Anna B. Savage: Musik und Melodrama


Anna B Savage

Anna B Savage

Foto: Laut.de

Wie die Gefühle, die in einem Künstlerkörper herumschwimmen, über allerlei technisches Gerät aufgezeichnet, auf einem Medium gespeichert, den Weg zu den Ohren finden und von Hörerin und Hörer als Ausdruck von etwas empfunden werden, was man selbst fühlt, es ist und bleibt ein rätselhafter Vorgang. Je tiefer es dabei gehen soll, desto höher die Fallhöhe von Text und Musik. Wenn über Verlust und Trennung gesungen wird beispielsweise. Das kann arg klischiert geraten (»If I Ain’t Got You« von Alicia Keys – trotzdem ein tolles Lied). Oder aber so, dass Allgemeines und Eigensinn bislang ungehörte Verbindungen eingehen.

Die 1999 in London geborene Anna B Savage bringt in ihrer Musik Selbstentblößung und Distanz so zueinander, dass man meinen könnte, das Verhältnis zwischen Musikerin und Hörer*in entspricht grob dem des lyrischen Ichs zum Verflossenen oder zur Verflossenen: Man sucht eine Nähe, die es nicht geben kann, und will immer wieder auf Abstand, den man nicht herstellen kann, weil man eine Nähe sucht, die es nicht geben kann. Und wieder von vorne.

»In Flux«, das zweite Album von Anna B Savage, beginnt mit einem Lied, das die Platte eröffnet wie ein programmatischer Song am Beginn eines Breitwandmelodrams. »The Ghost« ist der oder die Ex, etwas das nicht verschwinden will oder kann und doch nicht mehr da ist. Beides ist schrecklich und »The Ghost« eine Bitte um Gnade, wie Nick Cave sie wahrscheinlich gerne geschrieben hätte: »Stop haunting me / Please / Just set me free«. Dass dieser Geist nichts Ätherisches ist, sondern in den Körper der Trauernden eingegangen ist, stellt der Text dann auch noch klar: »What am I meant to do / With how much I loved you? / It’s everywhere, it’s under my nails / It’s in my hair«.

Selbstoffenbarung im Pop kann auch schnell unangenehm werden. Hier treffen die Klagelieder einen paradoxerweise gerade deswegen überraschend heftig, weil alles – Musik, Gesang – Formbewusstsein, Kontrolle und den passgenauen Einsatz der Mittel suggerieren. Anna B Savage kleidet ihren Gesang über Trennungsschmerz und Selbstfindung in einen makellosen, bis ins letzte Detail durchgestalteten Artpop. Die Stimme auch. Die ist nämlich meist sehr getragen, aber klingt wie von einer Schauspielerin gesungen, die eine Sängerin spielt, die mit einer sehr getragenen Stimme singt. Es wird auch mal geflüstert und geschrien, aber der Modus bleibt auch dann der gleiche: Hier tut niemand so, als wäre er im Schmerz ganz bei sich, sondern baut seine Kunst im Bewusstsein, dass dieses Ganz-bei-sich-sein eben genau der Ort ist, an dem man nie war, zu dem man aber will. Und darum geht es in diesen Songs ja auch. Insofern passt das alles. Auf »In Flux« finden Inhalt und Form auf glücklichste Weise zusammen.

Und es ist nicht alles Unglück. Im Titelsong singt Anna B Savage über einen melancholischen Bläsersatz über den Traum vom Sex mit einem Mann, von dem das lyrische Ich sich getrennt hat (oder er sich von ihm oder beide voneinander): »Last night, I dreamt we were one / We had sex / I didn’t cum«. Gefolgt von einem musikalisch schmissigen Refrain, der Hoffnung macht und das Elend im Versprechen einer besseren Zukunft auslöst: »I want to be alone / I’m happy on my own / Believe me«. Schön auch das angedeutete Zitat des Smiths-Songs »Last Night I Dreamed Somebody Loved Me«. Solche Texte könnte Morrissey heute vielleicht schreiben, wenn er nicht irgendwann bescheuert geworden wäre.

Anna B Savage: In Flux (City Slang/Rough Trade)





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