Da müssen Sie am Wochenende hin: die Kulturtipps der Redaktion


Diesmal empfehlen wir ein Subwoofer-Bad, einen Psychiatrie-Ausbruch, die Princess of R&B, eine Begegnung mit der Plüschaxt und französisches Kino.

Leander Haußmann inszeniert am Rambazamba-Theater

Über die Souveränität der Unangepassten verfügen die Schauspieler des Rambazamba-Theaters nicht weniger als der Theater- und Filmregisseur Leander Haußmann, der um die Ecke wohnt und nun zum ersten Mal für das Inklusionstheater inszeniert hat. Etwas naheliegend der Stoff: „Einer flog über das Kuckucksnest“ nach dem Roman von Ken Kesey und dem Film von Miloš Forman. Die Geschichte von dem Gewaltverbrecher Randle, der seine Jahre lieber in der Psychiatrie als im Gefängnis absitzen möchte, simuliert ein Nervenleiden und bringt die Klinikordnung durcheinander, was sich sehr vorteilhaft auf die Laune der Mitinsassen auswirkt – leider geht es nicht gut aus, Randle wird lobotomiert und von Chief Bromden umgebracht.

Die Insassen mit Schwestern bei ihrem Ausflug in die Freiheit, vorn von links: Nele Winkler, Sebastian Urbanski, Jonas Sippel, Franziska Kleinert, hinten von links: Dirk Nadler, Christian Behrend, Amil Merickan, Matthias Mosbach

Die Insassen mit Schwestern bei ihrem Ausflug in die Freiheit, vorn von links: Nele Winkler, Sebastian Urbanski, Jonas Sippel, Franziska Kleinert, hinten von links: Dirk Nadler, Christian Behrend, Amil Merickan, Matthias MosbachPhilipp Zwanzig

Haußmann erzählt die Geschichte mit wenigen ausschlaggebenden Szenen nach, spielt auch ein paar Filmbilder aus dem Original ein und hat mit dem Cast selbst eine fröhliche Ausbruchsszene gedreht – mit Limousine, schicken Klamotten, schönen Frauen und rauchenden Colts. Es spielen Nele Winkler, Sebastian Urbanski, Jonas Sippel, Franziska Kleinert, Dirk Nadler, Christian Behrend, Amil Merickan und Matthias Mosbach. Macht fröhlich und mutig. Ulrich Seidler

„Einer flog über das Kuckucksnest“, 25., 26. Nov.: 19.30 Uhr;  27. Nov.: 18 Uhr; Karten und Informationen unter Tel.: 585836710 oder rambazamba-theater.de


Demnächst obdachlos? Der Verein der Berliner Künstlerinnen

Wie jedes Jahr kurz vor Weihnachten bietet der Verein der Berliner Künstlerinnen 1867 seine Jahresgaben an – Kunstwerke in kleinem Format, Editionen, die repräsentativ sind für das je umfangreiche Werk der beteiligten Künstlerinnen. Mitten in die Vorbereitung der Ausstellung aber kommt ein Schlag ins Kontor: Der Projektraum, den der Verein bislang im Kunst-Haus Mitte, getragen von der Kunst-Stiftung Asyl, mieten konnte, ist unerwartet gekündigt worden. Der Verein wird also zum 31. Januar obdachlos und sucht dringend neue Räume.

Ricoh Gerbl, Verein der Berliner Künstlerinnen 1867, „Ich möchte lieber nicht“, 2022, Axt, rosa Fell

Ricoh Gerbl, Verein der Berliner Künstlerinnen 1867, „Ich möchte lieber nicht“, 2022, Axt, rosa FellRicoh Gerbl/Verein der Berliner Künstlerinnen 1867l

Der traditionsreiche Verein wurde 1867 gegründet. Er ist damit eine der ältesten Kulturinstitutionen der Stadt. Viele bekannte Künstlerinnen der Moderne standen mit dem Berufsverband in enger Verbindung, so etwa Paula Modersohn-Becker, Käthe Kollwitz, Julie Wolfthorn, Charlotte Berend-Corinth, Lotte Laserstein, Jeanne Mammen, Emy Roeder oder Renée Sintenis. Sie durften damals ja noch nicht an den Staatlichen Kunstschulen studieren, wurden daher im Verein ausgebildet oder erhielten dort entscheidende künstlerische Impulse. Heute gehören dem Verein 59 Künstlerinnen aus aller Welt an, die in Berlin leben – und suchen Asyl. Ingeborg Ruthe

Haus Kunst Mitte, Heidestraße 54, 3. OG, 10557 Berlin (direkt am Hauptbahnhof), bis 29. Januar 2023, offen an allen Adventssonntagen von 12–18 Uhr und nach Vereinbarung unter jahresgaben@vdbk1867.de


Französische Filmwoche

Mit Jean-Luc Godard und Jean-Marie Straub hat der französische Film in diesem Jahr zwei Helden verloren. Wie es um ihre Erben steht, das können sich Berliner vom 24. bis 30. November selbst anschauen, wenn in sieben Kinos der Stadt die Französische Filmwoche stattfindet. Zu den Highlights gehören dieses Jahr: „Passagiere der Nacht“ mit Charlotte Gainsbourg als alleinerziehende Mutter im Paris der 1980er-Jahre, die eine heimatlose Jugendliche bei sich aufnimmt, Emma Benestans Debütfilm „Fragil“, in der ein südfranzösischer Austernzüchter seine Freundin zurückgewinnen will und generell alle Filme von Alice Diop, der die Veranstalter in diesem Jahr eine eigene Reihe widmen.

Die Dokumentarfilmerin hat mit „Saint Omer“ ihr Spielfilmdebüt über eine Frau, die für Kindsmord vor Gericht steht, vorgelegt und wurde damit sogar gleich in den Wettbewerb nach Venedig eingeladen. Bei der Französischen Filmwoche feiert der Film seine Deutschlandpremiere. Claudia Reinhard

22. Französische Filmwoche, 24.–30. November, alle Infos gibt es auf der Website.


„Spatial“ – Sound-Festival im Funkhaus

Wie es sich anhört, wenn neun überdimensionierte Subwoofer – die weltweit bislang größte Subwoofer-Installation überhaupt – freudig Bässe ballern? Das kann man an diesem Wochenende auf dem Soundkunst-Festival „Spatial“ herausfinden. Im Funkhaus in Oberschöneweide, wo das Festival stattfindet, hat die Künstlerin und Komponistin Stefanie Egedy die Subwoofer in einer 15 mal 30 Meter großen Betonhalle gruppiert, sodass die wellenartigen Geräusche sich hier möglichst weitläufig ausbreiten und geisterhaft von Wand zu Wand bouncen können. Das bringt Fensterscheiben zum Zittern, Stahlgeländer zum Erbeben und den Pizzamann der anliegenden Zola-Pizzeria zur Weißglut. Wer dabei neben den Boxen steht, dessen Trommelfell wird auch merklich strapaziert, nicht, weil sie so laut wären, sondern eher, weil die Frequenzen hier so tief liegen: Es ist ein auditives Experiment irgendwo zwischen Berghain und Neuer Musik. 

Innenansicht einer der Räume des Funkhaus, die an diesem Wochenende vom Spatial-Festival bespielt werden.

Innenansicht einer der Räume des Funkhaus, die an diesem Wochenende vom Spatial-Festival bespielt werden.

Mit ähnlich nach Zukunft klingenden Installationen will das Spatial-Festival hier den Top-Nodge-Standard der Sound- und KI-Kunst vorstellen. Ein weiteres Highlight: die Premiere einer Koproduktion zwischen dem Soundwalk Collective und der Punk-Pionierin Patti Smith. Das Album „Perfect Vision“, das sie hier vorstellen, ist unter anderem von den Schriften Antonin Artauds und Arthur Rimbauds inspiriert. In anderen Installationen wird Sound in KI-Parameter übersetzt, die sich dann formähnlich in einer glühbirnenartigen Lichtinstallation widerspiegeln. Es wird also ordentlich abgenerdet im Funkhaus dieses Wochenende. Wer daran etwas findet, sollte sich diese drei Tage räumlich-musikalischer Experimentierfreude keinesfalls entgehen lassen. Hanno Hauenstein

„Spatial – A Festival for Spatial Sound, Art, Music & Technology“,
im Funkhaus, Nalepastraße 18. Mehr Infos unter: www.monomsound.com/spatial


Konzert: Pip Millett im Prince Charles

Allerlei Vorschusslorbeeren hat die britische Georgia Willacy alias Pip Millett im Mutterland schon eingeheimst: Der Guardian fühlt sich bei Pip Millett an das Vibrato von Billie Eilish erinnert; das V Magazine sieht Millett als Musikerin schlechthin „in ihrer reinsten Form“; und das englische Musikmagazin Dork macht Pip Millett zu einer der großen Überfliegerinnen überhaupt 2022.

Und wir können nur bestätigen: All dies ist korrekt. Wer sphärischen R&B liebt, etwa in der Oldschool-Schule von Brandy einst oder von Solange und Kelela heute – dem kann man nur raten, zu Pip Millett ins Prince Charles zu gehen. Der Freitagabend ist dann ja klar. Bleibt nur noch die Frage offen, ob sie das Prince Charles 2023 dann auch eigentlich in King Charles umbenennen. Pip Millett müsste dann aber auch analog von der Prinzession zur Königin des R&B befördert werden. Stefan Hochgesand

Prince Charles, Prinzenstraße 85f, Freitag, 25. November, 20 Uhr



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