Ein oscarnominierter Tritt in die Magengrube


Wie nah dürfen sich Freunde sein? Der belgische Regisseur Lukas Dhont erzählt von der zerstörerischen Macht des Schubladendenkens, bis an die Schmerzgrenze. 

Léo (2.v.r.) im Blumenfeld seiner Eltern

Léo (2.v.r.) im Blumenfeld seiner ElternMenuet/Diaphana Films/Topkapi Films/Versus Production

Léo und Rémi flittern mit ihren Rädern vorbei an Chrysanthemen-Feldern, purpurn, golden, bordeauxrot. Die beiden Jungs, vielleicht zwölf Jahre jung, sie strahlen: Sie strahlen einander an und strahlen große Freude aus, man kann, man will sich nicht entziehen. Wenn Rémi Oboe übt, träumt Léo schon von dessen Weltkarriere – und dass er Rémi dann als Manager begleiten mag, rund um den Planeten. Wenn der Tag sich dem Ende neigt und die Abendsonne dramatisch hinter den Blumen verschwindet, auch dann bleiben sie am liebsten beieinander. Und wenn Rémi grübelt und nicht schlafen kann, ersinnt Léo eine fantastische Geschichte, die den Stunden die Schwere nimmt.

„Close“: Belgisches Coming-of-Age-Drama

Doch in der Schule, wo die beiden schon mal den Kopf auf die Schulter des anderen legen, wird getuschelt: Mädchen wollen wissen, ob die beiden ein Paar seien – sie sollten es doch ruhig zugeben! Als die Jungs ihn „Schwuchtel“ nennen, sieht Léo keinen anderen Weg mehr, als sich Rémi zu entziehen: Er „vergisst“, ihn morgens mit dem Rad abzuholen. Er schließt sich dem Eishockey-Team der Schule an, wo er sich trotz unruhig flackernden Augen hinter einer harten Macho-Rüstung verschanzt. Rémi wiederum weiß nicht, wie ihm geschieht. Er klammert an Léo, zumindest eine Weile. Dann wendet auch er sich ab, auf eine Weise, die Léo nicht für möglich gehalten hätte.

Wer den Film „Close“ durchhält, wird belohnt

Der Film, der seine Zuschauer anfangs mit seinen fast schon kitschig schönen Bildern einlullt, tritt ihnen zur Halbzeit hart in die Magengrube. Und wenn man schon am Boden liegt, dann tritt er noch mal zu. Wer den Schmerz aushalten kann, wird belohnt: Regisseur Lukas Dhont, 31, erzählt in diesem seinem zweiten Spielfilm von einer Zärtlichkeit, die vieldeutig zwischen Freundschaft und Liebe schillert. Die Ambivalenz ist eine große Stärke dieses belgischen Coming-of-Age-Dramas, das in Cannes schon den Großen Preis der Jury gewann – und nun auch als potenziell bester fremdsprachiger Film für den Oscar nominiert ist. Und er erzählt davon, wie die Gesellschaft in ihrem Drang, alles zu kategorisieren und vermeintlich „unmännliches“ Verhalten abzustrafen, Seelen zerstört.

Schon in seinem in Cannes ausgezeichneten Debütfilm „Girl“ (2018) über eine junge Trans-Ballerina, da ging es Dhont darum, Geschlechterklischees zu hinterfragen. Mit Eden Dambrine (Léo) und Gustav De Waele (Rémi) hat Dhont auch diesmal zwei Jungdarsteller gefunden, die dem Stoff gewachsen sind. „Close“ ist ein bittersüßes Selbstfindungsdrama darüber, wie die Schwerkräfte der Gesellschaft bis ins Intimste eindringen. Gen Ende reicht der durch und durch sehenswerte Film den Zuschauern übrigens dann doch noch wieder die Hand, um sie aufzurichten. Ob man diese Hand ergreifen will, auch das ist dann wohl eine Frage des Herzens.

Close. Spielfilm, 105 Minuten, Regie: Lukas Dhont, ab 26. Januar im Kino



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