„Da verliert man jede Würde“


Am Tag der Besichtigung zieht Anne Sens ihr buntes Kleid an und legt ihre Glückskette um. Kreuze und Amulette baumeln daran. Eigentlich trägt sie die Kette nur bei der Nachsorgeuntersuchung, zu der sie alle drei Monate muss. Aber auch jetzt braucht sie Glück. Viel zu lange sucht sie schon. Und nun wirkt alles zum Greifen nah: zwei Zimmer, Fenster in Bad und Küche, Blick aufs Grüne – und das auch noch in Köpenick. Genau da, wo sie unbedingt hinwill. Es ist sogar eine Wohnung mit Wohnberechtigungsschein (WBS), die Miete bezahlbar also, auch für sie.

Schon Tage vorher hat sie Freunde und Familie angerufen. Guck mal, diese Wohnung! Und guck mal, diese Gegend! Alle sollen die Daumen drücken. Ihre Cousine begleitet sie zum Termin. Sie wohnt in der Nähe. Und außerdem hat sie ein Baby, und Babys machen doch bei solchen Terminen einen guten Eindruck. So erzählt es Anne Sens* etwa fünf Monate später. Sie sagt: „Ich wollte für diese Wohnung alles Menschliche in die Waagschale werfen. Aber das System hat keinen Raum mehr für Menschlichkeit.“

Berliner Verlag

Berliner Zeitung/Uroš Pajović

Es ist ein milder Spätsommertag Anfang September. Sens sitzt auf einer Bank auf dem  St.-Petri-Luisenstadt-Friedhof in Friedrichshain. Durch die Roteichen rauscht der Wind, ein Eichhörnchen hüpft von Ast zu Ast. Sens kommt fast jeden Tag hierher. Spazierengehen ist zu ihrem Ritual geworden, seit sie vor 14 Jahren ihre erste Brustkrebsdiagnose bekam. Da war sie 29.

Seit mehr als zwei Jahren ist sie auf Wohnungssuche. Mit WBS, der ihr den Zugang zu einem gesonderten Markt von Sozialwohnungen eröffnet. Den Schein bekommen Menschen, die zu wenig verdienen, um auf dem normalen Mietmarkt mithalten zu können. In Berlin liegt die Einkommensgrenze für einen Singlehaushalt bei 16.800 Euro im Jahr. Sens verdient deutlich weniger. 

Aber: 968.900 Haushalte in Berlin haben Anspruch auf einen Wohnberechtigungsschein. Das ergab die Antwort der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen auf eine parlamentarische Anfrage eines Abgeordneten der Linkspartei im Juli. In der Stadt gibt es nur 88.901 subventionierte Sozialwohnungen.

Trotzdem hofft Anne Sens, wie viele andere auch, dass der WBS ihr einen Vorteil im Kampf um eine neue Wohnung verschafft.

Am liebsten würde sie aus ihrer jetzigen Wohnung im Zentrum der Stadt gar nicht raus. Ein Traum sei die, sagt sie. Altbau, 65 Quadratmeter, zwei Zimmer. Und als sie vor elf Jahren einzog, war die Miete von etwa 600 Euro warm kein Problem. 

Sens wuchs in einem Neubauviertel von Marzahn auf, in einer fünfköpfigen Familie. In Marzahn lag auch ihre erste eigene Wohnung, die sie mit 21 mit ihrem Freund bezog. Schon diese Wohnung sei ein Glücksgriff gewesen, vierter Stock mit einem wunderbaren Blick auf die Gärten der Welt. „Viel schöner konnte man in Marzahn nicht wohnen“, sagt sie.

Spazierweg von Anne Sens: Sie lebt mit chronischem Krebs – und an der Armutsgrenze

Sebastian Wells/Ostkreuz

Spazierweg von Anne Sens: Sie lebt mit chronischem Krebs – und an der Armutsgrenze

Anne Sens studiert Politik und Kommunikation. Nach Praktika beim Radio, einer Zeitung, im Bundestag landet sie bei einer Unternehmensberatung am Ku’damm. Ein sicherer Job, bei dem sie gut verdient, durch die Republik reist. „Es war toll“, sagt sie, „alles, was ich kann, habe ich in dieser Zeit gelernt.“

Doch dann erkrankt sie an Brustkrebs. Ihr Leben wendet sich um 180 Grad. Chemo, Bestrahlung, OP. Ein Jahr körperlicher und mentaler Überlebenskampf. Sie versucht, optimistisch zu bleiben, mit Unterstützung ihrer Freunde, ihrer Familie und ihres Freundes. Ihre Beziehung überlebt diese Zeit trotzdem nicht. Sens bleibt in der gemeinsamen Wohnung.

Nach der Behandlung kann sie nur noch in Teilzeit arbeiten. Das Jahr hat Spuren hinterlassen: Sie leidet an einer posttraumatischen Belastungsstörung, kämpft mit permanenter Angst. „So eine Krankheit bedeutet einen absoluten Vertrauensverlust in den eigenen Körper.“ Bis heute hat sie Albträume, in denen sie vor Raubtieren wegrennt. Meist ist es ein Tiger. Am Ende entkommt sie knapp.

Als sie erfährt, dass ihr Ex eine Neue hat, beschließt sie, dass sie nicht länger in der Wohnung bleiben kann. Sie löst sich auch von Marzahn, der „Schlafstadt“, wie sie es nennt, und zieht nach Friedrichshain-Kreuzberg, in die Wohnung, in der bis heute lebt. Sie verdient auch in Teilzeit noch gut. Sie macht Skiurlaube, geht ins Kino und Theater, reist nach Laos und Thailand.

Im Herbst 2016, sie ist inzwischen 38, erkrankt sie erneut an Krebs, diesmal mit einer Metastase. Es wird klar: Die Erkrankung ist chronisch, sie wird zu 95 Prozent wiederkommen. Mit jedem weiteren Mal steigt die Wahrscheinlichkeit, dass dies zum Tode führt. „Nur wann, das ist die große Frage“, sagt Sens auf dem Friedhof. Sie schaut auf eine steinerne Frau, die, an eine Säule gelehnt, in die Ferne blickt. Ihre erneute Erkrankung empfinde sie als himmelschreiende Ungerechtigkeit, sagt sie.

Nach der zweiten Erkrankung kann Anne Sens nicht mehr arbeiten. Sie kann sich nur noch schlecht konzentrieren, manchmal findet sie die richtigen Worte nicht. Nebenwirkungen der Chemotherapie. Sie muss sich frühberenten lassen, mit 40.

„Heute bin ich an der oberen Armutsgrenze“, sagt sie. Sie hat etwa 1300 Euro im Monat zur Verfügung. Die Hälfte geht für ihre Miete drauf, die sich etwas erhöht hat. Eigentlich will sie nicht aus der Wohnung, sie beginnt zu sparen. Die Urlaube werden gestrichen. Wenn sie einen Raum verlässt, schaltet sie die Heizung aus. Sie fängt das Wasser beim Duschen auf und spült damit ihr Klo. Sie fährt ihr Leben auf Minimum.

Wohnungssuchende Sens: Unsicherheit in der eigenen Haut und in den eigenen vier Wänden.

Sebastian Wells/Ostkreuz

Wohnungssuchende Sens: Unsicherheit in der eigenen Haut und in den eigenen vier Wänden.

„Und es ging“, sagt Sens auf der Friedhofsbank. Bis ihr Vermieter im Jahr 2020 erklärt, er wolle die Wohnung verkaufen. Nun macht sich Angst in ihr breit. Wer wird der neue Eigentümer? Will er luxussanieren? Wird die Miete teurer? Zur Unsicherheit in der eigenen Haut kommt die Unsicherheit in den eigenen vier Wänden.

Sie beschließt: Ich brauche eine Wohnung, die vor Mieterhöhungen und Eigenbedarfskündigung geschützt ist. „Erst da ist mir klar geworden, was auf dem Wohnungsmarkt eigentlich los ist“, sagt sie. Alle Angebote, die sie sieht, sind viel zu teuer. Sie beantragt beim Wohnungsamt den WBS. Damit darf sie sich nun um eine Ein-Zimmer-Wohnung mit maximal 50 Quadratmetern bemühen. Mit jedem weiteren einziehenden Angehörigen hat man Anrecht auf ein Zimmer mehr.

Für Sens ist der eine Raum eine grausame Vorstellung. Sie will nicht in einem „Hotelzimmer“ wohnen, wie sie es nennt. Sie möchte Besuch bekommen, der ein eigenes Zimmer hat. Gerade dann, wenn der Krebs wiederkommt, wäre das wichtig. Außerdem übernimmt sie inzwischen kleinere Textarbeiten, verdient ein bisschen was dazu. Sie beantragt einen zweiten Raum. Abgelehnt. „Mit der Begründung, das bisschen Arbeiten rechtfertige keinen zweiten Raum, ich könne ja auch ohne überleben“, sagt Sens. „Da bin ich ausgeflippt, da verliert man ja jede Würde.“

Ihre Ärztin erstellt ein Gutachten, aus dem hervorgeht, dass ein zweiter Raum wichtig für Sens ist, die Schreibarbeit ihre psychische Gesundheit gewährleistet. Sie bekommt den Zuspruch und darf nun nach einer Zwei-Zimmer-Wohnung suchen, immer noch mit 50 Quadratmetern. Sie bekommt einen WBS mit „besonderem Wohnbedarf“. Nun sollte es schnell gehen, denkt sie. 

Serie: Wohn-Wahnsinn Berlin

Die Lage auf dem Wohnungsmarkt der Stadt ist mehr als angespannt. Politiker aller Parteien sprechen vom größten Problem, das Berlin zu lösen hat. Doch wie ergeht es denen, die mittendrin stecken, weil sie umziehen müssen oder nach Berlin kommen wollen?
Wir treffen Menschen, die mit oder ohne WBS suchen, die ins Umland fliehen, weil sie in Berlin nichts finden, oder die mit der Familie in zu kleinen Wohnungen ausharren. Und lassen die Glücklichen erzählen, die eine neue Wohnung aufgetan haben: Welche Tipps und Tricks haben wirklich geholfen?
Wenn auch Sie uns Ihre Wohnungssuche schildern wollen, können Sie uns gerne schreiben.
Kontakt: [email protected]

Bei den städtischen Wohnungsgesellschaften läuft die Vergabe inzwischen fast vollständig automatisiert. Die Nachfrage ist schlicht zu groß, als dass sich Menschen noch um alle Anfragen kümmern könnten. Im vergangenen Jahr waren rund 46.000 Berliner mit einem WBS auf Wohnungssuche. Im gleichen Zeitraum gab es etwa 9600 verfügbare WBS-Wohnungen.

Sie sollen in einem diskriminierungsfreien Prozess verteilt werden. Er funktioniert daher meist ungefähr so: Nach etwa 300 Bewerbungen wird eine Anzeige aus dem Netz genommen. Ein Automatismus wählt dann zufällig zehn Bewerber aus, die eine Einladung zum Besichtigungstermin bekommen. Unter den weiterhin Interessierten werden dann – erneut per Zufallsentscheid – drei ausgewählt, die ihre Unterlagen einreichen dürfen.

Im ersten Dreivierteljahr fährt Sens noch bei jeder Wohnungsanzeige, die ihr gefällt, in die jeweilige Straße und schaut sich die Gegend an. Möchte sie hier wohnen? Doch wenn sie sich bewerben will, ist die Wohnung schon lange weg. Sie lernt: In Berlin muss man sich erst bewerben und dann überlegen, ob man auch dort wohnen möchte. Anders geht es nicht.

Sie geht gezielter vor. Sie braucht eine ruhige, grüne Gegend, eine Wohnung in der Nähe von Freunden. Sie kommt auf Köpenick. Da wohnt ihre Cousine mit dem Baby, da ist ein Kiez und der Müggelsee um die Ecke. Da will sie hin. Doch in Köpenick bietet vor allem eine Wohnungsgesellschaft WBS-Wohnungen an. Die Degewo. Das Angebot ist begrenzt.

Sens aber spukt im Hinterkopf dauernd die Krankheit herum, der drohende Rückfall. „Wenn ich dann irgendwo in Berlin hocke, wo ich niemanden kenne, dann kommt doch auch niemand mehr zu mir“, sagt sie. Und außerdem: „Darf man denn keine Wünsche mehr haben, nur weil man im Leben Pech hatte?“

Ende vergangenen Jahres prüft sie ihre Einnahmen und ihre Ausgaben, die sie in einer Excel-Tabelle notiert hat, wie in jedem Jahr. Irgendetwas stimmt nicht. Ihre Ausgaben steigen, obwohl sie so sparsam ist. Die Inflation. In diesem Jahr verschärft sie sich, das Leben wird immer teurer. Für Sens bedeutet das: Bei der Wohnungssuche geht es nun um ihre Existenz.

Der diskriminierungsfreie Automatismus der Wohnungsgesellschaften macht aus der Suche eine Art Lottospiel. Egal ob man sich schon 200-mal beworben hat oder es zum ersten Mal tut: Die Chancen sind immer dieselben. Anne Sens verschickt etwa 50 Bewerbungen und wird nur zu drei Besichtigungen eingeladen. Nirgendwohin kann sie sich wenden und ihre Not schildern. Der Computer entscheidet.

Darf man denn keine Wünsche mehr haben, nur weil man im Leben Pech hatte?

Anne Sens sucht seit zwei Jahren eine neue Wohnung

Im Mai grenzt es für sie fast an ein Wunder, als sie eine Einladung zur Besichtigung in Köpenick erhält. Das muss sie sein, denkt sich Sens. Sie ruft alle an, geht mit ihrer Cousine zum Termin. Hat ihre Glückskette um. In der Wohnung fängt sie an, zu messen. Alles passt: Hier kann sie ihre Küche reinstellen. Und da ihre Couch. Sie geht zu der Sachbearbeiterin, die im Wohnzimmer mit ihrem Klemmbrett steht, zeigt ihr den WBS mit besonderem Wohnbedarf. So schildert Anne Sens den Termin, sie habe ihren Trumpf ausspielen wollen. Die Frau aber habe nur gesagt: Diese Wohnung sei nicht für den besonderen Wohnbedarf deklariert, der Schein bringe nichts. 

In der Nacht kann Sens nicht schlafen. Sie setzt sich an ihren Computer. Irgendjemand muss endlich erfahren, wie dringend es ist, wie unbedingt sie diese Wohnung will. Sie beginnt, ihre Geschichte aufzuschreiben. Sie sucht nach einer E-Mail-Adresse. „Und dann sitzt du da, im Schlafanzug, und schreibst deine halbe Lebensgeschichte an info@“, sagt Anne Sens und lacht. Sie zieht ihren Mantel enger um die Schultern. Es ist frisch geworden auf dem Friedhof.

Am nächsten Morgen, erzählt sie weiter, ruft sie bei der Wohnungsgesellschaft an und kommt überraschend durch die Warteschleife. Eine Frau ist in der Leitung. Endlich hört ihr jemand zu. Sens spult noch mal alles ab: Dass sie schwer krank sei, wie wichtig es für sie sei, nach Köpenick zu ziehen. Doch die Frau unterbricht sie. Sagt: Entschuldigung, aber so können sie das nicht machen. Wenn man eine Chance haben will, dann muss man sich überall bewerben. Dann muss man alles nehmen.

Da weiß auch Sens nicht mehr, was sie noch sagen soll. Eine Woche später erhält sie ihre bislang letzte Mail einer Wohnungsgesellschaft. Sie beginnt mit: Tut uns leid.

*Name geändert

Haben Sie Feedback? Schreiben Sie uns! [email protected]



Source link