Dr. Diepold und das Gespräch seines Lebens


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Von: Thomas Zimmerly

Bequemer als auf dem Dach: Lebensretter Dr. Dominik Diepold mit seinem Dackel Gusti auf einer Bank vor seinem Haus/Praxis in Neuhimmelreich.
Bequemer als auf dem Dach: Lebensretter Dr. Dominik Diepold mit seinem Dackel Gusti auf einer Bank vor seinem Haus/Praxis in Neuhimmelreich. © zimmerly

Dr. Dominik Diepold wird am kommenden Montag mit der Bayerischen Rettungsmedaille ausgezeichnet. Der 35-Jährige hat sein Leben riskiert, als er einen Nachbarn vom First eines Dachauer Stadthauses herunter lotste. Der 79-Jährige wollte sich vom Dach in den Tod stürzen, nachdem sein Hund überfahren wurde.

Dachau – Auf der Fahrt in den Slowenien-Urlaub mit der ganzen Familie vor ein paar Tagen surrte irgendwo auf der Autobahn das Handy von Dr. Dominik Diepold (35). Ehefrau Leni (35), die Kinder Anton (9) und Alois (4) sowie fünf Hundeaugenpaare blickten ihn an.

Nach einigem Zögern nahm der Tierarzt aus Neuhimmelreich, der sich auf die Behandlung von Hunden spezialisiert hat, das Gespräch an. Es war das Vorzimmer von Markus Söder. Die Dame am Ende der Leitung flötete, dass der Herr Ministerpräsident gedenke, Herrn Diepold die Bayerische Rettungsmedaille zu überreichen.

Dachauer Tierarzt bekommt Bayerische Rettungsmedaille

„Habe ich was verpasst?“, fragte der Familienvater in die aufmerksame Runde im Auto. Hat er. Den Brief zu öffnen, den die Staatskanzlei vor einiger Zeit geschickt hatte und der seither irgendwo im Haus der Familie herumlag. In diesem stand, dass der Herr Diepold unter Einsatz des eigenen Lebens einen Menschen aus Lebensgefahr gerettet habe.

Genauer gesagt, brachte es der 35-Jährige fertig, seinen Nachbarn (79) davon abzuhalten, vom Dachfirst eines Dachauer Stadthauses in den Tod zu springen – nachdem er in 14 Metern Höhe eine dreiviertel Stunde neben dem Lebensmüden auf den Dachziegeln hockte und unermüdlich auf ihn eingeredet hatte.

Nachdem Hund überfahren wurde: 79-Jähriger will sich vom Hausdach in Tod stürzen

Es ist der 13. Juli 2020. Die Geschichte der Rettung beginnt mit einem Unfall und endet in einer Aktion, die die Kreisstadt selten gesehen haben dürfte. Der an Demenz leidende Nachbar führt seine beiden Königspudel an der Leine Gassi. Lola, der dritte Hund, trottet unangeleint hinterher. An einem Zebrastreifen wird der 16 Jahre alte Mischling, der Liebling des alten Mannes, von einem Auto überfahren.

Zur selben Zeit ist zufällig auch Dominik Diepold in der Nähe unterwegs. Er wohnt nur zwei Häuser von dem 79-Jährigen entfernt. Man kennt sich seit Langem. Er bekommt das Geschehen mit und eilt zum Unfallort. „Ich habe ihn hilflos da stehen sehen“, erinnert sich der 35-Jährige. Er verständigt Monika Trejo-Liedl, die Ehefrau seines Nachbarn, hilft ihr, die tote Lola ins Auto zu schaffen und geht nach Hause; nichts ahnend, dass seine Hilfe schon bald wieder gefragt ist – und wie.

Nach Tod von Lieblingshund: Welt des 75-jährigen bricht zusammen

Monika Trejo-Liedl erinnert sich, dass ihr Mann völlig verwirrt gewesen sei und gedacht habe, dass Lola wieder aufwacht. Als ihm seine Frau klar macht, dass der Mischling tot ist, muss für den 79-Jährigen eine Welt zusammengebrochen sein. Der schwer kranke Mann hat fortan nur noch einen Gedanken: sich das Leben zu nehmen.

Es ist heiß in der Dachauer Altstadt. Laura Diepold, Dominiks Mutter, sitzt im Garten. Sie wohnt im Haus nebenan. Irgendwann blickt sie hoch – und bekommt den Schreck ihres Lebens. Ganz oben auf dem Dachfirst sitzt ihr Nachbar, nur mit einer Unterhose bekleidet.

Als ich ihn gesehen habe, dachte ich: Der wird in den nächsten Sekunden runterfallen, und es wird einen dumpfen Schlag geben.“

Laura Diepold ist Mitglied des Kriseninterventionsteams des Roten Kreuzes Dachau. Sie verständigt nicht Monika Trejo-Liedl, sie ruft nicht sofort die Feuerwehr, sie telefoniert mit ihrem Sohn. Denn der ist schneller als alle anderen. „Er ist über den Zaun, durch den Garten ins Nachbarhaus gerannt“, erinnert sie sich.

Wie später herauskommt, wusste der Lebensmüde von einem Ersatzschlüssel der Besitzer der Wohnung im zweiten Stock. Er besorgte sich diesen, gelangte über den Balkon dieser Wohnung aufs Dach und von dort aus über die Kaminkehrertritte ganz nach oben auf den First.

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Um Nachbarn zu retten: Dachauer Tierarzt riskiert eigenes Leben

Dominik Diepold hat Glück, die Wohnungstür im zweiten Stock steht noch offen. So kann auch er wenig später aufs Dach gelangen. Allerdings trägt er Crocs. Die pantoffelartigen Gummischuhe sind zwar bequem, aber fürs Herumturnen auf Hausdächern völlig ungeeignet. Also geht es barfuß nach oben.

Auch ich hatte Schiss, da runterzurutschen!“

„Als ich ihn gesehen habe, dachte ich: Der wird in den nächsten Sekunden runterfallen, und es wird einen dumpfen Schlag geben“, erinnert sich der 35-Jährige. Und klar: „Auch ich hatte Schiss, da runterzurutschen!“

Allerdings: Bevor er sein Tierarztstudium aufnahm, war er drei Jahre lang hauptamtlicher Rettungsassistent. „Ich habe da schon viel gesehen. Für mich war das nicht die Extremextrem-Situation!“ Nur: Wie sollte er nun mit dem Lebensmüden kommunizieren? Wie soll es gelingen, dass er nicht springt?

Dachauer Tierarzt verwickelt lebensmüden Nachbarn in ein Gespräch

Während Diepold oben mitbekommt, wie in der Tiefe nach und nach ein Großaufgebot an Polizei, Feuerwehr, Ärzten sowie der im Landkreis Dachau bekannte, mittlerweile verstorbene Notfall- und Feuerwehrseelsorger Albert Wenning anrücken und ein Sprungtuch ausgebreitet wird, kommt ihm eine Idee: „Ich wusste, dass er gerne am Ammersee segelt. Also habe mit ihm übers Segeln gesprochen.“ Das beruhigt den Nachbarn zunächst.

Doch dann rutscht der alte Mann plötzlich in Richtung Hauskante. Und Diepold hinterher. In kleinen Hopsern bewegen sich die beiden Männer immer näher ans Ende des Daches. Bis Diepold fragt: „Wie spät ist es?“ Der 79-Jährige hält ihm daraufhin den Arm mit der Armbanduhr entgegen – und Diepold greift kräftig zu. Mit einer Hand hält er den nun Lebensmüden, mit der anderen umklammert er den Antennenmast. Mit aller Kraft gelingt es ihm, seinen Nachbarn an sich zu ziehen.

Diepold: „Ich habe dann gesagt: Komm, wir gehen jetzt. Und er hat gemeint: Du warst schon immer ein schlaues Bürschchen.“ Langsam geht es am First entlang zurück und über die Kaminkehrerstufen auf den Balkon. Dort werden die beiden von Feuerwehrleuten, Polizisten und einem Arzt empfangen. Die Helfer bringen den 79-Jährigen in die psychiatrische Klinik in Fürstenfeldbruck. Dominik Diepold hört gerade noch mit einem Ohr: „Das haben Sie gut gemacht!“ Dann schlüpft er in seine Crocs und geht heim.

Am kommenden Montag wird Dr. Dominik Diepold edleres Schuhwerk tragen, obwohl man im Antiquarium der Münchner Residenz durchaus mit Crocs auftreten könnte. Um 15 Uhr bekommt er die Rettungsmedaille ausgehändigt. Er wird den Termin nicht verpassen, sagt er.

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Quellenlink https://www.merkur.de/lokales/dachau/rettungsmedaille-dachau-dr-diepold-und-das-gespraech-seines-lebens-91808069.html?cmp=defrss