80 Jahre NS-Massaker von Kortelisy – Schuld ohne Sühne


“Es war am frühen Morgen, meine Mutter weckte mich und schrie: ‘Die Deutschen sind im Dorf, die Deutschen. Unser Dorf ist umzingelt.`”

Der 23. September 1942. Darija Alexandrovna Polivoda ist gerade mal zehn Jahre alt, als Kortelisy umstellt wird – ein Bauerndorf im Nordwesten der Ukraine, nur wenige Kilometer von der Grenze zu Belarus.

„In den anderen Häusern schrien Leute: ,Sie töten uns, sie töten!‘ Sie holten die Leute aus den Häusern. Ich versuchte immer durch das Fenster zu schauen, ich war noch ein kleines Kind. Ich bin dann später hingerannt, und ich sah blutüberströmte Leichen, aufgereiht, Kopf an Kopf. Da stand ein Mann in grauer Uniform, und dort stand auch ein Mann, die Leichen lagen an vier Stellen aufgereiht.“

Fast 3000 Ermordete

Innerhalb weniger Stunden ermorden die Deutschen fast 2900 Menschen, mehr als die Hälfte von ihnen Kinder. Darija Alexandrovna Polivoda gehört zu den wenigen, die das Massaker überlebt haben. Inzwischen sind fast alle Zeitzeugen verstorben. Doch in Kortelisy ist der Massenmord bis heute sehr präsent. Es gibt ein Mahnmal und ein Museum, das jahrelang von Maria Jaroschuk geleitet wurde.

Es fällt mir immer wieder schwer, über das Geschehene zu berichten, über das, was die Menschen erlebt haben. Unser Dorf wurde durch Polizeikompanie Nürnberg vernichtet. Bis 16 Uhr dauerte das Morden. Die Überlebenden berichten, dass es anfing zu regnen, es sah so aus, als ob der Himmel über das Schicksal der Menschen weinte. Nachdem die Hitleristen unser Dorf ausgeplündert hatten, sie alles mitnahmen, was sie tragen konnten, zündeten sie das Dorf an. Fünf Tage lang dauerte das blutige Geschehen.

Maria Jaroschuk, Bürgerin von Kortelisy

Verübt wird das Verbrechen von Kortelisy nicht von fanatischen SS-Männern, sondern von einer Kompanie von Ordnungspolizisten, die aus Nürnberg in die besetzte Region von Brest-Litowsk verlegt worden waren, sagt der Historiker Eckart Dietzfelbinger, der lange als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände Nürnberg tätig war.

„Es waren ganz normale Bürger, Menschen, Polizisten mit Familien und allem Drum und Dran. Es war eine Generation, die sehr einem nationalen oder nationalistischen Gefühl zuneigte, eine völkische Gesinnung hatte, antisemitisch war. Und dann fuhren die mit und waren überzeugt, dass sie Befehle, wenn die gegeben wurden, auch Menschen umzubringen, dass sie die auszuführen haben. Es waren keine Bestien. Aber Menschen sind verführbar bis hin, dass sie Mord und Totschlag begehen.“

NS-Verbrechen: Lügen, Leugnen, Verschleiern

Ganz normale Ordnungspolizisten aus Nürnberg, die in den Osten geschickt und dort zu Massenmördern werden – und nach dem Krieg einfach zurückkehren nach Franken, um wieder als Polizisten zu arbeiten. Eine Geschichte, aus der man viel lernen könnte über Indoktrination und Verführbarkeit in einem totalitären System, auch über gesellschaftliches und individuelles Verdrängen und Abspalten. Oder über das Versagen von Politik und Justiz bei der Aufarbeitung der nationalsozialistischen Menschheitsverbrechen.

Bedrückende Erinnerungen

Gerade in einer Stadt wie Nürnberg, die sich angesichts ihrer unrühmlichen Geschichte heute als „Stadt des Friedens und der Menschenrechte“ bezeichnet. Nürnberg ist aber nicht nur der Ort, wo die NSDAP ihre Reichsparteitage abhielt und ihre Rassengesetze verkündete. Sondern von hier aus zogen auch einfache Bürger, Polizisten los, um ungestraft Tausende Menschen zu massakrieren. Das aber ist bis heute kaum bekannt, bedauert Eckart Dietzfelbinger. Er findet das „sehr, sehr bedrückend“.

„Dann sahen wir, dass alle Leute erschossen wurden, denn unser Haus stand nicht weit von dem Platz entfernt. Dort, wo jetzt das große Denkmal steht. Ich bekam Angst, und wir versteckten uns im Stall hinter der Kuh. Wir hatten beide große Angst“, berichtet die Zeitzeugin Agawija Iwanowna Sachatschúk.

Todesangst im Versteck

Sie ist 22, als die Deutschen kommen. Wie die allermeisten Einwohner arbeitet sie in der Landwirtschaft. Ende der 1990er-Jahre erzählt sie ihre Geschichte einem Team von Nürnberger Journalisten, die in Kortelisy die letzten Zeitzeugen aufgespürt haben.

„Wir sahen einige Leichen verstreut herumliegen. Diese Menschen wurden bei dem Versuch zu fliehen erschossen. Die meisten Leichen lagen aber auf einem Haufen. Wir hatten schreckliche Angst hinzugehen, aber wir mussten hingehen, weil, es waren unsere Angehörigen, die getötet wurden. Wir haben Erde auf die Gräber geworfen, doch das Blut quoll aus der Erde hervor.“

Agawija Iwanowna Sachatschúk, Zeitzeugin des Massakers von Kortelisy

Das Foto zeigt eine sehr alte Frau mit faltigem Gesicht. Sie steht in einem dörflichen Garten und trägt ein Kopftuch. Sie blickt direkt in die Kamera.

Ende der 1990er-Jahre berichtete Agawija Iwanowna Sachatschúk als Zeitzeugin über die traumatischen Erlebnisse vom 23. September 1942. Sie war damals 22 Jahre alt.© Deutschlandradio / Jim Tobias

Warum dieser Massenmord? Welchen Zweck verfolgen die Deutschen damit, Tausende Menschen – Männer, Frauen, Greise, Kinder – niederzumetzeln? Und das alles nicht etwa spontan und willkürlich, sondern systematisch und minutiös geplant. Einen Tag vor dem Massaker ist der Einsatzbefehl ergangen: „Kompanie Nürnberg vernichtet Kortelisy“, heißt es darin. Und weiter: „Bis 4.35 Uhr ist die Ortschaft umstellt. Beginn des Unternehmens 5.30 Uhr.“

Eines von 70.000 Dörfern

Der Historiker Eckart Dietzfelbinger sagt: „Kortelisy ist nur, in Anführungszeichen, eines von 70.000 Dörfern, die kaputtgemacht wurden. 70.000! Und der Ost-Krieg war Hitlers zentraler Krieg überhaupt. Es war ein Rassekrieg, ein Vernichtungskrieg, der geführt worden ist aus der Ideologie, den jüdischen Bolschewismus kaputtzumachen. Und es gab zwei Zielgruppen von Menschen, die man liquidieren wollte, die man töten wollte. Das eine waren die Politoffiziere, die Kommissare, da gehörten die Partisanen dazu, und das andere war die jüdische Bevölkerung.“

Jüdinnen und Juden gibt es im September 1942 längst keine mehr in Kortelisy, sie sind schon ein Jahr zuvor von den Deutschen ins Ghetto von Ratno deportiert und umgebracht worden.

“In meiner Familie gab es keine Partisanen”

Nun werden die nichtjüdischen Bewohner verdächtigt, die Partisanen zu unterstützen, die sich in den ukrainischen und weißrussischen Wäldern und Sümpfen zusammengeschlossen haben und der deutschen Wehrmacht durch Überfälle und Sabotageakte das Leben schwer machen.

Doch Agawija Iwanowna Sachatschúk betont: „In meiner Familie gab es keine Partisanen, wir waren ganz einfache Leute, wir waren Bauern und arbeiteten auf den Feldern. Wir haben auch die deutschen Befehle befolgt. Wir waren gehorsam. Und dann kamen sie und haben uns alle erschossen.“

Darunter auch mehr als 1.600 Kinder. Glauben die Nürnberger Polizisten ernsthaft, dass diese Kinder Partisanen unterstützen? Dass es deshalb gerechtfertigt ist, sie umzubringen?

Nicht das einzige Verbrechen der Polizeikompanie

Der Massenmord von Kortelisy ist nicht das einzige Verbrechen der Nürnberger Polizeikompanie. Nur wenige Wochen später helfen die fränkischen Polizisten dabei, das jüdische Ghetto von Brest-Litowsk auszulöschen.

Nach dem Krieg kehren die meisten zurück nach Nürnberg, nehmen ihren Dienst als Schutzpolizisten wieder auf, machen Karriere im Staatsdienst. Anfang der 1960er-Jahre leitet die Staatsanwaltschaft zwar ein Verfahren ein – doch mit der Untersuchung beauftragt werden Nürnberger Polizisten, die nun gegen ihre eigenen Kollegen ermitteln.

Aus dem Protokoll der Vernehmung des Polizeiobermeisters Ludwig P.: „Sind Ihnen während Ihrer Tätigkeit bei der Polizeikompanie Nürnberg irgendwelche Vorfälle bekannt geworden, bei welchen Personen willkürlich erschossen wurden?“ – „Ich habe nie solche Vorfälle erlebt. Obwohl ich fast täglich unterwegs war und zu den einzelnen Stützpunkten gekommen bin, ist mir kein solcher Vorfall zu Ohren gekommen. Ich möchte dazu noch sagen, dass die Polizeieinheit bei der einheimischen Bevölkerung gut angesehen war.“

Nürnberg muss sich zu der Schuld bekennen

Der Historiker Eckart Dietzfelbinger fasst zusammen:

Die haben alles abgestritten, die haben gelogen, dass sich die Balken gebogen haben. Keiner hat’s gesehen, keiner war dabei, keiner hat geschossen, und das ist ein Lügenwerk. Das ist eine Lebenslüge. Aber nur mit dieser Lebenslüge vermochten die Eliten, die NS-Täter überhaupt in der Bundesrepublik weiterzuleben. Es wurde keiner der Polizisten, meines Wissens, zur Verantwortung gezogen. Die sind alle eines friedlichen Todes gestorben.

Eckart Dietzfelbinger, Historiker

Umso wichtiger sei es, dass der Massenmord von Kortelisy nun nach 80 Jahren endlich auch in Deutschland ins öffentliche Bewusstsein kommt, betont Dietzfelbinger. Dass man sich auch in der Stadt, aus der die Täter kamen, der Verantwortung stellt.

„Es wäre längst überfällig, dass eine Delegation der Stadt Nürnberg Kortelisy besucht, sich bekennt dazu, dass das eine Nürnberger Einheit war, sich entschuldigt und ihnen eine Kooperation anbietet. Ein Signal nach Kortelisy von Nürnberg ist längst überfällig im einundzwanzigsten Jahrhundert.“

Thema in der Dauerausstellung

Immerhin: In der neuen Dauerausstellung des Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände Nürnberg, die gerade konzipiert wird, sollen die Verbrechen der Nürnberger Polizeikompanie thematisiert werden.

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Kuratorin Nina Lutz will dazu auch Kontakt mit Kortelisy aufnehmen. „Weil: Es muss ja auch ein Museum geben und auch wahnsinnig viele Interviews mit Überlebenden zu dem Thema geben. Und natürlich ist es eine Spur, die ich unbedingt verfolgen möchte. Ja, also die Polizeikompanie beziehungsweise die Verbrechen wird auf jeden Fall in der neuen Dauerausstellung Einzug halten”, sagt sie.

“Warum keine Gewehrkugel für mich?”

In Kortelisy ist das Massaker vom 23. September 1942 bis heute unvergessen. Und die Überlebenden wie Agawija Iwanowna Sachatschúk hat es ohnehin zeitlebens nie mehr losgelassen:

„Ich frage mich bis heute noch oft, warum die Deutschen keine Gewehrkugel für mich mehr hatten? Warum haben die Deutschen wegen einer einzigen Kugel gegeizt. So schwer war, das alles zu erleben. Wir haben trotzdem weitergelebt. Ein Stück Brot hatten wir. Es war sehr schwer, unser Schicksal. Was können wir machen, was können wir machen? Das war unser Schicksal!“



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