafür ein guter Test gewesen.

„Wir haben innerhalb von Minuten eine Meldung bekommen. Dann wurden unsere Geologen mit einem SMS-Alarm informiert. Dann konnten die gucken, anhand der Wellen, wie die eingetroffen sind, ob das wirklich induzierte Seismizität ist, die aus dem Umfeld unserer Bohrung kommt oder ob die von außen in den Bereich eingedrungen ist. Da war relativ schnell klar, dass das mit uns nichts zu tun hat.“

Die Tiefengeothermie ist aus der Sicht der Unternehmen bereit für eine breite Anwendung und einen schnellen Ausbau – und sie erhält Rückendeckung aus der Politik. Die Ampel-Regierung nahm das Thema in den Koalitionsvertrag auf. Im November 2022 legte das Ministerium für Wirtschaft und Klimaschutz von Robert Habeck ein sogenanntes „Eckpunktepapier für eine Erdwärmewende“ vor. Das darin formulierte Ziel lautet: Bis 2030 sollen 100 Projekte verwirklicht werden: mehr als doppelt so viele wie in den letzten drei Jahrzehnten. Das gefällt nicht jedem.

Eigenheimbesitzer befürchten Bauschäden

„Im Oberrheingraben ist die Tiefengeothermie nicht mehr am Anfang, sondern das sind jetzt schon 20 Jahre Geschichte. Und das ist eine Geschichte von Problemen, von Fehlschlägen, von Werken, die Erdbeben ausgelöst haben.“ „Das Problem ist, dass wir hier Häuser gekauft haben. Ich bin zum Beispiel selbstständig – dieses Haus ist meine Rente.“

Zwei Gegner und zwei Befürworter sind der Einladung zu einem gemeinsamen Zoom-Interview gefolgt. Thomas Hans und Anja Göttsche vertreten zwei von einem guten Dutzend Bürgerinitiativen, die sich am Oberrhein gebildet haben und die sich im Karlsruher Umfeld derzeit besonders gegen eine Firma richtet: Kein kommunales Unternehmen, kein Stadtwerk, sondern, wie sie betonen – die Deutsche ErdWärme, eine renditeorientierte GmbH und Co KG.

„Wenn es zu einem Erdbeben kommt und ich habe hier Risse im Haus, dann wird der Zeitwert an Schaden erstattet. Das heißt, für Risse, die ich im Haus habe, bekomme ich dann 1.400 € oder ähnliches, damit der Putz zugeschmiert und die Farbe drüber gestrichen wird. Aber damit habe ich trotzdem ein beschädigtes Haus.“

„Ich sehe das als Problem an, Frau Göttsche, den Zeit- und Neuwert. Das ist für Hausbesitzer wirklich ärgerlich.“ Sabine Hübner vertritt das Klimabündnis Karlsruhe, ein Zusammenschluss lokaler zivilgesellschaftlicher Organisationen und Einzelpersonen – und die sind für mehr Geothermie. „Wir haben in der EU 300.000 Menschen, die jährlich aufgrund von Luftverschmutzung durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe frühzeitig versterben. Und da fällt es mir ganz schwer in dieser Relation, was passiert, wenn wir die Klimakrise weiterlaufen lassen und was passiert; wir kennen keinen Menschen, der zum Beispiel durch die Geothermie zu Tode kam.“

Auch die Klimarisiken treffen irgendwann den einzelnen

Der Streit dreht sich um persönlichen Wertverlust und lokale Risiken. In dem Maße, wie die Klimakrise sich verschärft, werden aber auch die globalen Risiken jeden einzelnen betreffen. Kann das die Akzeptanz erhöhen? Volker Stelzer, Vertreter der Scientists for Future in Karlsruhe:

„Die Holländer, das muss man sich vorstellen, die haben Erdbeben nicht durch Fracking, sondern durch ihr konventionelles Gasfeld. Die haben erst gesagt, sie fahren das runter. Das ist eine ihrer Haupteinnahmequellen. Und jetzt wegen dem Ukrainekrieg fahren sie es wieder hoch. Ich ziehe den Hut vor den Holländern, dass sie sagen, wir nehmen die Entscheidung zurück. Wir pausieren damit. Nächstes oder übernächstes Jahr gehen wir raus, aber erstmal nehmen wir mehr Schäden in Kauf.“

Im Jahr der Gaskrise ist der Preis für die fossilen Energieträger Gas und Öl in die Höhe geschnellt. Das Interesse an der heimischen Energiequelle in der Erde wächst. Dazu kommt politische Unterstützung für die Infrastruktur: Die „Bundesförderung effiziente Wärmenetze“ trat im Sommer 2022 in Kraft. Damit zahlt der Bund in den nächsten vier Jahren bis zu drei Milliarden Euro für den Ausbau von Fernwärmenetzen.

Der Widerstand gegen die Geothermie im Rheingraben besteht fort, befeuert etwa durch ein Erdbeben in Straßburg: auf der französischen Seite hatte man nach Erdwärme gebohrt. Ein Ampelsystem sollte auch dort solche Ereignisse verhindern. Und doch bebte im Dezember 2020 die Erde mit einer Stärke von 3,6.

Geothermie nicht vollständig kalkulierbar

„Gibt es denn Beispiele, wo diese Ampeln funktioniert haben?“ „Im Moment wüsste ich jetzt ehrlich gesagt keines.“ Joachim Ritter ist Geophysiker am Karlsruhe Institut für Technologie. Er ist skeptisch, ob sich spürbare Erdbeben bei der Geothermie im Rheingraben sicher verhindern lassen. „Wir wissen von Projekten, wo wir diese Mikroseismizität gesehen haben und aus verschiedensten Gründen wurde eben dann nicht gestoppt, sondern es wurde weitergemacht. Teilweise war es versehentlich, teilweise, wie es vermutlich in Frankreich war, wurden da einfach grobe Fehler begangen.“

Der Firmenchef der Deutschen ErdWärme, Herbert Pohl, verweist auf den Lerneffekt für die Tiefengeothermie im Rheingraben. Darin unterschieden sich die Projekte seiner Firma von denen in Frankreich und von anderen erdbebenträchtigen Bohrvorhaben. „Wir bohren nicht in das Grundgebirge hinein. Was ist das Grundgebirge? Das Grundgebirge ist das im Erdinneren, der harte Kern. Das besteht aus Granit, aus Schiefer, aus einem harten Gestein. Wenn Sie da hineinbohren, dann haben Sie immer ein Restrisiko von seismischen Aktivitäten, sprich Erdbeben. Wir bohren in Gesteinsschichten, die mehrere 100 Meter darüber liegen, in den Buntsandstein, in den Muschelkalk. Das sind sehr poröse, sehr weiche Gesteine, die nicht unter Spannung stehen und von daher sich als Reservoire deutlich besser eignen als das Grundgebirge.“

Der Geophysiker Joachim Ritter teilt diese Einschätzung nur teilweise. „Wenn ich vom Gebirge wegbleibe, ist es sicherlich erst einmal eine sinnvolle Maßnahme. Ich muss mir aber da natürlich auch sicher sein, wenn ich ein Fluid injizierte, dass das nicht nach unten, ins Grundgebirge nach und nach durchsickert. Da sollte man natürlich Indikatoren haben und sobald man das macht, dann überprüfen, stimmt diese Annahme? Ist das wirklich dicht und es kann nichts weiter fließen?“

Wenn Wasser über Störflächen im Gestein ins tektonisch gespannte Grundgebirge gerät, kann es dort wie ein Schmiermittel wirken und feste Gesteinsblöcke können sich doch ruckhaft bewegen und Erdbeben auslösen. „Da muss man jetzt aber auch sagen, das sind neue Entwicklungen, die muss man jetzt wirklich auch mal testen. Und wenn man nicht die Chance hat, sie zu testen, dann kann man natürlich auch nicht schauen, wie man diese Technologien weiterentwickeln kann.“

Wie bekommen Stadtwerke geologisches Know-How?

Die Bedingungen dafür sind gut, denn das Interesse an der Geothermie ist so hoch wie nie. Birgit Schwegle, Geschäftsführerin der Umwelt- und Energieagentur im Landkreis Karlsruhe: „Wir kommen eigentlich nicht hinterher. Also sowohl jetzt bei einzelnen Bürgern, aber auch bei Unternehmen. Wir haben sehr viele Veranstaltungen für Unternehmen gemacht. Und da ist die Bereitschaft, sich an unsere Wärmenetze anzuschließen, die ist enorm.“

Den Vorwurf mancher Geothermiegegner, es ginge Unternehmen wie der Deutschen ErdWärme nur darum, Strom einzuspeisen, ohne die weniger profitable Wärme mitzudenken, sieht Birgit Schwegle nicht. „Wir haben Energiedichten erhoben, wo wir in den Straßenzügen auch im Wohnungsbau höhere Dichten haben, wie jetzt, bei Einfamilienhäusern, so kleinen Häuschen, die nicht viel Energie brauchen oder die man gut sanieren kann. Also diese Ausbauszenarien haben wir abgebildet. Jetzt gilt es, dass wir die Kommunikation nachziehen, dass der Bürger weiß: Okay, 2028 bin ich hier mit meiner Trasse.“

Während die Energieagenturen in Baden-Württemberg diese Planung schon seit 14 Jahren durchführen, ist man in anderen Teilen Deutschlands noch nicht so weit. Inga Moeck leitet am Leibniz-Institut für Angewandte Geophysik in Hannover das GeotIS, das geothermische Informationssystem Deutschland. „Natürlich muss sich so ein Stadtwerk auch Gedanken machen, wie sie den geologischen Untergrund erkunden und erschließen. Und das ist eigentlich überhaupt nicht im Arbeitsbereich dieser Stadtwerke. Die waren ja bisher eher Verteiler von Energie. Und dann haben die sicher nie über das Bohren und Erschließen von Erdgas kümmern müssen. Das wurde denen ja geliefert. Und jetzt auf einmal müssen die sich kümmern: Wie sieht der geologische Untergrund aus? Wie bohre ich überhaupt? Das können die nicht.“

Im GeotIS sind Daten von über 30.000 Bohrungen verzeichnet. Die meisten stammen aus der Öl- und Gasförderung, einige von Thermal- oder Mineralwasserbohrungen. Eine geothermische Schatzkarte, die lokale Energieversorger nicht unbedingt lesen können. „Im Grunde muss es Partner geben, die geologische Kompetenz haben. Ich denke da ganz oft an die Kohlenwasserstoffbetriebe, die sich eigentlich jetzt umorientieren müssten und Geothermie erschließen müssten als Partner von Stadtwerken.“

Die Geothermieanlage bei Dorfen/Attenhausen (Bayern) steht auf einem Hügel.

Bohrturm in ländlicher Idylle – ganz ohne optische Kollateralschäden kommt auch die Erdwärme-Gewinnung nicht aus. (imago/argum/Falk Heller)

Hohes Fehlbohrungs-Risiko in Norddeutschland

Norddeutschland ist die dritte heiße Region Deutschlands. Ein riesiges Sedimentbecken zwischen der niederländischen und der polnischen Grenze. Doch hier spielt Geothermie keine Rolle – abgesehen von wenigen Anlagen, die noch aus der Zeit der DDR stammen. Der Grund ist das Risiko, dass eine Bohrung am Ende trocken bleibt. Inga Moeck:

„Da wissen wir aus unseren Daten, dass tiefer als zwei Kilometer das Erschließungsrisiko höher wird. Einfach deswegen, weil die unglaubliche Gesteinslast von zwei Kilometern dann auf so einem Reservoir liegt und dann wird es zusammengedrückt; so kann man sich das vorstellen. So ein Schwamm, wenn ich den nicht zusammendrücke, sieht der sehr schön aus. Aber wenn ich ihn zusammendrücke, sind alle Poren zusammengedrückt. So muss man sich das beim Gestein eben auch entsprechend vorstellen.“

Eine tiefe Erdwärmebohrung kostet zwischen 20 und 30 Millionen Euro – bei einem Fehlschlag ist das ein kaum zu schulterndes Risiko für kommunale Unternehmen. Dazu kommt: Die Wärmewende muss schnell vonstatten gehen – und das Fündigkeitsrisiko wirkt als erhebliche Bremse. Auch eine geplante Fündigkeitsversicherung des Staates löst das Problem nicht ganz.

„Der Bund hat ja jetzt nicht unendlich viel Geld, sondern eben begrenzte Mittel. Da muss ich mich fragen, mit welchen Geldmitteln erreiche ich möglichst viele Kommunen, dass also nicht nur eine, zwei oder drei Regionen was abbekommen, sondern dass ich eigentlich versuche, Deutschland zu erreichen und nicht nur eine Region.“

Neues Konzept: Mitteltiefe Bohrung plus Wärmepumpe

Die Lösung: Vielleicht muss gar nicht so tief gebohrt werden: Vielleicht reichen schon 1.000 bis 1.500 Meter. „Da haben wir früher nicht drauf geguckt, weil nämlich eine interessante Sache jetzt, in den letzten Jahren sich entwickelt hat: Im Wärmepumpensektor haben sich Hochtemperatur-Wärmepumpen entwickelt. Und mit diesen Hochtemperaturwärmepumpen wird es möglich, 50 Grad bis 60 Grad Celsius aus dem Untergrund zu nutzen und die auf 80 Grad zu heben und in ein Fernwärmenetz zu bringen.“

In Schwerin-Lankow wurde ab 2018 nur 1.200 Meter tief gebohrt – gerade mal ein Drittel so tief wie bei Geothermieanlagen im Süden Deutschlands. Das Thermalwasser ist hier nur 50 Grad Celsius warm, doch dank der neuartigen Großwärmepumpe deckt die Landeshauptstadt nun auf Schlag ein Sechstel ihres Wärmebedarfs aus Erdwärme. Das bestehende Fernwärmenetz kann direkt genutzt werden.

„Wir haben sehr viele geothermisch nutzbare Bereiche in diesen mittleren Tiefen, 1000 bis 2000 Meter. Der zweite Vorteil bei dieser mitteltiefen Geothermie ist: Sie ist planbar, weil ich eben ein geringeres Erschließungsrisiko habe. Und wenn die Wärmepumpe dann auch noch durch Windstrom oder mit Biogas betrieben wird, weil es eine Gasmotorenwärmepumpe ist, dann bin ich völlig erneuerbar im Wärmesektor.“

Gefragter Rohstoff Lithium als Bohr-Dreingabe

„Das bietet alles ein großes Potenzial.“ Die tiefe Geothermie könnte sogar noch mehr, sagt Valentin Goldberg vom Karlsruher Institut für Technologie. Ein regelrechter Hype ist um das Metall Lithium ausgebrochen, essenzielle Zutat für die Akkus von Elektroautos und Stromspeichern. Als Salz im Thermalwasser gelöst, gibt es zumindest an manchen der Geothermiestandorte in Deutschland förderwürdige Mengen.

„Das ist auf jeden Fall eine große Chance in der Rohstoffverantwortlichkeit, dass da Deutschland einfach aktiver wird, eine heimische Ressource zu erschließen.“ Derzeit kommt das Lithium vor allem aus Südamerika, verarbeitet wird es größtenteils in China. „Wir sehen ja auch aktuell, wie wichtig es ist, dass man eine gewisse Unabhängigkeit hat.“

Der Geowissenschaftler hat sich den Hype, den einzelne Firmen derzeit befeuern, kritisch angeschaut: Zwei bis dreizehn Prozent des deutschen Lithium-Bedarfs für die Akkufertigung ließe sich decken, was Deutschland auch beim Hightech-Metall ein Stück unabhängiger machen könnte. Jedenfalls, wenn die Extraktion aus dem Thermalwasser technisch gelingt. Und das ist noch nicht sicher.

„Wir haben jetzt kleine Prototypentests. Das heißt, man muss danach den Prozess hochskalieren und sollte diese kleineren Anlagen eigentlich über einen längeren Zeitraum von mindestens über einem Jahr testen. Und dann muss man die Industrieanlage skalieren. Das heißt, bis das wirklich funktioniert, sage ich jetzt mal aus meiner außenstehenden Perspektive, kann man da schon noch von drei Jahren oder mehr ausgehen, bis man dann mal wirklich in einen industriellen Prozess reinkommt.“

Ein Bohrloch könnte auch im besten Fall nicht ewig Lithium liefern. Aber die Metallgewinnung könnte die Zahl neuer Bohrungen schneller ansteigen lassen und damit die Wärmewende beschleunigen. Kritiker fürchten, auch zwielichtige Investoren könnten auf den Plan gerufen werden, die mehr aufs schnelle Geld aus sind als auf eine nachhaltige Energieversorgung.

Tiefengeothermie – auf lange Sicht alternativlos?

Dennoch glaubt keiner der Akteure momentan, dass es noch ein Zurück gibt: Die interessierten Wärmekunden, mit denen Birgit Schwegle im Gespräch ist, wollen dabei bleiben. Selbst wenn die Preise für Heizöl und Erdgas wieder sinken sollten. „Für die ist nicht der Preis das Ausschlaggebende, sondern sie wollen jetzt mal wieder Ruhe haben. Das ist echt das Thema. Fernwärme-ready ist auch so ein Stichwort, was sie uns mitgegeben haben. Macht uns einfach ein Paket, schnürt uns ein Paket und wir machen mit.“

Die Gegner der Geothermie im Südwesten, Anja Göttsche und Thomas Hans, wünschen sich mehr Offenheit – und zwar von Anfang an: „Also Transparenz. Der Zug ist leider abgefahren. Hier hat schon eine Polarisierung stattgefunden. Hier gibt es schon Probleme innerhalb der Gesellschaft. Wie man das wieder auf einen guten Stand bringen soll, das weiß ich nicht.“

Die Unternehmen vor Ort haben das längst begriffen – Informationsveranstaltungen, aber auch Besuche auf der Baustelle gehören ins Programm. Sabine Hübner vom Klimabündnis Karlsruhe sagt: einen gewissen Widerstand muss die Gesellschaft vielleicht einfach aushalten: „Die einen wollen die Windkraftanlage nicht, die anderen wollen den Strom, aber die Stromtrasse nicht. Und diese vielen Bürgerinitiativen, die auf sehr vielen Bereichen gegen etwas sind, was vor ihrer Haustür liegt oder geschieht, halten uns im Grunde genommen auf, die Energie- und Wärmewende voranzutreiben.“

Das Ausbauziel der Bundesregierung von zehn Terawattstunden bis 2030 ist ehrgeizig, weil das Tempo noch deutlich anziehen muss. Zwar liefern auch 10 Terawattstunden mehr kaum ein Prozent des heutigen Wärmebedarfs. Doch gerade für Städte, deren Fernwärmenetze schon bestehen, können die neuen Tiefenbohrungen helfen. Kohlekraftwerke oder Raffinerien, deren Abwärme noch als Heizwärme genutzt wird, erfordern ohnehin bald umweltfreundlichen Ersatz. Die Europäische Kommission will die Verfeuerung von Holz und Biomasse begrenzen. Deshalb führt aus Sicht von Benjamin Richter, der mit vielen Stadtwerken im Gespräch ist, kein Weg mehr an der tiefen Erdwärme vorbei.

„Wie sieht denn 2050 die Energiewelt aus, wenn wir keinen fossilen Brennstoff mehr haben? Da bliebe nicht mehr viel übrig. Es ist klar, wir können unsere Siedlungsabfälle verbrennen. Wir können Abwärme aus Fabriken nutzen, die heute in die Umgebung abgegeben wird. Aber dann wird es schon eng. Und da bleibt eigentlich ja außer Strom, der nicht ganzjährig und nachts und in Dunkelflauten zur Verfügung steht, eigentlich nur noch die Tiefengeothermie.“



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