So läuft die Spanien-Tour mit Iván Fischer


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Von: Markus Thiel

Das BR-Symphonieorchester im Palau de les Arts Reina Sofia in Valencia
Zum Auftaktkonzert im Palau de les Arts Reina Sofia spielte das BR-Symphonieorchester unter Iván Fischers Leitung unter anderem Gustav Mahlers fünfte Symphonie. © Astrid Ackermann/BRSO

Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks ist auf Spanien-Tournee. Erste Station der Konzertreise mit Dirigent Iván Fischer war Valencia.

Eine Zange, ein durchgeschnittener Zaun und ein paar Portionen Superkleber – auch einen Dirigenten kann das aus dem Konzept bringen. Während also im Südosten Berlins Klima-Aktivisten aufs Rollfeld radelten, um sich festzupappen, saß auch Iván Fischer fest, allerdings am Gate. Eigentlich eingecheckt für einen Flug mit Zwischenstopp nach Valencia. Vergeblich. Telefonate, Mails, Koffer wieder entladen, neu einchecken, eine hektische Kommunikation zwischen dem Ensemble, das bereits in Spanien angekommen war, und dem Pultmann. Das Ergebnis: Mit einem Extra-Übernachtungsstopp in Paris traf Fischer doch noch beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks ein. Nun eben zu einer auf den Nachmittag verschobenen Probe, sechs Stunden vor dem Konzert. Pragmatiker packen das.

Geplant war die Spanien-Tournee des Orchesters mit Zubin Mehta

Irgendwie passt das zur ganzen Reise. Ursprünglich wollten die Münchner in diesem Herbst durch Asien touren, mit dem 86-jährigen Zubin Mehta. Auch aus finanziellen Gründen musste das gekippt werden. Eine Spanien-Tournee wurde als Ersatz organisiert. Doch dann sagte Mehta ab, aus Erschöpfungsgründen, wie er mitteilen ließ. Iván Fischer, dem Orchester bestens vertraut, sprang ein. Valencia, Madrid, Barcelona, wieder Madrid, dann Zaragoza. Innerhalb Spaniens wird umweltbewusst der Schnellzug genommen. Ohnehin reist sich’s, so bestätigen Musikerinnen und Musiker, damit stressfreier.

Andere Umstände bedingen besondere Arbeitszeiten. Eine Probe pro Programm, mehr steht Fischer nicht zur Verfügung. Die Werke wie Mahlers Fünfte sind im Repertoire, außerdem wurde dieser Koloss gerade in München unter James Gaffigan gestemmt. „Ich möchte nicht zu viel verändern“, sagt Fischer zu Beginn. Eine Probe wird das, wie sich’s ein Orchester wünscht: knapp, schmerzlos, effizient, ohne viel Dirigentengerede, nur kurze Unterbrechungen. Wichtiges ruft Fischer dazwischen. Ein gewiefter Stellschraubendreher. „Statt Achtel bitte Zehntel. Es wäre schön, falls… Ich würde mich freuen, wenn…“ Der Ton ist höflich, aber bestimmt.

Mitglieder des BR-Symphonieorchesters in Valencia
Steile Treppen und ein Gänge-Labyrinth: Mitglieder des Orchesters auf dem komplizierten Weg zur Bühne. © Astrid Ackermann/BRSO

Das Auftaktkonzert lockt tout Valencia in den Palau de les Arts Reina Sofia. Das Auditorio hat 1490 Plätze. Und wer seinen Sitz findet, ob Orchester- oder Publikumsmitglied, hat Glück gehabt. Santiago Calatrava, großer Sohn der Stadt, hat sich ein kühnes Architekturspektakel erdacht, ein liegendes Auge am Rande des Zentrums. 2005 wurde der Bau mit seinen vier Sälen, darunter noch ein Opernhaus, eröffnet. Außen hui, doch drinnen die Ernüchterung. Ein Konzertort wie ein Hörsaal, die Sand- und Türkistöne sind geschmacklich so lala. Wegweiser gibt es für Besucherinnen und Besucher wenige. Auch kaum Foyers. Man blickt von zugigen Terrassen aufs nächtliche Valencia und wartet auf den Einlass. Hinter der Bühne ein Gänge-Labyrinth in Bunker-Beton. Zur Bühne muss man mit dem Lift in den achten Stock, manche Künstlergarderoben liegen auf „-3“. Ganze Orchesterbesetzungen seien hier irrend verhungert, witzelt einer.

Es ist die erste große Tour der BR-Symphoniker seit 2019

Immerhin: Die Orchester reisen wieder. Auch das ist ein Anzeichen, dass sich das Musikleben nach Corona langsam erholt. Auch wenn sich angesichts steigender Fracht- und Beförderungskosten die Frage stellt, ob Tourneen überhaupt noch durchführbar sein werden. Aber derzeit sind die Veranstalter offenbar liquide. Die Staatskapelle Berlin ist mit ihrer neuen Flamme Christian Thielemann gerade nach Südkorea und Japan aufgebrochen. Die Berliner Philharmoniker spielen in diesem Herbst in New York, Boston und Chicago. Und die Wiener Philharmoniker reisten mit Franz Welser-Möst nach Taiwan und Südkorea, zum Auftakt gab es zwei politisch umstrittene Konzerte in Hongkong, die nur Insidern aufgefallen sind. So war auch der Plan: Gastspiele in China? Gerade jetzt? „Man muss es nicht an die große Glocke hängen“, sagte eine Philharmoniker-Sprecherin dem „VAN“-Magazin.

Für das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks ist es tatsächlich die erste große Tournee (abgesehen von kurzen Städte-Ausflügen) seit November 2019, seit den letzten Konzerten mit Mariss Jansons. Damals, in der New Yorker Carnegie Hall, stand der Abend mit dem tödlich Geschwächten vor dem Abbruch, einen Monat später ist Jansons bekanntlich gestorben.

Das Konzerthaus von Santiago Calatrava in Valencia.
Außen hui, aber innen… Von Santiago Calatrava stammt die kühne Architektur. © Markus Thiel/Münchner Merkur

In Spanien haben die Münchner zuletzt 2014 gastiert. Nach dem Proben-Quickie mit Iván Fischer gelingt dort am Abend ein erstaunlich geschlossenes Konzert. Haydns Sinfonia concertante mit den orchestereigenen Solisten Radoslaw Szulc (Violine), Ramón Ortega Quero (Oboe), Mor Biron (Fagott) und Giorgo Kharadze (Cello) ist ganz sonnige, geistreiche Klangrede. Als Zugabe spielt das Quartett eine bejubelte Passacaglia von Händel.

Parallel zum WM-Spiel erklingen die „Vier letzten Lieder“ von Richard Strauss

Mahlers Fünfte wird danach nicht zur schwitzenden Bekenntnismusik. Völlig natürlich darf sich alles entfalten. Die Tempo-Architektur stimmt, auch die Balance zwischen Detail und Übersicht. Im letzten Satz hört man nicht (wie sonst oft) mehrfache, wie irrsinnige Finalanläufe in Richtung Ziellinie, alles bekommt seinen Eigenwert. Fischers Humor, sein musikantisches Temperament, seine wissende Coolness verhindern das Spektakel. Überhaupt Humor: Das zweite Tourneeprogramm ist reiner Richard Strauss. Sonntag, parallel zum WM-Spiel, erklingen in Madrid die „Vier letzten Lieder“. Bis Redaktionsschluss stand nicht fest, ob’s der passende Kommentar zum Match war.



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