Deepfake: Putin lacht über Scholz – Politik


Am Donnerstagnachmittag um 15.33 Uhr deutscher Zeit verschickt die russische Nachrichtenagentur Ria Nowosti einen Tweet, dessen Inhalt die Weltöffentlichkeit zunächst gar nicht richtig erfasst: “Putin schätzt Scholz’ Rede, nennt sie tiefgründig und bedeutsam. Der Kanzler sagt die richtigen Dinge” heißt es da.

Die Äußerung des russischen Präsidenten soll auf einer Technologiemesse gefallen sein. Da steht Putin vor einer Leinwand und von dort spricht der Bundeskanzler zu ihm, wie man in dem Video sieht. Aber huch, das ist gar nicht der richtige Kanzler, sondern eine Künstliche Intelligenz, ein sogenannter deep fake, wie einer der eilfertigen Mitarbeiter am Messestand Putin sogleich erläutert, denn der benutzt ja bekanntlich kein Internet, ist also vermutlich nicht so drin in der Thematik.

Die Programmierer haben Scholz Worte aus dem russischen Actionfilm “Bruder 2” in den Mund gelegt. Der ist im Jahr 2000 herausgekommen, spielt in Chicago und ist in Russland wegen seiner Dialoge beliebt. In der Ukraine allerdings hat ihn die nationale Filmakademie verboten, weil er Ukrainerinnen und Ukrainer diskriminiere.

Das Zitat, das die Ton-Ingenieure für ihren Scholz herausgepickt und mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz auf bewegte Bilder des Kanzlers synchronisiert haben, ist die bekannteste Stelle des Films. “Sagt mir, Amerikaner, worin liegt die Macht? Etwa im Geld? (…) Also ich glaube, dass die Macht in der Wahrheit liegt”. Holzschnittartige Sätze sind das, aber auch nicht schlechter als Passagen von Arnold Schwarzenegger in seinen Filmen. Der Kanzler spricht im Deep-fake-Video Deutsch. Das versteht Putin bekanntlich, er lebte einst in Dresden als KGB-Agent. Die Stimme changiert allerdings zwischen Navigationssystem und Märchenerzähler.

Als Zugabe haben die russischen Deep-fake-Spezialisten Scholz noch etwas untergeschoben, berühmte Worte garniert mit Tagespolitik. “Wir wollten das russische Gas aufgeben, aber um es mit den Worten eines russischen Klassikers zu sagen: Wir wollten das Beste, aber es kam wie immer.” Der letzte Satz ist ein geflügeltes Wort des früheren russischen Ministerpräsidenten Viktor Tschernomyrdin.

Da muss Putin schmunzeln, fast lachen sogar. Klar, der Fake-Scholz gefällt ihm. Von dem geht keine Gefahr aus, er muss also nicht an riesig langen Tischen auf Distanz gehalten werden. Und er gibt keine Mahnungen zur Unverletzlichkeit der Grenzen und der Achtung der Menschenwürde von sich.

Im Netz ist auch ein weiteres Video von Putins Besuch auf der Messe verfügbar, das noch einige Momente länger läuft als jenes von Ria Nowosti. Darin sagt der Messestand-Mitarbeiter, dass man den Fake-Scholz noch verbessern müsse. Die Sprunghaftigkeit in der Argumentation und das Kleben am Manuskript haben die Deep-fake-Ingenieure schon gut umgesetzt, das hat der Kanzler neulich in seiner Rede im Bundestag genauso gemacht. Die nächste Stufe wäre, das scholzig-schlumpfige Dreinblicken von der Künstlichen Intelligenz an der exakt richtigen Stelle einzubinden. Kompliziert, aber machbar. Weitere Ansätze für den russischen Scholzomat 2.0: Die Phrasen “Alles, was nötig ist, wird getan werden” und “You’ll never walk alone” noch stilecht einstreuen, dazu ein bisschen Doppel-Wumms. Und vermutlich können in Putins Welt, in der Lüge Wahrheit und Wahrheit Lüge ist, seine Deep-fake-Experten selbst das für ihn hinbiegen.



Quellenlink https://www.sueddeutsche.de/politik/scholz-putin-deep-fake-1.5703388