„Ein Anlass zum Verweilen“


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Michael Nguyen im Gespräch. c © michael-nguyen.jpg

Der Gautinger Fotograf Michael Nguyen spricht über seine Inspiration und Leidenschaft

Gauting/Martinsried – Der Fotokünstler und Dokumentarfotograf Michael Nguyen lebt in Gauting und ist Mitbegründer des Online-Foto-Magazins Tagree. Nun stellt er 34 seiner fotografischen Werke unter dem Titel „Klarheit des Sehens, Fantasie der Deutung“ im Foyer des Max-Planck-Instituts in Martinsried aus. Die Ausstellung ist vom 24. Oktober bis zum 9. Dezember im Max-Planck-Institut für Biochemie (MPI) in Martinsried (Am Klopferspitz 18), zu sehen. Unsere Mitarbeiterin Miriam Pietrangeli-Ankermann hat mit dem Künstler gesprochen.

Herr Nguyen, wie kamen Sie zur Fotografie?

Ich habe keine formale Ausbildung in Fotografie. Ich bin gelernter Krankenpfleger und habe nach meiner Ausbildung auf Intensivstationen, in Rettungsstellen und auf dem Notarztwagen gearbeitet. Während dieser Arbeit wurde ich mit großem Leid und Tod konfrontiert. Das hatte sicherlich einen Einfluss auf meine fotografische Arbeit. Viele meiner Fotos sind, wie man sehen kann, melancholisch und manchmal etwas düster. Zur Fotografie bin ich gekommen, als ich als Journalist für Kunst und Kultur tätig war. Eines meiner Hauptthemen war „Griechenland“, und da gab es viel mit Fotografie zu tun. In enger Zusammenarbeit mit Dr. Matthias Harder (heute Direktor der Helmut Newton Stiftung, Berlin, Anm. d. Red.) haben wir die Grundlagen für das Verständnis der Fotografien von Herbert List und Walter Hege gelegt. Aus diesen Erfahrungen lernend, begann ich, selbst Kunst zu machen, zunächst als Schriftsteller und Collagenkünstler. 1988 kaufte ich meine erste Kamera und begann zu fotografieren. Aus persönlichen Gründen habe ich mich dann für viele Jahre von der Kunst zurückgezogen. In den späten Achtzigern und frühen Neunzigern war ich in der Berliner Underground-Kunstszene aktiv. Damals habe ich mit der Kunst nicht genug Geld verdient, um meinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Schweren Herzens entschied ich mich, in meinen medizinischen Beruf zurückzukehren, in dem ich bis 2018 tätig war. 1996 wurden nach einem Wasserschaden im Keller des Wohnhauses, in dem ich lebte, viele Negative aus den Jahren 1988 bis 1996 beschädigt. Ich verbrachte Ende 2018 zunächst Monate damit, die Negative zu restaurieren, und scannte sie ein. Seitdem widme ich mich ohne große Zwänge wieder voll und ganz der Kunst und freue mich, als freischaffender Fotograf und Künstler zu arbeiten. Es war also nicht wirklich eine Pause, sondern eine Unterbrechung. Und in gewisser Weise ermöglichte sie mir einen ganz neuen Start mit neuen Perspektiven und Zielen.

Welche Motive fesseln Sie?

Es sind vier Motiv-Bereiche, die mich fesseln und begeistern. Fassaden von Bauwerken, weil Gebäude für mich keine statischen Objekte mit vier Wänden und einem Dach sind. Sie sind Skulpturen. Die Gestaltung aus Ziegeln, Glas, Holz oder anderen Materialien, die Architekten nutzen, sind ihre „Kleider“, die unsere Städte und urbanen Räume schöner und lebendiger machen. Dann fesseln mich Lichtspiele und Reflexionen. Ich fange magische Stimmungen ein. Reflektierende Oberflächen regen zum Nachdenken an. Der Blick in ein Spiegelbild eröffnet neue Perspektiven, der Betrachter ist eingeladen, ganz genau hinzusehen. Ebenso urbane Elemente und Details, bei denen ich mich bei meiner Ausarbeitung auf das Geometrische, das Symmetrische und die Formen und Farben im Detail konzentriere. Die mannigfaltige Umgebung lasse ich beiseite. Und ich liebe Schatten. Sie sind wie Yin und Yang, Unordnung und Ordnung, Feuer und Wasser. Das Wechselspiel zwischen diesen Elementen macht alles interessant. Das Licht wirft den Schatten… der Schatten zaubert.

Was inspiriert Sie?

Das Sehen und das Wahrnehmen. Ich versuche, jeden Tag mit offenen Augen durch die Welt zu gehen und meine Umgebung sehr bewusst wahrzunehmen. Was nimmt ein Mensch in seiner Umgebung wahr? Das Sehen und das Nicht-Sehen in unserem Alltag und in unserem Umfeld ist Thema und inspiriert mich in meiner künstlerischen Fotografie in den vorher genannten vier Bereichen. Viele Menschen sind, wenn sie außerhalb ihrer Wohnung unterwegs sind, mit unterschiedlichen Gedanken beschäftigt. Probleme innerhalb der Familie, in der Partnerschaft, Stress am Arbeitsplatz. Ukraine-Krieg, Corona, finanzielle Sorgen. Dies hat Einfluss auf unsere Wahrnehmung, sei es auf dem Weg zur Arbeit, zum Einkaufen oder bei anderen Aktivitäten. Wenn wir jedoch „Tiefer Sehen“ kann dies für uns eine Bereicherung sein.

Erzählen Sie über die Ausstellung „Klarheit des Sehens, Fantasie der Deutung“, wieso haben Sie diesen Titel gewählt?

Den Titel der Ausstellung hat Rainer Funke, ein Professor für Designtheorie gewählt, der einen Text zu den Bildern der Ausstellung geschrieben hat und sagt, dass meine Bilder einen Anlass zum Verweilen bieten. Einen solchen Anlass zu erzeugen, würde mir gelingen, indem ich durch Reduktion und Pointierung Klarheit im Sehen und Herausforderung in der Deutung schaffe.

Welche Geschichten gibt es zu den ausgestellten Fotografien und welches Lieblingsfoto hängt in der Ausstellung?

Geschichten gibt es viele. Ich möchte sie hier nicht erzählen, weil es den Rahmen sprengen würde und ich bei den Betrachtern der Bilder unterschiedliche Assoziationen wecken möchte. Ich habe zwei Lieblingsbilder, zum einen das Foto mit dem Titel „Planare Aufstellung der Zeit/Planare Aufstellung der Zeit“. Es zeigt Architektur im Düsseldorfer Medienhafen. Auf den ersten Blick sieht das Foto aus wie eine gerade Collage aus drei vertikalen Teilen. Es handelt sich jedoch um eine reale Szene, die aus einer bestimmten Perspektive aufgenommen wurde, um drei verschiedene dreidimensionale Strukturen in einer zweidimensionalen Ebene zu zeigen. Die zwei Gebäude repräsentieren drei verschiedene Architekturstile, deren Erscheinungsbild die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft widerspiegelt. Das zweite Bild ist ein Motiv, das ich in Berlin aufgenommen habe. Es hat den Titel „Shadow of an EKG | Schatten eines EKGs“ und zeigt ein faszinierendes Schattenspiel – eine Hausfassade wird renoviert. In einem der oberen Stockwerke steht ein rot-weißer Bau-Kegel auf einem Baugerüst vor schwarzem Hintergrund. Durch den schwarzen Hintergrund wirft der Kegel seinen Schatten durch eine Öffnung zwischen Gerüst und Wand auf die Wand des darunter liegenden Stockwerks.

Wie kam es zur Gründung des Tagree-Magazins?

Ich habe das Tagree-Magazin zusammen mit einem Freund gegründet. Wir haben in den frühen Neunzigern kulturell viel zusammengearbeitet, und nach all den Jahren hatten wir die Idee, wieder eine Zeitschrift herauszugeben und diese kulturelle Arbeit zu genießen. Er ist für die verlegerische Seite zuständig, ich für die redaktionelle Seite.

Welche Projekte haben Sie als Nächstes geplant?

Aktuell arbeite ich an zwei Projekten mit der Buchendorfer Künstlerin Susanne Kotrus, die Fotografien von mir als Grundlage für Transferlithografien nimmt. Sie zeigt somit Kunstprojekte der Fotografie und deren drucktechnische „Transformation“. Die Transferlithografie ist ein Abenteuer. Mit dieser Technik können Motive mithilfe von Laserkopien in künstlerische Arbeiten übertragen werden. Ergänzt werden kann dies durch Zeichnungen, Malerei und Collagetechniken. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Im zweiten Projekt werden wir großformatige Fotografien von mir wählen, die sie an bestimmten Stellen mit Acrylfarbe übermalt.



Quellenlink https://www.merkur.de/lokales/starnberg/ein-anlass-zum-verweilen-91868762.html?cmp=defrss