Yasmina Rezas „James Brown trug Lockenwickler“ im Residenztheater


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Von: Katja Kraft

Szene aus „James Brown trug Lockenwickler“ mit Vincent zur Linden und Johannes Nussbaum
Wollen frei schweben wie das Halstuch von Jacob/Céline Dion (Vincent zur Linden, re.): er und sein Spezl Philippe (Johannes Nussbaum). © Sandra Then

„Gott des Gemetzels“-Autorin Yasmina Reza feiert Uraufführung ihres neuen Stückes „James Brown trug Lockenwickler“ im Münchner Residenztheater. Regie führt Philipp Stölzl. Geglückt!

Fangen wir mit der kleinen Sensation an. Auf Yasmina Rezas persönlichen Wunsch hin feierte am Freitagabend ihr neues Stück „James Brown trug Lockenwickler“ nämlich nicht etwa irgendwo in Frankreich, sondern im Münchner Residenztheater seine Uraufführung. Einzige Bedingung einer der meistgespielten Dramatikerinnen unserer Zeit: Philipp Stölzl solle inszenieren. Wer Rezas gerade auf Deutsch erschienenes Schauspiel (Hanser Verlag) gelesen hat und nun sieht, was der Münchner Regisseur daraus macht, versteht, warum. Stölzl schraubt durch seine Inszenierung alles noch eine Stufe weiter, mitunter ins Absurde. Die tragische Komik, die in Rezas Text liegt, treiben der Regisseur und sein hinreißendes Ensemble durch Slapstick, virtuose Körperlichkeit (Training: Paulina Alpen), vielsagende Mimik, wohlgesetzte Pausen und die eine oder andere gewitzte Überraschung auf die Spitze. Damit eine Sache gleich mal klar ist: Gaga sind hier alle.

Nicht nur Jacob (Vincent zur Linden). Ihn kennen Fans von Reza schon aus deren Roman „Glücklich die Glücklichen“. Der Sohn von Pascaline und Lionel Hutner hält sich für die Sängerin Céline Dion. Seine Eltern wiederum halten das für ziemlichen Schwachsinn. Und quartieren Jacob in einer Klinik ein. Geleitet wird die von einer namenlosen Psychiaterin. Und durch die Art, wie Lisa Wagner sie spielt, wird deutlich: Diese Frau Doktor ist auch nicht ganz knusper.

Lisa Wagner als Psychiaterin in Yasmina Rezas neuem Stück „James Brown trug Lockenwickler“
Märchenstunde: Lisa Wagner erzählt als Psychiaterin von Aschenputtel. © Sandra Then

Keine kann so schön die gelangweilte Schnute ziehen wie Wagner. Sie zieht sie oft an diesem Abend. Stellvertretend für alle, die genug davon haben, im 21. Jahrhundert noch ernsthaft darüber diskutieren zu müssen, dass Menschen in einer sich als frei rühmenden Gesellschaft auch wirklich frei sein dürfen. Jedem Tierchen sein Pläsierchen. Solange das Tierchen keinem anderen schadet, kann es doch seine Pläsierchen ausleben, wie es ihm gefällt. Und wenn das heißt, nur noch mit „Céline“ angesprochen werden zu wollen. Bisschen schräg, klar. Aber tut doch keinem weh.

Tut es doch. Den Eltern nämlich. Stölzl lässt Lionel und Pascaline Hutner und ihren Sohn durch eine im Bühnenboden eingefügte Drehscheibe mehr und mehr auseinanderdriften. Wunderbar, wie Michael Goldberg mit eingefrorener Dauerüberforderung im Gesicht den Vater spielt, der genauso mit seiner Identität hadert wie sein Sohn. Lionel weiß, was von ihm als „Familienoberhaupt“ erwartet wird – doch Waschlappen, der er in seinen eigenen Augen ist, schafft er es nicht einmal, für die Familie im Schwimmbad um Liegestühle zu bitten. Juliane Köhler als wie aufgezogen grinsende Mutter gibt ehrliches Interesse an ihrem Sohn nur vor. Wenn der ihr ein selbst geschriebenes Lied vorsingt, kreischt und tanzt sie begeistert mit, ohne auch nur eine Sekunde auf den Text zu achten, in dem ja so etwas wie eine Selbstoffenbarung des Burschen liegen könnte.

Keine Figur ist unschuldig

Und doch gilt, was die Psychiaterin an einer Stelle sagt. Im Märchen wie im Leben: Keine Figur ist unschuldig. Reza gelingt es, dass wir uns nie auf eine Seite schlagen. Naheliegend wäre ja, sein Herz den beiden jungen Männern zufliegen zu lassen, weil es Jacob und sein Spezl Philippe (Johannes Nussbaum), der sich für einen Schwarzen hält, schaffen, sich von gesellschaftlichen Konventionen frei zu machen. Aber sind sie nicht auch brutal im Herausreißen der eigenen Wurzeln? Wie gerät Ablösung nicht zur schmerzhaften Amputation?

Den zentralen Monolog des flotten, 100 Minuten (keine Pause) kurzen Abends spricht die Psychiaterin. Reza lässt sie in den Regieanweisungen an einem Pult stehen. Philipp Stölzl drückt ihr noch ein paar wirkungsvolle Requisiten in die Hand. Attrappen von menschlichen Füßen – der Filmmann weiß eben, wie man durch einfache Tricks das Publikum erheitert. (Lesen Sie hier: Philipp Stölzls Kino-Erfolg „Schachnovelle“) Es ist ja auch lachhaft, dieses Märchen vom Aschenputtel, das die Doktorin nun referiert. Was sagt es uns? „In einem Narrativ, wo nur die Gute, Schöne eines Königssohnes würdig ist, haben die zwei Schwestern keinerlei Chance. Nicht mal eine auf Mitleid, wenn sie sich mit verzweifelter Brutalität selbst verstümmeln, um ihre Füße passend zu machen.“ Und doch probieren wir liebesbedürftigen Menschlein alles, uns irgendwie in diesen glitzernden Schuh, der sich Konvention nennt, zu zwängen. Ganz schön gaga. Herzlicher Applaus, auch für die angereiste Autorin. Nächste Vorstellungen am 30. März sowie 10. und 22. April 2023; Telefon 089/ 21 85 19 40.



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