DB plant Großeinsatz von On-Demand-Bussen



Berlin Die Deutsche Bahn will ab 2030 rund 200 Millionen Reisende im Jahr in eigenen On-Demand-Bussen befördern, die also nur „auf Bestellung“ fahren. Das erklärte die für den DB-Regionalverkehr verantwortliche Vorständin Evelyn Palla am Dienstagabend in Berlin.

Mit der Initiative wolle die DB den Umstieg vom Privatauto auf den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) erleichtern, besonders abseits der Städte. „In Deutschland leben 55 Millionen Einwohner auf dem Land, wo es aktuell deutlich zu wenig ÖPNV gibt“, sagte die in Südtirol geborene Vorständin.

Für diese Menschen wolle man „den öffentlichen Regionalverkehr so flexibel machen wie das eigene Auto“. Fahrgäste würden die Shuttlebusse zu virtuellen Haltestellen bestellen, die die App ihnen anzeigt. Haltestellenschilder gäbe es dann nicht mehr und auch keine festen Fahrpläne, nach denen die Busse sie ansteuern. Die Shuttles sollen als Zubringer zum Schienenverkehr auch Pendler zu den Bahnhöfen bringen.

Bislang hat die DB den Service nur im Kleinen getestet – mit mäßigem Erfolg. Seit 2014 beförderte die Konzerntochter Clevershuttle Fahrgäste auf Abruf in ausgewählten Städten wie Leipzig, München oder Berlin, unterstützt durch die hauseigene IT-Plattform „Ioki“.

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Doch die Bahn stellte den eigenwirtschaftlichen Fahrbetrieb an den meisten Standorten zum Jahresende 2021 ein, weil sich der Betrieb nicht rechnete. Seitdem fahren die On-Demand-Shuttlebusse nur noch im Auftrag von Städten, Landkreisen oder Verkehrsverbünden – ein Geschäftsmodell, das sich im Nahverkehr auf der Schiene schon vor Jahren durchgesetzt hat.

Deutsche Bahn: Algorithmus stellt Fahrgemeinschaften für On-Demand-Busse zusammen

Unter dem neuen Betriebskonzept wird das Modell aktuell in 18 ländlichen Testgebieten erprobt. Ein Algorithmus der Bahn-App Ioki soll dabei automatisch Fahrgemeinschaften zusammenstellen und den Betrieb so wirtschaftlicher machen.

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In Aschaffenburg fahren bereits seit Februar 2022 Kleinbusse von Nissan, Mercedes und VW, die Reisende bis zehn Minuten vor dem gewünschten Fahrtantritt bestellen können. Im Kreis Regensburg fahren testweise vier Shuttlebusse im Auftrag der landkreiseigenen Verkehrsgesellschaft GFN.

Die Fahrt in den elektrischen Mercedes Vito kostet den üblichen Tarif plus einen Aufschlag von drei Euro pro Person und Fahrt. Im Chiemgau steuern die elektrischen Shuttles seit Mai 2022 bis zu 600 virtuelle Haltestellen an. 60.000 Fahrgäste habe man dort bereits transportiert, berichtet DB-Vorständin Palla.

Im sauerländischen Meinerzhagen startet ab März 2023 ein weiterer On-Demand-Testbetrieb, bei dem DB Regio erstmals auch konzerneigene Omnibusse einsetzt.

Deutsche Bahn testet autonome Busse in Meinerzhagen

Vernetzte, zuverlässige On-Demand-Shuttlebusse könnten den ländlichen Raum besser anbinden und bauen dafür auf bestehenden Technologien auf. Doch die Deutsche Bahn will bald auch das autonome Fahren testen und entwickelt aktuell selbstfahrende Busse mit der israelischen Firma Mobileye, einer Tochter des amerikanischen Intel-Konzerns. „Setzt sich der fahrerlose Shuttleverkehr durch“, sagt Palla, „wäre das ein Gamechanger“.

Evelyn Palla

Die DB-Vorständin für den Regionalverkehr stellte am Dienstagabend drei neue Projekte vor.


(Foto: Deutsche Bahn AG / Hans-Christian Plambeck)

Ab Ende dieses Jahres sollen die ersten Fahrgäste mit den 15 autonomen Shuttles fahren, die in Darmstadt und im Kreis Offenbach im Auftrag des Verkehrsverbunds Rhein-Main in den Testbetrieb gehen. Die Fahrer sollen nur noch in Notfällen eingreifen.

Das Taxigewerbe protestiert gegen Pläne der Deutschen Bahn

Wird die Testphase ein Erfolg, sollen die Busse dann ganz ohne Fahrer auskommen. „Der autonome Fahrbetrieb soll Level 4 erreichen“, kündigt Palla an. In Deutschland wäre die DB ein technologischer Vorreiter mit dem Modell, das bislang nur auf festen Routen und mit einer Fernüberwachung vom Gesetzgeber genehmigt ist. Zudem sollen die selbst steuernden Fahrzeuge in üblicher Geschwindigkeit im Straßenverkehr mitfließen.

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Scharfe Kritik an den On-Demand-Angeboten kommt vom deutschen Taxigewerbe. Der Bundesverband Taxi und Mietwagen fürchtet, die Anbieter planten, „mit dem Geld der Steuerzahler Parallelflotten aufzubauen“. Verbandspräsident Herwig Kollar sagt, das könne für die Taxibetriebe existenzbedrohend werden: „Gegen einen so stark subventionierten Verkehr anzukämpfen wird die Unternehmen überfordern.“ Der On-Demand-Verkehr müsse Sache des Taxigewerbes bleiben.

DB-Regio-Vorstandschefin Palla sieht „keinen Konflikt“ mit dem Taxigewerbe, sagte sie auf Anfrage des Handelsblatts. Schließlich hielten die Shuttles nicht an der Wohnungstür, sondern nur an festgelegten Haltestellen.

Konzept „Ideenzug“ soll Aufenthaltsqualität in Bahnen verbessern

Auch wer mit oder ohne Shuttlebus am Bahnhof ankommt und mit der Bahn weiterreist, soll von einer von zwei weiteren neuen Initiativen profitieren. „Ideenzug“ nennt DB-Regio-Chefin Palla den Plan, die Aufenthaltsqualität in den Vorortzügen zu verbessern.

Einer von ihnen gehe im März auf der Strecke zwischen München und Mühldorf in Betrieb. Getestet werden dabei neue Innenraumkonzepte wie Bürokabinen für die Arbeit im Zug, „Stammtische“ für Pendlergruppen, Sessel zum Ausruhen und separate Kinderbereiche.

Für den Einsatz in Großstädten dagegen plant Palla den „Ideenzug City“. „Im Metropolenverkehr erwarten wir einen erheblichen Fahrgastzuwachs“, sagt Palla. Entsprechend wolle man dort in den Zügen mehr Platz schaffen – etwa durch wegklappbare Sitze und eine Auslastungsanzeige am Bahnsteig, damit die Fahrgäste sich beim Einsteigen besser auf die Zuglänge verteilen. Dadurch könnte auch der Ein- und Ausstieg schneller erfolgen. Palla hofft, dass dadurch auch die Pünktlichkeit steigt.

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