Das Artensterben ist auch für Menschen gefährlich – Wissen


Das anhaltende Artensterben und die Übernutzung von Meeren, Wäldern und anderen Lebensräumen bedroht die Ernährung und die Gesundheit von Milliarden Menschen auf der Erde. Zu diesem Ergebnis kommt der Weltbiodiversitätsrat IPBES in der bislang umfangreichsten Analyse zur Nutzung wildlebender Tiere und Pflanzen durch den Menschen.

In dem am Freitag in Bonn vorgestellten Bericht warnen weltweit führende Experten aus Natur- und Sozialwissenschaften vor existenziellen Folgen des Naturverlusts für Menschen auf allen Erdteilen. Dem Report zufolge werden rund um den Globus rund 50 000 verschiedene Arten – Tiere, Pflanzen, Pilze und andere lebende Organismen – für überlebenswichtige Zwecke genutzt. Allein 10 000 Arten werden unmittelbar zur Ernährung verwendet. “Milliarden von Menschen in Industrie- und Entwicklungsländern profitieren täglich von der Nutzung wildlebender Arten als Nahrungsmittel, Energiequelle, Werkstoff, Medizin, Erholungsraum, Inspiration und vielen anderen lebenswichtigen Beiträgen zum menschlichen Wohlbefinden”, heißt es in dem “Statusbericht zur nachhaltigen Nutzung wild lebender Arten”.

Es ist der sechste Statusbericht zu einem ökologischen Schlüsselthema des zwischenstaatlichen UN-Gremiums, das seine rund 140 Mitgliedstaaten wissenschaftlich über den ökologischen Zustand der Erde berät. Für den Report hat ein Team aus 85 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern über vier Jahre hinweg mehr als 6000 Studien ausgewertet. In einem vor drei Jahren veröffentlichten Vorgänger-Bericht zur Situation der Ökosysteme hatte der Rat bereits davor gewarnt, dass weltweit innerhalb weniger Jahrzehnte eine Million Tier- und Pflanzenarten das Aussterben droht, wenn die Zerstörung und Übernutzung der natürlichen Lebensräume nicht rasch beendet wird. Daran knüpfen die IPBES-Experten in ihrem neuen Bericht nun mit der Warnung an, dass durch das Artensterben auch die physische und ökonomische Existenz von Milliarden Menschen gefährdet sei.

Artenschwund bedroht Wohlstand und Wohlbefinden auch im reichen Norden

Vor allem die Landbevölkerung in Entwicklungsländern sei bereits stark vom Artenrückgang durch eine nicht nachhaltige Nutzung der Natur betroffen, schreiben die Experten. 70 Prozent der armen Bevölkerung der Erde sei aber unmittelbar von der Nutzung von Tieren und Pflanzen abhängig. “Jeder fünfte Mensch ist auf Wildpflanzen, Algen und Pilze angewiesen, um sich zu ernähren und ein Einkommen zu erzielen”, sagt die Ko-Leitautorin des Berichts, Marla Emery. Fast zweieinhalb Milliarden Menschen brauchten Brennholz zum Kochen, und mehr als 100 Millionen Menschen weltweit lebten von der Kleinfischerei.

Diese natürlichen Existenzgrundlagen seien durch nicht nachhaltige Nutzungen der Natur etwa durch die industrielle Ausbeutung der Meere durch die Fischfangflotten reicher Staaten und aufstrebender Schwellenländer oder profitgetriebener Kahlschläge in den Wäldern der Erde akut bedroht, warnen die Experten. So zeigten neuere Analysen, dass mehr als ein Drittel der weltweiten Fischbestände überfischt würden. Mehr als jede zehnte Baumart der Erde werde zu stark abgeholzt. Weil viele Menschen in Entwicklungsländern oft keine andere Wahl hätten, seien sie gezwungen, ohnehin bereits gefährdete Arten weiter übermäßig stark auszubeuten und verschärften die Krise so weiter, beschreiben die Experten das Dilemma für Hunderte Millionen Menschen.

Die regelmäßige Nutzung von Arten sei aber nicht nur im globalen Süden existenziell, hebt der Report hervor. “Von den Fischen, die wir essen, bis hin zu Arzneimitteln, Kosmetika und Freizeitgestaltung – die Nutzung wild lebender Arten ist viel weiter verbreitet, als den meisten Menschen bewusst ist”, sagt Emery.

Ausführlich analysiert der Bericht auch die Bedeutung der Naturnutzung als Einkommensquelle für Abermillionen Menschen: Bäume aus natürlichem Anbau machen zwei Drittel des weltweiten Industrierundholzes aus; der Handel mit Wildpflanzen, Algen und Pilzen ist eine Milliarden-Dollar-Industrie; und auch die indirekte Nutzung von Tieren durch touristische Safaris, Birdwatching-Reisen und Fototouren sei mittlerweile ein großer Markt: Acht Milliarden Besucher hätten beispielsweise den Schutzgebieten der Erde vor der Corona-Pandemie pro Jahr 600 Milliarden Dollar eingebracht. In einem eigenen Report hatte der Weltbiodiversitätsrat bereits früher den Wert von Bestäubungsleistungen durch Insekten für die Lebensmittelproduktion ebenfalls auf bis zu 600 Milliarden Dollar pro Jahr beziffert.

“Wenn wir die Ursachen der nicht nachhaltigen Nutzung angehen und, wo immer möglich, diese Trends umkehren, hilft das den Arten und den Menschen, die von ihnen abhängen”, heißt es in dem Bericht. Neben Klimawandel und einer oft durch die Nachfrage aus reichen Ländern befeuerten zu intensiven Landnutzung machen die Experten auch den illegalen Handel mit Wildtieren als eine wesentliche Quelle für den Verlust von Artenvielfalt und damit nachhaltigen Einkommensmöglichkeiten für die lokale Bevölkerung aus. Der weltweite Handel mit Wildtieren und -pflanzen boomt seit vielen Jahren, auch der illegale. Illegaler Holzeinschlag, Piratenfischeri und der Fang geschützter Wildtiere habe sich neben Menschen- und Drogenhandel zu einem der weltweit größten verbotenen Handelsaktivität entwickelt. 200 Milliarden Dollar werden damit in jedem Jahr schätzungsweise umgesetzt.

Mehr Rechte für indigene Gemeinschaften helfen der Natur

In ihrem Report entwerfen die Experten auch Szenarien für eine nachhaltigere Nutzung wildlebender Arten. Hier werden beispielsweise die Abschaffung naturschädlicher Subventionen in der Forst- und Landwirtschaft und nachhaltig gestaltete Lieferketten als Beiträge für ein gesünderes Gleichgewicht aus Schutz und Nutzung der Natur genannt. Zertifizierungen und Öko-Siegel könnten einen Beitrag zu einer einträglicheren und gleichzeitig naturschonenderen Holzgewinnung leisten. Als eine der wichtigsten Maßnahmen für ein besseres Gleichgewicht aus Nutzung und Schutz der Naturschätze der Erde sehen die Experten einen besseren Schutz der Rechte indigener Gemeinschaften, die rund 40 Prozent der geschützten Landflächen der Erde bewirtschaften. Die Bewahrung ihrer traditionellen Methoden der Wertschöpfung durch Fischfang und Jagd helfe auch, die natürlichen Ressourcen langfristig zu bewahren.

Der Bericht gibt den Regierungen Rückenwind, die in den gerade laufenden Verhandlungen auf ein neues Weltnaturschutzabkommen auf ambitionierte Zielvorgaben dringen. Es soll im Dezember in Montreal beim Vertragsstaatengipfel der UN-Konvention zur Biologischen Vielfalt (CBD) verabschiedet werden und Regeln und Ziele für den Schutz und die nachhaltige Nutzung der Natur auf der Erde bis 2030 festlegen. Analog zu den Sachstandsberichten des Weltklimarates IPCC für die Klimagipfel bilden die IPBES-Reports eine wichtige Grundlage für die Abkommen unter der CBD. Eines der Ziele, das nach dem Wunsch vieler Staaten im neuen Abkommen festgeschrieben werden soll, ist der Schutz von 30 Prozent der Land- und der Meeresfläche der Erde. Dadurch soll den Ökosystemen und den darin lebenden Arten Raum zur Erholung gegeben werden, was wiederum die Voraussetzung für eine dauerhafte nachhaltige Nutzung der Naturschätze ist.



Quellenlink https://www.sueddeutsche.de/wissen/ipbes-artensterben-1.5617524