Atomkraftwerke vom Netz, Blackout in der Ukraine: Russlands neue Strategie


Blackout in Kiew

Zeitweise war die ganze Stadt ohne Strom, die Energieversorgung wurde stark beschädigt.


(Foto: IMAGO/NurPhoto)

Kiew Nach dem heftigen russischen Raketenbeschuss der ukrainischen Energie-Infrastruktur sind mehr als zwei Drittel der Hauptstadt Kiew am Donnerstagmorgen noch ohne Stromversorgung. Ein Teil der Bevölkerung sei zudem von der Wasserversorgung abgeschnitten, teilt Bürgermeister Vitali Klitschko mit.

Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski forderte Mittwochabend in einer Sitzung des UN-Sicherheitsrats in New York, Moskau zu verurteilen. Russland müsse deutlich als terroristischer Staat bezeichnet werden. Die Angriffe auf die kritische Infrastruktur seien „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“. Er forderte mehr Unterstützung bei der Luftabwehr und bat darum, dass Expertenteams der Vereinten Nationen die Schäden untersuchten.

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Mit einem weiteren verheerenden Angriff gegen die Strom-, Wasser- und Wärmeversorgung hatte Russland am Mittwoch die Ukraine während einiger Stunden in fast vollständige Dunkelheit gestürzt. In allen Regionen fiel zeitweise der Strom aus, nachdem Moskau mit 67 Marschflugkörpern und etwa zehn Drohnen zivile Ziele attackiert hatte. Laut eigenen Angaben schoss die ukrainische Luftverteidigung 51 Marschflugkörper und die Hälfte der Drohnen ab. Mindestens zehn Personen wurden getötet, Dutzende verletzt.

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Wie schon bei früheren Attacken – die Russen führen seit dem 10. Oktober eine systematische Kampagne gegen die kritische Infrastruktur des Gegners – konnten die Ukrainer rasch einen Teil der Versorgung wiederherstellen. So funktionierte die Elektrizität laut Regierungsangaben bis 23 Uhr in 15 von 24 Regionen zumindest teilweise wieder. Laut Präsident Selenski blieb die Lage vor allem in der Hauptstadt sehr schwierig.

Militärbeobachter: Zeitpunkt der Eskalation ist bewusst gewählt

Da es letzte Woche im osteuropäischen Land bereits den ersten Schnee gab und die Temperaturen über Nacht unter den Gefrierpunkt fallen, wiegen die Folgen der Stromausfälle umso schwerer. Die Russen kalkulieren dies nach Ansicht von westlichen Militärbeobachtern in ihrer Taktik bewusst ein, die Eskalation der Angriffe kommt nicht zufällig zu diesem Zeitpunkt.

Zerstörung in Kiew

Aufräumarbeiten nach einem verheerenden Angriff auf die Hauptstadt der Ukraine.


(Foto: Getty Images)

Sie hoffen, die Zivilbevölkerung zu zermürben, um so die Unterstützung für den Verteidigungskampf zu schwächen, der auf dem Schlachtfeld erfolgreich ist. So haben die Ukrainer mehr als die Hälfte des von Moskau seit dem 24. Februar okkupierten Gebiets zurückerobert, jüngst die Großstadt Cherson.

Da die Besatzer bei ihrem Abzug aus vielen nun befreiten Gebieten die kritische Infrastruktur zerstört haben, riefen die zurückgekehrten ukrainischen Behörden die Bevölkerung teilweise zur Evakuierung auf. Um eine neue Flüchtlingswelle aus dem Rest des Landes nach Westen zu vermeiden, hat die Regierung unter anderem 4000 Orte eingerichtet, an denen sich die Menschen aufwärmen und ihr Handy laden können.

Ob dies genügt, gerade für die Versorgung älterer und wenig mobiler Menschen, ist jedoch eine andere Frage. In einem Interview mit der „Bild“-Zeitung schloss der Kiewer Bürgermeister Witali Klitschko „im schlimmsten Fall“ eine Teilevakuierung der Hauptstadt nicht aus.

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Die russischen Angriffe führten auch dazu, dass alle vier Atomkraftwerke temporär vom Netz genommen werden mussten, wobei die genauen Gründe vorläufig unklar blieben. Es war von Beschuss die Rede, der Netzbetreiber Ukrenerho erklärte allerdings, es bestehe keine unmittelbare Gefahr. Auch das Nachbarland Moldau, dessen Stromnetz mit dem ukrainischen verbunden ist, meldete weitreichende Stromausfälle. Bis zum späteren Abend konnte die Elektrizitätsversorgung laut offiziellen Angaben aber zu 90 Prozent wiederhergestellt werden.

In welchem Zustand das Energienetz der Ukraine ist, lässt sich gegenwärtig nur schwer abschätzen. Vor einer Woche meinte der Regierungschef Denis Schmihal, dieses sei zur Hälfte beschädigt oder zerstört. Am Mittwoch fügte er hinzu, die meisten wichtigen Kraftwerke befänden sich gegenwärtig in nicht funktionsfähigem Zustand. Das Land ist bei den Reparaturen zunehmend auf Hilfe aus dem Westen angewiesen – nicht zuletzt da Ersatzteile nur noch sehr schwer erhältlich sind.

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