Auftakterfolg bei der WM: Brasilien hat Angst um Neymar – Sport


Die Nacht zum Freitag war in Katar schon angebrochen, da breitete sich in der Mixed Zone des Lusail-Stadions eine Wolke aus, die sündhaft teuer roch und die einen ganzen Schweif an Journalisten hinter sich her zog. Ein Mann zog durch die Mixed Zone, frisch geduscht und üppig parfümiert, und ging in kurzen Hosen und schweren Schrittes gen Ausgang.

Seine Beine steckten in schwarzen Kompressionsstrümpfen, die bis über die Knie reichten, und die Füße nicht etwa in teuren Sneakers, sondern in weißen Havaianas, den Flip-Flops. Wer da ging? Neymar Junior, 30, berühmteste Figur der brasilianischen Nationalmannschaft, einst 222 Millionen Euro schwerer Einkauf von Paris Saint-Germain – und nunmehr Objekt der Sorgen eines guten Teils der brasilianischen Nation ist.

Mit 2:0 hatte Brasilien kurz zuvor gegen Serbien gewonnen, durch zwei Tore von Richarlison, 25, Stürmer bei Tottenham Hotspur. Erst staubte der Stürmer im Strafraum ab (62.), dann erzielte er einen Treffer, der auf Jahrzehnte hinaus unter den Top 100 der schönsten WM-Treffer bleiben dürfte. Es war ein Seitfallzieher nach einer Hereingabe des Sturmkollegen Vinicius Junior, bei dem Richarlison selbst den Ball noch einmal so hoch chippte, dass er ihn in der Luft mit einem gewaltigen Scherenschlag ins Netz jagen konnte. “Es war ein wunderschönes Tor, es war akrobatisch, wahrscheinlich eines der schönsten meiner Karriere und auch des Turniers”, sagte Richarlison.

Man werde 24 bis 48 Stunden abwarten müssen, um ein klares Bild zu haben, sagte Brasiliens Teamarzt über Neymar

Doch selbst die Anmut seines Tores trat rasch in den Hintergrund. Weil Fotos kursierten, die einen geschwollenen rechten Knöchel zeigten. Und weil kurz vor Neymars Auftritt in der Mixed Zone Brasiliens Mannschaftsarzt Rodrigo Lesmar außerplanmäßig in den Pressesaal beordert wurde, um ein Statement zum Gesundheitszustand von Neymar zu geben.

Die Lage war, zusammengefasst, ernst.

Aber: Die Lage war auch noch recht frisch: Neymar habe eine Verstauchung erlitten – als Folge eines Traumas, das die Gewalteinwirkung des Knies eines serbischen Verteidigers verursacht habe, berichtete Dr. Lesmar. Der Knöchel der Nummer 10 der Nationalmannschaft Brasiliens weise ein Ödem und eine Schwellung auf; man werde 24 bis 48 Stunden abwarten müssen, um ein klares Bild zu haben, sollten Röntgenaufnahmen nötig werden, würde man sie anfertigen. Sagte der Arzt. Dann ergriff Nationaltrainer Tite das Wort, “Verzeihung, Doktor”.

Neymar sei zu dem Zeitpunkt, da die Tore von Rocharlison fielen, längst verletzt gewesen. Und sei elf Minuten lang mit der Verstauchung auf dem Platz geblieben, unter Scherzen, habe am Ende nicht weiterspielen können. “Das ist ein Umstand, den es bei der Gesamtbetrachtung zu beachten gilt”, sagte er mit dramatisch ernster Stimme. Das war weniger der Versuch, den Stürmer von PSG zum Märtyrer zu erheben, zum Helden der ersten WM-Schlacht, sondern es ging vor allem darum, Neymar vorauseilend zu schützen – vor neuen Debatten.

Derer hat Neymar genug am Hals – vor allem, seit er im Wahlkampf für den scheidenden Präsidenten Jair Bolsonaro in die brasilianische Wahlkampf-Bütt sprang. Der ultrarechte Bolsonaro ist bei der Hälfte der Brasilianer regelrecht verhasst – unter diesem Teil der Bevölkerung gibt es nicht nicht wenige, denen der Gedanke an einen Titelgewinn mit Neymar fast unerträglich erscheint. Denn es gilt als ausgemacht, dass der Fußballer einen solchen Erfolg Bolsonaro widmen und ihm mindestens sein Seleção-Trikot schenken würde.

Wie die meisten Spieler der brasilianischen Nationalmannschaft ist Neymar ein Anhänger Bolsonaros, der die Wahlen denkbar knapp verlor – und dessen Anhänger weit ruppiger und unfairer als die Serben im Lusail-Stadion agieren, um die Übergaben der Präsidentenschärpe zu torpedieren. Weil sie einen fast schon faschistoiden Anspruch auf die Macht im Lande geltend machen. Und weil sie nicht verkraften, dass Lula Inácio da Silva 50 plus 1 der Brasilianer auf seine Seite ziehen konnte.

Unabhängig davon scheint sich die Geschichte zu wiederholen, dass Neymar und die WM eine toxische Beziehung zueinander pflegen. 2010 verzichtete der damalige Nationaltrainer Carlos Dunga auf eine Berufung des damaligen Starlets. 2014 rammte ihm der Kolumbianer Juan Camilo Zúñiga das Knie in den Rücken. Neymar verpasste das 1:7 gegen Deutschland im Halbfinale – wegen eines Lendenwirbelbruchs, der ihn fast gelähmt hätte. 2018 hatte er mit den Folgen einer Mittelfuß-Fraktur zu kämpfen. Nun also schmerzt der Knöchel. Und Richarlison stahl ihm die Show – vor allem mit dem zweiten Tor.

“Ich habe in der Halbzeit gesagt: Ich brauche nur einen Ball, und der Ball kam”, erzählte der Londoner Stürmer nach der Partie: “Ich war fokussiert – und habe gut abgeschlossen.” Doch auch Richarlisons Gedanken galten Neymar: “Ich hoffe, er erholt sich so schnell wie möglich, damit wir ihn beim nächsten Spiel wieder bei 100 Prozent haben.” Dessen war sich Tite sicher: “Sie können die Gewissheit haben, dass Neymar diese WM spielen wird.”

Allerdings hatte Neymar schon einmal eine derartige Verletzung – in der Saison 2013/14. Damals musste er bei seinem damaligen Klub FC Barcelona für die Dauer von 32 Tagen aussetzen. Bei der WM fehlen aber nun maximal “sechs Spiele”, wie Neymar selbst in der Nacht zum Freitag in einem sozialen Netzwerk mitteilte – voller Optimismus mit Blick auf die Mission Titelgewinn. Und ohne jede Anspielung auf die Verletzung.

“Brasilien ist das Top-Team dieser WM. Da gibt es keinen Zweifel”, sagte Serbiens Trainer Stojkovic

Sollte er tatsächlich ausfallen, müsste Trainer Tite zwar auf den Franchise-Spieler der Brasilianer schlechthin verzichten. An Alternativen aber mangelt es nicht. Gegen die überaus sperrigen, aber gut präparierten Serben, die Brasilien in der ersten Halbzeit mit einer überzeugenden Defensivleistung vor Probleme stellten, spielte die Seleção ohne Neymar fast besser als mit ihm.

An der Berechtigung des Sieges der Brasilianer jedenfalls war kein Zweifel, die immer wieder mit schönen Individual-Aktionen getrüffelte Vorstellung war eines WM-Favoriten würdig. “Brasilien ist das Top-Team dieser WM. Da gibt es keinen Zweifel”, sagte Serbiens Trainer Dragan Stojkovic nach dem 0:2 gegen den Brasilien, das seit dem Titel 2002 nach der sechsten Krone seiner Geschichte greift. Die Frage ist: ob mit oder ohne Neymar.



Quellenlink https://www.sueddeutsche.de/sport/neymar-brasilien-serbien-1.5703172