Ohne Boden: „Guillermo del Toros Pinocchio“ im Kino und bei Netflix – Kultur


Kein warmes Kerzenlicht leuchtet in Meister Gepettos Werkstatt, sie liegt auch nicht, wie bei Disney, in einem verschlafenen italienischen Städtchen, sondern auf einem Hügel draußen am Waldrand. Das Grab eines Kindes, aus dem eine Kiefer wächst, befindet sich davor. Jeden Tag weint der Alte hier. Eines Nachts zieht er mit dem Beil hinaus, betrunken und voller Wut auf das Schicksal, das ihm den Sohn genommen hat, um den verfluchten Baum zu fällen. Er zerrt das Holz ins Haus und schnitzt mit groben Schnitten eine Marionettenpuppe, leert die Flasche. Dann kippt er um, schläft an Ort und Stelle ein und schnarcht, während die Gespenster des Waldes in das Holz kriechen.

“Guillermo del Toros Pinocchio” heißt – der deutlich lesbaren Handschrift seines Autors wegen – der Film, der die Geschichte der sprechenden Marionette Pinocchio neu erzählt. Es ist ein Animationsfilm mit lustig plappernden Sidekick-Charakteren wie der Grille Sebastian J. Cricket, mit Gesangseinlagen und einem comicartigen Bösewicht, der “Ich kontrolliere dich!” ruft – ein Kinderfilm, mindestens zum Teil. Trotz der Gräber, der Wut, der Verzweiflung, die hier am Anfang der Handlung stehen. Die Irritation darüber verfliegt beim Gucken nicht, sie vertieft sich vielmehr zu einem Filmerlebnis, das beiläufig interessante Fragen aufwirft: über das Verhältnis der Kindheit und des Märchens zum Horror, des Erwachsenenmärchens zum Kindermärchen – letztlich der Kindheit zum hölzernen Gerippe der Erwachsenenklugheit, das Lebensjahr für Lebensjahr dichter über sie wächst, bis der Kloß in der Brust schwer wird und man sich ins Kino schleppt, um endlich wieder weinen und lachen zu können.

Aber wir greifen vor – vielleicht auch deshalb, weil sich “Pinocchio” so anfühlt, als sei davor eine Menge passiert. Etwa del Toros sehr, sehr großer Film “Pans Labyrinth” von 2006. Dort entdeckt ein elfjähriges Mädchen während der Schrecken am Ende des Zweiten Weltkrieges eine Märchenwelt, in der ihr Vater, der König, sie als verschollene Prinzessin erwartet, um einen Fluch zu brechen, der sein magisches Reich befallen hat. Beide Welten, die fantastische und die reale, vermischen sich, das Märchen mit seinen kinderfressenden Monstern bietet keine Zuflucht vor der Realität, sondern zu bewältigende Prüfungen. Unfassbare Traurigkeit, unfassbares Glück, als das Mädchen am Ende mit einer Kugel im Bauch auf dem Waldboden liegt, während sie zugleich vor ihren königlichen Vater und das jubelnde Märchenvolk tritt. Erst im Licht der Verklärung wird es möglich, die Prüfungen zu bestehen, der unerträglichen Profanität der Gewalt zu begegnen, sich ihr zu widersetzen – dem Tod, dem Faschismus. So die zutiefst humanistische Hoffnung, die sämtliche von del Toros Filmen durchzieht.

Pinocchio könnte der perfekte Soldat sein – also schickt man ihn in den Krieg

“Pinocchio” schärft diese Idee weiter zu. “Pans Labyrinth” hatte eine Realfilmebene um eine teilweise animierte Märchenwelt, hier aber gibt es nur noch die im Stop-Motion-Verfahren entstandenen Animationen. Die Spannung zwischen Leben und Tod, den Welten der Erwachsenen und der Kinder, ist nunmehr eine innere Angelegenheit des Märchens. Das begreift man schon nach wenigen Minuten, als ein Surren ertönt und am Himmel der kindgerecht heiteren Welt, die Gepetto und sein Sohn Carlo miteinander teilen, Kampfflugzeuge auftauchen. Einmal mehr befinden wir uns in der Zeit des Zweiten Weltkriegs, wieder unter Faschisten, diesmal unter italienischen. Eine der Bomben, die diese Flugzeuge abwerfen, kostet Carlo das Leben.

Pinocchio tritt in das Leben Gepettos zunächst wie ein Quälgeist, der lachend Chaos in der Werkstatt verbreitet. Alles will er anfassen. “Oh boy, oh boy, oh boy”, sagt er aufgeregt immer wieder. Gepetto merkt schnell, dass dies keine böse Kraft ist – es ist das sprudelnde Leben, das sonst in Gestalt von Kindern die Welt der Erwachsenen fröhlich heimsucht.

Auch der Tod darf sich bald aussprechen, Pinocchio stirbt nämlich mehrfach und tritt dann, vorbei an einer Runde kartenspielender Hasen mit blau leuchtenden Augen, vor die göttliche Schwester des Geistes, der ihm das Leben geschenkt hat. Sie ist eine gütige Kraft, so wie der Tod im Mythos stets der gestrenge Verbündete der Lebenden ist. Ihr Gesicht, eine Maske mit einem langen seitlichen Horn, sieht aus wie das des Pans in “Pans Labyrinth”.

Disneys Pinocchio von 1940 musste “echt” werden, indem er den Versuchungen des Theaters, also der Fiktion, widersteht und sich kindlicher Ausschweifungen (die ihn “zum Esel machen”) enthält – eine Botschaft, die so trist und kinderfeindlich ist, dass einem das Herz stockt. Bei del Toro und dem als Co-Regisseur engagierten Animationsprofi Mark Gustafson bietet die Fiktion ebenfalls keine Rettung, bereitet aber doch die Erlösung vor. Pinocchio, der, wenn er stirbt, stets wieder auf die Erde zurückkehrt, soll für die Faschisten in den Krieg ziehen. Er wäre schließlich der perfekte Soldat.

Man steckt ihn zusammen mit anderen Kindern, die alle tapfere Faschisten werden wollen, in ein Ausbildungslager. Die Kleinen werden in zwei Gruppen aufgeteilt, kriegen Gewehre mit Farbkugeln in die Hände gedrückt, dann schwirren sie in die Übungs-Schützengräben aus wie auf einen Spielplatz. Gelbe und rote Farbe spritzt bald aus den Mündungen auf ihre Gesichter. Die Menschen sind grausamer als der Tod – aber del Toro zeigt das in doppelter fantastischer Entrückung: als ein Kinderspiel in einem Animationsfilm mit Musical-Elementen, ein Märchen ohne Boden. So viel Respekt vor der Welt der Kinder, sie davor nicht zu schonen und ihnen doch die Profanität des Krieges zu ersparen, so viel Respekt vor dem Leben, das sinnlose Spiel mit ihm auf diese Weise zu zeigen, haben nur die allergrößten Märchenerzähler.

Guillermo del Toros Pinocchio, USA, Mexiko, Frankreich 2022 – Regie: Guillermo del Toro, Mark Gustafson. Buch: Guillermo del Toro, Patrick McHale. Musik: Alexandre Desplat. Originalstimmen: Gregory Mann, David Bradley, Ewan McGregor, Christoph Waltz, Cate Blanchett, Tilda Swinton. Netflix, 114 Minuten. Kinostart: 24.11.2022. Streaming-Start: 9.12.2022.



Quellenlink https://www.sueddeutsche.de/kultur/guillermo-del-toro-pinocchio-rezension-kritik-1.5701578