Corona-Lockdowns drücken Chinas Wachstum & belasten europäische Unternehmen


Berlin, Peking China riegelt sich aufgrund des jüngsten Coronaausbruchs immer weiter ab. Europäische Firmen in der Volksrepublik schlagen Alarm. Der Präsident der EU-Handelskammer in Peking, Jörg Wuttke, sprach am Freitag von einer „katastrophalen Situation“. Während sich die Welt öffne und zu „business as usual“ zurückkehre, sei man in China wieder in einer unsicheren Lage, so Wuttke.

Nach Einschätzung des Analysehauses Nomura ist mittlerweile mehr als ein Fünftel der gesamten chinesischen Wirtschaftsleistung von den Abriegelungen betroffen. Dabei hatte die chinesische Staatsführung erst Mitte des Monats gezieltere Maßnahmen verkündet, die zu einer Entlastung der Bevölkerung und der Wirtschaft beitragen sollten.

Doch in dieser Woche ist die Zahl der Coronainfektionen in China auf den höchsten Stand seit Beginn der Pandemie gestiegen. Szenen in Peking und anderen Städten erinnern an den Beginn der Pandemie im Jahr 2020: Die Straßen sind leer, nur vereinzelt sind Autos oder Menschen auf den Straßen zu sehen, Restaurants und Läden sind geschlossen.

Analysten warnen bereits vor den Folgen für das Wachstum der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt. Sollten die Auswirkungen auf die chinesische Wirtschaft ein ähnliches Ausmaß annehmen wie im zweiten Quartal dieses Jahres, als die Wirtschaftsmetropole Shanghai abgeriegelt wurde, so eine Einschätzung von Oxford Economics, müsste die Wachstumsprognose für das Jahr 2022 von derzeit 3,1 Prozent auf zwei bis 2,5 Prozent gesenkt werden.

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Das Analysehaus Nomura senkte seine Prognose für das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) im vierten Quartal bereits von 2,8 auf 2,4 Prozent im Jahresvergleich. Für das Gesamtjahr rechnen die Experten nur noch mit einem Wachstum von 2,8 Prozent. Die chinesische Notenbank greift der schwächelnden Wirtschaft daher mit einer Lockerung ihrer Geldpolitik unter die Arme. Der Mindestreservesatz – eine Art Pflichteinlage der Banken – sinkt um 0,25 Punkte, wie die Zentralbank am Freitag mitteilte. Die Senkung tritt zum 5. Dezember in Kraft.

Die drakonischen Maßnahmen sorgen für Unruhe

Die immer dramatischeren Maßnahmen im dritten Jahr der Pandemie sorgen in China für Unruhe. Landesweit kam es in den vergangenen Tagen zu Zusammenstößen von Bürgern mit Polizisten und anderem Sicherheitspersonal.

In einer Fabrik des Apple-Zulieferers Foxconn im ostchinesischen Zhengzhou prügelten Hunderte Polizisten auf Arbeiter ein, nachdem diese eine bessere Versorgung mit Lebensmitteln und eine bessere Bezahlung gefordert hatten.

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Für Unmut sorgen auch immer mehr Berichte über Menschen, die aufgrund der drakonischen Pandemiemaßnahmen gestorben sind: Der Nachrichtensender CNN etwa berichtet über einen Sohn, der seinen Vater verloren hat, weil dieser nach einem medizinischen Notfall aufgrund der Coronarestriktionen nicht in das nahegelegene Krankenhaus eingelassen wurde.

In der westchinesischen Provinz Xinjiang sind laut Medienberichten zehn Menschen bei einem Wohnungsbrand ums Leben gekommen, weil die Feuerwehr aufgrund von Corona-Abriegelungen nicht an die Brandstelle gelangte.

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Vertreter der europäischen Wirtschaft in China sprachen am Freitag von großen Sorgen über die neu verhängten Reiserestriktionen innerhalb der Volksrepublik. Viele Unternehmen hätten Geschäftsreisen aufgeschoben und bereiten sich auf anstehende Abriegelungen der Produktionsstätten vor, berichtete etwa Francis Liekens, Vertreter der EU-Handelskammer in Shanghai.

Europäische Firmen sind zunehmend besorgt

Auch in den Zentralen der europäischen Firmen sei man zunehmend besorgt über die Situation. „Schlechte Erinnerungen an die Abriegelung von Shanghai werden wach“, so Liekens. Anfang des Jahres durften die rund 25 Millionen Einwohner der chinesischen Wirtschaftsmetropole rund neun Wochen ihre Wohnungen nicht verlassen.

Im nordchinesischen Shenyang, wo auch der Autobauer BMW eine große Produktion hat, schlafen Mitarbeiter erneut in den Fabriken. Europäische Firmen in Südchina arbeiten aus Angst vor einer bevorstehenden Schließung sieben Tage die Woche, um ihre Bestellungen zu erfüllen.

Ein Stadtteil im Lockdown

China setzt die Null-Covid-Politik rigoros um.


(Foto: Bloomberg)

Unterbrechungen der Lieferketten hätten aufgrund der „Soft Lockdowns“ in Peking und vielen anderen Städten Chinas noch nicht vollständig durchgeschlagen, sagte Jens Hildebrandt, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der deutschen Außenhandelskammer (AHK) in China, dem Handelsblatt. Allerdings stellten sich deutsche Unternehmen bereits „auf schwerwiegende Auswirkungen in der Produktion ein“.

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Zahlreiche Angestellte gelangten derzeit durch die verschärften Maßnahmen nicht zu ihren Arbeitsplätzen. „Dass beinahe drei Jahre nach Ausbruch der Pandemie immer noch keine Exitstrategie zur Null-Covid-Politik in Sicht ist, stößt bei der deutschen Wirtschaft zunehmend auf Unverständnis“, kritisiert er.

Die ständigen Lockdowns belasten die Menschen extrem. Gerüchte über komplette Abriegelungen von Großstädten wie in Wuhan Anfang 2020 oder Shanghai Anfang 2022 machen die Runde. Menschen vermeiden es, Gebäude zu betreten, weil sie Angst davor haben, danach einen Anruf zu bekommen, dass dort ein Coronafall entdeckt wurde und sie in Zentralquarantäne müssen. Aufgrund der hohen Fallzahlen wurden im ganzen Land provisorische Container- und Zeltunterkünfte zur Quarantäne von potenziell Infizierten aufgebaut.

„Viele Menschen denken darüber nach, nach Europa zurückzukehren“

„Man hat dieses nagende Gefühl, dass man der Nächste sein wird“, sagte EU-Handelskammer-Präsident Wuttke. „Viele Menschen denken darüber nach, nach Europa zurückzukehren“, erklärt Erich Kaiserseder von der EU-Handelskammer in Shenyang.

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Der Grund dafür, dass China auch im dritten Jahr der Pandemie auf die drakonischen Maßnahmen setzt, ist neben der nach wie vor schlechten Ausstattung mit Krankenhäusern die sehr geringe Impfquote in der Bevölkerung. Insbesondere die ältere Bevölkerung ist de facto nicht geschützt vor den Folgen einer Ansteckung.

Offizielle Zahlen zeigen, dass gerade mal 40 Prozent der über 80-Jährigen eine dritte Impfung erhalten haben. Da jedoch in China ausschließlich chinesische Impfstoffe zum Einsatz kommen, die eine geringere Wirksamkeit als ausländische Vakzine haben, müsste diese Quote laut Experten viel höher sein.

Die chinesische Staatsführung hat das Land in ein Dilemma geführt. Die chinesische Regierung könne „auf keinen Fall“ jetzt die Maßnahmen lockern, sagte der deutsche Gesundheitsexperte Bernhard Schwartländer, der zurzeit an der Deutschen Botschaft in Peking arbeitet. „Die Impfquoten sind zu niedrig.“ Ein großer Teil der Bevölkerung sei derzeit nicht ausreichend geschützt.

In Peking wird gerätselt, warum China die Impfkampagnen nicht hochfährt oder die wirksameren mRNA-Impfstoffe aus dem Ausland nicht zulässt. Auch die europäische Wirtschaft appelliert seit Monaten an die chinesische Regierung, die Bevölkerung durch mehr Impfungen besser vor Ansteckungen zu schützen. China habe die Möglichkeit, etwas zu tun, so Wuttke.

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