Chefärztin aus dem Kreis Zwickau: Alkohol ist viel weiter verbreitet als Cannabis | Freie Presse


Neben der Diskussion um eine mögliche Freigabe von Cannabis macht Dr. Romana Pazdaj täglich Erfahrungen mit den Auswirkungen des Wirkstoffs THC. Sie ist Chefärztin für Psychiatrie und Psychologie am Fachklinikum Wiesen im Landkreis Zwickau, in dem seit Jahren Suchttherapien angeboten und Abhängige behandelt werden. Sie berichtet von den Vor- und Nachteilen von Cannabis.

Zwickau.

Freie Presse: Was ist eigentlich Cannabis?

Romana Pazdaj: Wir reden dabei von einer Pflanze mit rund 500 chemischen Substanzen, darunter auch THC, das Tetrahydrocannabinol. Das wirkt psychoaktiv und kommt vor allem in den weiblichen Blüten sowie in den Blättern der Pflanzen vor. Das Problem bei dem Wirkstoff ist: Je nach Wachstumsbedingungen kann man auf dem Schwarzmarkt Pflanzenteile mit einem Wirkstoffgehalt zwischen zwei und 18 Prozent bekommen – das kann man ohne Analyse gar nicht einschätzen.

Freie Presse: In der derzeitigen Diskussion über die Freigabe von Cannabis werden auch die gesundheitsfördernden Wirkungen von THC erwähnt. Welche sind das?

Romana Pazdaj: Es löst Ängste, wirkt auch antipsychotisch sowie gegen Entzündungen. Deswegen gibt es eine Reihe von Menschen, die THC anderen Medikamenten vorziehen, auch als Mittel gegen die Nebenwirkungen einer Chemotherapie.

Freie Presse: Allerdings ist das nur die eine Seite der Medaille. Es wird oft darauf hingewiesen, dass sich Cannabis auf Erwachsene anders auswirkt als auf Kinder und Jugendliche.

Romana Pazdaj: Das stimmt ganz genau. Viele sagen, Cannabis sei nicht schädlich, aber das stimmt nicht. Es greift in die Entwicklung des Gehirns ein. Dort wirkt es auf den präfrontalen Kortex und damit auf die emotionale Entwicklung und die Impulssteuerung. Deswegen ist Cannabis für Menschen im Alter zwischen 13 und 20 Jahren besonders schädlich, denn das Gehirn ist erst mit etwa Mitte 20 vollständig ausgereift. Also: Je früher man mit dem Cannabis-Konsum beginnt, desto größer ist die Gefahr, dass sich das Gehirn nicht normal entwickelt.

Freie Presse: Wie verbreitet ist der Cannabis-Konsum in der Bevölkerung?

Romana Pazdaj: In den Suchtberatungsstellen steht an erster Stelle der Alkohol, dann kommen die Stimulanzien wie Crystal und danach Cannabis, wobei das gar nicht mehr so sehr im Trend liegt. Bei unseren Patienten spielt Alkohol die größte Rolle, gefolgt von natürlichen und synthetischen Cannabisprodukten, dahinter rangieren Methamphetamin-Verbindungen.

Freie Presse: Das scheint erstaunlich, immerhin gilt doch Cannabis als eher sanfte Droge mit geringem bis gar keinem Suchtpotenzial.

Romana Pazdaj: Es gibt Menschen, die besonders empfindlich auf diese Droge reagieren. Sie können sogar typische Psychosen entwickeln. Ich habe bei Menschen schon schlimme Ausbrüche unter Einwirkung von Cannabis gesehen. Und irgendwann beginnen die Konsumenten, die Dosis zu steigern.

Freie Presse: Es macht also doch abhängig?

Romana Pazdaj: Wenn es nicht so wäre, hätten wir hier keine Patienten mit Psychosen oder Depressionen.

Freie Presse: Halten wir fest: Cannabis hat positive und negative Seiten.

Romana Pazdaj: Cannabis hat zwei Gesichter. Angesichts der medizinischen Vorteile würde ich als Ärztin Cannabis in bestimmten Fällen verschreiben. Aber man muss sehr genau hinschauen, was die Jugendlichen mit dieser Droge machen. Allerdings muss ich gleichzeitig sagen, dass hier in der Region Crystal Meth das größere Problem ist.

Freie Presse: Wie sieht eine Behandlung für Cannabisabhängige aus?

Romana Pazdaj: Sie ist sehr aufwendig, die Patienten sind meist sehr jung. Es braucht viele Gespräche auf Augenhöhe sowie Einfühlungsvermögen. Der Patient muss eines Tages selbst die Entscheidung treffen: Ich möchte kein Cannabis mehr nehmen.

Freie Presse: Ist Cannabis eine typische Einstiegsdroge?

Romana Pazdaj: Nein, ich würde dabei eher an das Rauchen und an Alkohol denken als an Cannabis.

Freie Presse: Glauben Sie, mit einer Freigabe von Cannabis würde sich in Ihrem Klinikalltag etwas ändern?

Romana Pazdaj: Das ist schwer zu sagen. Solche Studien gibt es nicht, auch nicht aus Ländern, in denen es freigegeben ist. Ich erwarte jedoch keine einschneidenden Veränderungen.

Freie Presse: Gibt es Themen, die Sie in der aktuellen Diskussion um die Cannabis-Freigabe vermissen?

Romana Pazdaj: Man sollte nicht aus den Augen verlieren, dass sich mit Cannabis auf Rezept viel Gutes für Schmerzpatienten ausrichten lässt. Vielleicht gibt es dann mehr Ärzte, die solche Rezepte ausstellen. Aber man darf nicht die Gefahren außer Acht lassen, die der Schwarzmarkt mit sich bringt, weil man nie weiß, wie hoch der Wirkstoffgehalt ist.



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