Spaniens Fußballnationalteam der Frauen: Meuterei per E-Mail – Sport


Am Donnerstagabend machte es auf dem E-Mail-Server des spanischen Fußballverbandes RFEF um 19.00 Uhr fünfzehn Mal “pling”. Und das setzte die RFEF in Brand.

Fünfzehn Spielerinnen des spanischen Nationalteams – zu denen die knieverletzte Weltfußballerin Alexia Putella vom FC Barcelona nicht zählt – schickten wortgleich formulierte elektronische Briefe an die RFEF, in denen sie wortgleich erklärten, wegen ihres “emotionalen und damit gesundheitlichen Zustands derzeit außerstande” zu sein, an den nächsten Spielen des Nationalteams teilzunehmen. Der RFEF sei die Lage bekannt; man stehe erst wieder für Länderspiele zur Verfügung, wenn “die Lage” korrigiert worden sei. In welcher Form? Das ergab sich aber aus der geharnischten Antwort des Verbands: “Die RFEF wird nicht zulassen, dass die Spielerinnen die Fortdauer der Amtszeit des Nationaltrainers und seines Teams infrage stellen.”

Spaniens Frauenteam: Schwierige Zusammenarbeit: Zwischen Trainer Jorge Vilda (links) und seinem Team um Kapitänin Irene Paredes (rechts) knirscht es offenkundig gewaltig.

Schwierige Zusammenarbeit: Zwischen Trainer Jorge Vilda (links) und seinem Team um Kapitänin Irene Paredes (rechts) knirscht es offenkundig gewaltig.

(Foto: Miguel Tona/Imago)

Vor ein paar Wochen schon sollen die Nationalspielerinnen den Kopf Jorge Vildas gefordert haben – was sie Anfang September bei einer Pressekonferenz dementierten. In Medienberichten war unter Berufung auf anonyme Quellen aus der Mannschaft von tiefen sportlichen Divergenzen die Rede. Sie brachen nach der enttäuschend verlaufenen Europameisterschaft 2022 auf, Spanien schied nach der Vorrunde aus. Demnach hätten sich die Spielerinnen über Vildas angebliche Inkompetenz beklagt. Er beachte Reservistinnen nicht, biete ein miserables Training an und liege bei der Behandlung von Verletzungen oft daneben. Während sich die spanische Öffentlichkeit fragte, ob das wohl alles sei – es gibt keine Hinweise darauf, dass es anders sein könnte – schäumte der Verband. Es handele sich um “Situation, die in der Geschichte des Fußballs, sowohl der Männer wie auch der Frauen, beispiellos ist, sowohl auf spanischem Gebiet wie weltweit.”

Die Spanierinnen werden unterstützt: US-Fußballerin Megan Rapinoe bezeichnet sich als “16. Spielerin”

Das freilich lässt sich leicht widerlegen: Die Frauenteams des FC Barcelona und von Real Madrid erzwangen per Epistel die Absetzungen ihrer jeweiligen Trainer Lluís Cortés (2017) und David Aznar (2021). Allerdings: Bei Männerteams zählt das geschriebene Wort nur sehr selten zum modus operandi, wenn ein missliebiger Coach abgesetzt werden soll; berühmt wurde aber der Fall des Männerteams der Franzosen bei der WM 2010, sie zwangen ihren Trainer Raymond Domenech zur Verlesung eines Kommuniqués. Millionenschwere Männerprofimannschaften liefern eher eine Handvoll schlechter Spiele ab und garnieren das mit diskret platzierten Andeutungen über echte oder vermeintliche taktische Fehler des Vorgesetzten in Fachmedien. Die Spanierinnen haben, immerhin, Resonanz der US-Nationalspielerin Megan Rapinoe erhalten. Sie könnten auf sie “als 16. Spielerin” zählen, schrieb die Fußballikone der Frauen.

So oder so: Die Reaktion der RFEF war der Wink mit einem Zaunpfahl, der höher geriet als der nach Picasso benannte Wolkenkratzer in Madrid. “Gemäß der geltenden spanischen Gesetze wird die Missachtung einer Berufung in ein Nationalteam als schweres Vergehen angesehen, das Sperren von zwei bis fünf Jahren nach sich ziehen kann”, schrieb die RFEF. Das wurde bislang nur bei zwei Separatisten umgesetzt: dem Galicier Nacho (Celta de Vigo) und Inaxio Kortabarria (Real Sociedad). Im vergangenen Jahrhundert.

Immerhin, der Verband teilte mit, nicht zum Äußersten greifen zu wollen. “Der Verband wird nur auf Fußballerinnen zählen, die sich verpflichtet fühlen – und wenn er mit Jugendlichen auflaufen muss.” Die Meuterinnen würden erst dann wieder für Spanien spielen dürfen, wenn sie ihren “Fehler” eingesehen und “um Vergebung gebeten” hätten. Auch Sportminister José Manuel Franco schaltete sich ein: “Dein Land zu repräsentieren, ist das Höchste, wonach ein Spanier streben kann!”, rief er im Rundfunksender Cope. Dem Vernehmen nach meinte er die Spanierinnen übrigens gleich mit. Wie es nun weitergeht, ist offen. Eine Fortsetzung des Dramas um die Meuterei der Fünfzehn gilt aber als gewiss.



Quellenlink https://www.sueddeutsche.de/sport/fussball-spanien-frauen-ruecktritt-trainer-jorge-vilda-1.5662815