Deshalb haben es Start-ups derzeit schwer


Frankfurt/Berlin Lange Jahre war die Stimmung auf dem deutschen Markt für Risikokapital bestens. Die Venture-Capital-Fonds meldeten gestützt von den niedrigen Zinsen immer neue Rekorde beim Einsammeln neuer Gelder und die Bewertungen der Start-ups schossen in schwindelerregende Höhen. Doch der Boom ist vorbei, das Geschäftsklima auf dem deutschen Venture-Capital-Markt hat sich zum Jahresende extrem eingetrübt. Nachdem die Talfahrt im Spätsommer kurz stoppte, gab es im Schlussquartal erneut einen Stimmungseinbruch.

Das von der Förderbank KfW und dem Branchenverband BVK erstellte Investorenbarometer sackte um 25,6 Zähler auf minus 42,9 Punkte ab. Abgesehen vom beispiellosen Coronaschock im ersten Quartal 2020 war die Stimmung der Investoren, die sich an jungen Wachstumsunternehmen beteiligen, zuletzt vor rund 20 Jahren schlechter.

„Zum Jahresende hat sich ein Sturm verschiedenster Faktoren zusammengebraut, der die Venture-Capital-Stimmung weiter in den Keller gedrückt hat“, meint Ulrike Hinrichs, geschäftsführendes Vorstandsmitglied des BVK. Zusammen mit den sich weiter eintrübenden wirtschaftlichen Aussichten belaste dies die Investitionsbereitschaft der Fonds.

Die Neugründungen, die deshalb aktuell auf dem Trockenen sitzen, müssen ihr Geld zusammenhalten. „Der Fokus bei Start-ups in diesem Jahr liegt sicher darauf, das Überleben zu sichern. Jeder muss strikte Kostendisziplin bewahren und ganz effizient Kunden sichern“, sagt der Chef und Mitgründer der Frachtvermittlungsplattform Forto, Michael Wax.

Deswegen habe Forto zur Sicherheit das Kapital aus der letzten Finanzierungsrunde noch zum größten Teil auf dem Konto und es nicht in das Geschäft gesteckt. „Wir rechnen nicht damit, dass sich an der abgekühlten Finanzierungslandschaft so schnell etwas ändert“, begründet Wax seine Vorsicht.

Für den Stimmungseinbruch Ende 2022 gibt es gleich mehrere Gründe:

  1. Die institutionellen Geldgeber wie etwa Versicherungen und Pensionskassen finden wieder attraktivere Zinsen bei Staats- und Unternehmensanleihen. Deshalb verringern sie die Mittelzusagen für Venture-Capital-Fonds, die vergleichsweise risikoreicher sind.

    Hinzu kommt ein technischer Aspekt: Wegen gesunkener Aktienkurse war der relative Anteil von Venture Capital in der Vermögenverwaltung der Profianleger höher ausgefallen, als dies teilweise von den Vorgaben der Aufseher her erlaubt war. Deshalb trat man bei neuen Zusagen für Wagniskapital auf die Bremse. Der Fachausdruck für das Phänomen ist der „Denominator-Effekt“.

  2. Die US-Investoren wurden im Jahresabschlussquartal zurückhaltender. Das galt vor allem für die realisierten Investments. Das schränkte wiederum die Investitionsmöglichkeiten für einheimische Investoren ein, da die US-Investoren als kapitalstarke Partner fehlten. Das geht auch aus dem „State of European Tech Report“ hervor.
  3. Die Insolvenz der Kryptobörse FTX im November war ein Schock für die Tech-Szene, der die Stimmungen auf den Venture-Capital-Märkten weltweit belastete. Mehrere Profianleger und Risikokapitalgeber waren von der Pleite betroffen. Das dürfte die Investitionszurückhaltung der US-Investoren noch verstärkt haben.
  4. Die über das Jahr negative Entwicklung der Unternehmenswerte haben im Zuge der Jahresabschlüsse vermutlich verstärkt zu buchhalterischen Wertberichtigungen geführt.

Klimatechnologien, Rüstung und Künstliche Intelligenz sind die neuen Spielfelder

Neben dem deutlich abgekühlten Geschäftsklima steht der Markt auch vor strukturellen Veränderungen, der Investitionsfokus der Fonds verschiebt sich hin zu neuen Technologien. „Der größte Fokus von Investoren liegt auf Sustainability (Nachhaltigkeit) und hier insbesondere auf Klimatechnologien“, sagt Julian Riedlbauer, Partner bei GP Bullhound. Im vergangenen Jahr seien weltweit mehr als 50 Milliarden Dollar in „Climate Tech“-Start-ups investiert worden, inzwischen fließe weltweit ein Viertel jedes investierten Venture-Dollars in Klimatechnologien.

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Zahlreiche Venture-Capital-Fonds hätten sich auf das Thema Climate spezialisiert, darunter etwa der World Fund, Extania, und Aenu. „Hier zeigt sich der Beginn eines grundlegenden Umdenkens von vielen Finanzmarktakteuren hin zu einem erweiterten Begriff des Investment-Erfolges, der neben den finanziellen Kennzahlen auch klimabezogene und gesellschaftsbezogene Ergebnisse mit einbezieht“, sagt Aenu-Partner Fabian Heilemann.

Ein weiterer Bereich mit viel Potenzial ist laut Riedlbauer das Segment Verteidigung. Die Nato habe 2022 einen Eine-Milliarde-Euro-Fonds angekündigt, um in frühphasige Verteidigungs-Tech-Unternehmen zu investieren.

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Auch bei anderen Risikokapitalgebern sei das Thema nicht länger so tabu wie vor dem Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine. Allerdings beschränke sich der Appetit aktuell auf Dual-Use-Technologien, die nicht einen explizit offensiven Charakter hätten und auch eine zivile Verwendung.

Ein weiterer interessanter Bereich ist Riedlbauer zufolge die Künstliche Intelligenz. Die Investitionen von Microsoft in OpenAI oder von Google seien dabei nur die am besten sichtbaren Entwicklungen. Und auch Softwarefirmen mit Produkten für Unternehmenskunden seien weiterhin sehr gefragt, weil der Sektor weniger konjunkturanfällig sei.

Forto-Mitgründer Michael Wax

Die Frachtvermittlungs-Plattform Forto hat den größten Teil des Kapitals aus ihrer letzten Finanzierungsrunde über 250 Millionen Dollar noch nicht angefasst.


(Foto: Forto)

Dabei gebe es einen starken Fokus auf die Profitabilität der Geschäftsmodelle. Auch der Partner des VCs Fortino Capital, Philipp Remy, macht hier Chancen aus: „Der Absturz der US-Tech-Aktien hat eine Kaufgelegenheit für neue Investitionen in Softwareunternehmen geschaffen, da der Markt nun wieder ein moderates Preisniveau erreicht hat.“

Neue Fonds haben es schwer

„In der aktuellen Marktsituation ist zu beobachten, dass sich bei institutionellen Investoren der Trend zu Qualität noch verstärkt und Bestandsinvestoren eine wichtige Rolle als Ankerinvestoren einnehmen“, sagt Jörg Goschin, Co-Geschäftsführer der KfW Capital. Venture-Capital-Fonds mit starken Teams und guter historischer Leistungsbilanz (track record) erhielten weiterhin Kapital von institutionellen Investoren.

Im Umkehrschluss bedeutet das laut Cavalry-Ventures-Mitgründer Claude Ritter allerdings auch: „Neue Fonds, die von Partnern ohne Erfolgsbilanz geführt werden, oder Fonds mit durchschnittlicher Performance, können kein Kapital einsammeln.“

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Mit dem Einbruch im vierten Quartal wächst die Gefahr, dass sich der Abstand zwischen dem europäischen beziehungsweise deutschen Markt und dem US-Markt wieder vergrößert, glaubt Steffen Pauls, Chef von Moonfare. Tatsächlich zeige sich das US-amerikanische Fundraising der Risikokapitalfonds im aktuellen Marktumfeld widerstandsfähiger als das europäische.

In den USA sehe man einen Anstieg der eingesammelten Mittel für VC-Fonds von 2021 bis 2022. In der EU dagegen seien die Auswirkungen des wirtschaftlichen Abschwungs deutlich spürbar: Das VC-Fundraising ging laut Pauls von 25 Milliarden Dollar im Jahr 2021 auf 23 Milliarden Dollar 2022 zurück (Stand: 3. Quartal 2022).

Das lasse sich zum Teil dadurch erklären, dass die Investoren in einem Abschwung auf etablierte Märkte und Manager auswichen, und die USA das Feld anführten. Hinzu kommt die Nähe zum Krieg in der Ukraine. Heilemann rechnet mit einer Trendumkehr erst im Laufe des zweiten Halbjahres, spätestens Anfang 2024.

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Eingetrübte Wachstumsaussichten für Europa und damit auch für Deutschland – als der größten Volkswirtschaft – könnten dafür sorgen, dass weniger Kapital hierherfließe, meint Goschin von der KfW Capital. Dies stelle aber umgekehrt für europäische Venture-Capital-Fonds eine Chance dar, sich als verlässlicher Partner für Start-ups zu positionieren.

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